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Hilfe – mein Mann emanzipiert mich

Mit den Waffen einer Frau, Wen Do

Von Unaussprechlichen und Liebestötern

Seemannsfrauenlos

Wo Frauen ihre Helden suchen


HILFE - MEIN MANN EMANZIPIERT MICH!

Nicht aus Prinzip oder weil es gerade schick ist - nein, mein Mann ist Hausmann von Natur aus. Sicher hält man mich seinetwegen für sehr beneidenswert und nimmt an, ich müßte überglücklich sein, ein solches Prachtexemplar von einem Mann "eingefangen" zu haben. Bin ich auch. Aber bis es soweit war, habe ich diesen vortrefflichen Menschen so manches Mal dahin gewünscht, wo der rote Pfeffer wächst.

Bevor ich meinen Mann kennenlernte, war für mich die Welt in Ordnung. Jahrelang hatte ich meine Wäsche gewaschen, ohne mir Gedanken über die ihr nach der chemischen Zusammensetzung zustehende Pflege zu machen. Jahrelang hatte ich mein schmutziges Geschirr wie Kraut und Rüben ins Spülbecken geworfen und durchaus kein schlechtes Gewissen dabei gehabt. Und jahrelang hatte ich Rührei gegessen, ohne auch nur zu ahnen, wie sehr man es mit Zwiebeln, Tomaten und Paprika verfeinern kann.

Außer der nötigen Zeit dazu fehlte mir die Begeisterung und vor allen Dingen das Interesse. Und außerdem konnte ich durchaus nicht einsehen, warum ohnehin farbige Bettwäsche noch leuchtender werden sollte und warum Geschirr strahlen mußte wie irgend etwas Hochkarätiges.

Nicht, daß ich faul gewesen wäre! Ich verbrachte zum Beispiel ganze Wochenenden damit, das Silberbesteck zu putzen, das ich zur Konfirmation erhalten hatte und nie benutzte, weil es so unpraktisch war. Ich putzte es, ganz einfach weil ich Spaß daran hatte, es zu polieren und dabei die komplizierten und sehr künstlerischen Muster zu betrachten. Oder ich wusch sämtliche Gardinen und freute mich darüber, wie sie im Frühlingswind auf der Leine flatterten. Oder ich putzte alle meine Schuhe - egal, ob sie schmutzig waren oder nicht. Ich liebe eben den Geruch von Leder und Schuhcreme.

Nein, faul war ich ganz bestimmt nicht. Ich hatte auch nie das Gefühl, etwas versäumt zu haben.

Bis der Hausmann in mein Leben trat.

Da verwandelte sich nun mein ruhiges sorgloses Dasein mit einem Schlag in einen Nervenkrieg.

Dabei trifft meinen Hausmann gar keine Schuld. Er war nur der Katalysator für die Entwicklung der Dinge. Es begann damit, daß mein Hausmann mir eines Morgens mexikanisches Rührei servierte. Natürlich freute ich mich - einmal darüber, daß er so aufmerksam war, und dann, weil es wirklich ein sehr schmackhaftes Frühstück war.

Aber gleichzeitig regte sich in mir auch etwas anderes: Bisher hatte ich nur Dinge getan, die mir Spaß machten. Kochen und Hausarbeit gehörten nicht dazu. Trotzdem war ich mir immer als durchaus vollwertiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft vorgekommen. Nun war das mit einemmal anders geworden. Da kam dieser Mensch daher und konnte nicht nur viel besser kochen als ich - er konnte, wie ich bald feststellen mußte, alles, aber auch wirklich alles besser als ich!

Ein ungeahnter Ehrgeiz packte mich. Ich kaufte Kochbücher über Kochbücher und steigerte mich in einen wahren Koch-, Brat- und Backtaumel hinein. Ich kochte Indisches, Spanisches und Griechisches. Ich verbrachte nun schlaflose Nächte damit, raffinierte Menüs zusammenzustellen. Kurz gesagt: Ich versuchte mit aller Kraft, mein Selbstgefühl gegen das mexikanische Rührei zu verteidigen.

Aber wenn es nur die Kochtöpfe gewesen wären, an denen ich zu brillieren und meinen Hausmann zu schlagen versuchte, wäre das Leben für mich noch erträglich gewesen. Aber vor meinen Augen entfaltete sich nun die ganze hohe Kunst der Hauswirtschaft. Was mein Mann auch tat - er tat es perfekt, wissenschaftlich genau und mit einer so entnervenden Selbstverständlichkeit, daß ich begann, Komplexe zu entwickeln.

Zuerst stellte mein Hausmann die Kücheneinrichtung um. Er sprach dabei von rationalisierten Arbeitsabläufen, von Zeit- und Kraftersparnis und von Erfahrungswerten. Das mochte für ihn zutreffen - mir erschwerte es nur mein frisch gebackenes Hausfrauendasein.

Meine Augen starr auf eines der neuen Kochbücher geheftet, griff ich zur Thymiandose und verletzte mich prompt am Dosen­öffner, der inzwischen ihren Platz eingenommen hatte. Leere Dosen fielen statt in den Mülleimer in den Kartoffelkorb.

Zeit- und Kraftersparnis? Nicht für mich!

Meistens lief es deshalb darauf hinaus, daß mein Hausmann kochte und nicht ich. Irgendwie hatte ich das Gefühl, daß er überhaupt alles tat und ich gar nichts.

Er wusch die Wäsche und wußte genau, wie jedes Wäschestück behandelt werden mußte. Das Bettenbeziehen gestaltete sich nicht länger zu einem atemberaubenden Abenteuer - ich war immer mitsamt dem Federbett in den Bezug gekrochen, um alle vier Zipfel ordnungsgemäß unterbringen zu können -, sondern wurde ganz sachlich und nebenbei in zehn Minuten erledigt.

Ich hätte glücklich und zufrieden sein müssen, denn schließlich nahm mein Hausmann mir ja alle Dinge ab, die ich aus tiefstem Herzen verabscheute. Aber ich war todunglücklich. Alles konnte er besser als ich.

Gelber Neid über seine so überaus erfolgreiche Haushaltsfüh­rung nagte an mir. Besessen von dem Ehrgeiz, von nun an alles mindestens ebenso gut - womöglich noch besser - zu können, verfiel ich auf die ausgefallensten Ideen.

Staubputzen war mir nicht länger genug - die Möbel mußten poliert werden. Die Fußböden wurden nicht mehr nur gewischt, sondern zusätzlich lackiert, und sämtliche Teppiche wurden ausgiebig gebürstet und shamponiert.

Ich kroch in alle Winkel und alle Ritzen, fand dabei einen seit langem vermißten linken Schuh, meinen Reisepaß, an die dreißig Haarklemmen und eine alte Zahnbürste. Ich räumte auf, aus und um - mit dem Ergebnis, daß ich nun weder meine Haarbürste wiederfand, die sonst griffbereit neben dem Bett gelegen hatte, noch den Schuhanzieher, dessen angestammter Platz zwischen den Blumentöpfen nun eine Gießkanne einnahm.

Mein Hausmann beobachtet schweigend, wie ich ständig gereizter wurde. Spülte ich ab, fielen mir die Teller aus der Hand. Bügelte ich, verbrannte ich die Wäsche. Kochte ich, tat ich statt Salz Zucker ans Essen. Zum Teufel - warum konnte mein Hausmann alles besser als ich?

Eines Abends - ich hatte in stundenlanger, mühevoller Arbeit ein kompliziertes französisches Gericht gekocht - sagte mein Hausmann: "Eigentlich esse ich lieber Bratkartoffeln."

Ich brach in Tränen aus.

Und dann sagte er: "Du bist müde und abgespannt. Ich glaube, du machst dir viel zuviel Arbeit."

Da brach es aus mir heraus: "Ich bin eben nicht zur Hausfrau geboren. Wenn du willst, kannst du dich scheiden lassen!"

Mein Hausmann lachte, was ich überaus herzlos fand. "Wenn du nicht zur Hausfrau geboren bist, warum versuchst du dann auf Biegen und Brechen eine zu sein?"

Nun mußte ich Farbe bekennen. "Es ruiniert einfach mein Selbstgefühl, daß du alles kannst und ich gar nichts! Ich weiß ja, daß ich eine Niete bin, aber du mußt zugeben, daß ich mir wenigstens Mühe gebe. Nur - irgendwie geht immer alles schief."

Sanft sagte er: "Vielleicht liegt es daran, daß du dich nicht zur Hausfrau eignest."

"Eben", sagte ich dumpf.

"Und du hast nicht einmal sehr viel Lust dazu, eine Hausfrau zu sein. Na?" bohrte er weiter.

"N...nein", sagte ich beklommen.

Nun wurde mein Hausmann logisch. "Also: Warum das Ganze?"

Wirklich: Warum das Ganze?

"Siehst du", sagte er nachsichtig. "Es gibt keinen Grund, warum nicht ich den Haushalt machen sollte. Du hast ja gesehen, daß ich das kann."

Das war es ja eben! Er konnte alles das, was ich nicht konnte.

"Na und?" sagte er. "Dafür kannst du vieles, was ich nicht kann. Du kannst Russisch und Althochdeutsch, und ich spreche nur ein bißchen Englisch. Und was ist mit den hübschen kleinen Geschichten, die du schreibst? Mir graut schon, wenn ich einen Brief schreiben muß. Warum tust du also nicht Dinge, die du kannst? Und überläßt mir die Sachen, die ich kann? Außerdem macht Hausarbeit mir Spaß".

Ich riß die Augen auf.

"Ja, Spaß. Man kann dabei wunderbar rationalisieren und planen und was weiß ich noch alles. Und daran habe ich Freude."

Es wurde ein langer Abend. Mein Hausmann überzeugte mich schließlich. Es war keine Schande, keine gute Hausfrau zu sein. Ich war keine Niete. Mir fiel ein Stein vom Herzen: Nie wieder müßte ich stundenlang am Herd stehen, nur um sein mexikanisches Rührei zu übertreffen, nie wieder aus Dutzenden von Tuben, Flaschen und Dosen Glanz in der Wohnung verbreiten, nie wieder...

Wir tun nun beide die Dinge, die uns Spaß machen.

Während mein Hausmann ungestört in der Küche herumwirtschaften kann, habe ich wieder Zeit dazu, mir meine kleinen Geschichten auszudenken.

Und ich putze sämtliche Schuhe - worüber mein Hausmann sich ganz besonders freut, weil er es haßt, Schuhe zu putzen. Während er abwäscht - erst die Gläser, dann Geschirr und Besteck, zuletzt die Töpfe -, putze ich Silberbesteck, das wir noch nie benutzt haben. Und wenn Gäste das mexikanische Rührei preisen, das ihnen vorgesetzt wird, dann betone ich neidlos, daß es mein Mann war, der dieses delikate Gericht kreiert hat. Worauf er sich bescheiden über den Pullover beugt, an dem er gerade strickt, und ganz nebenbei verkündet, daß ich inzwischen begonnen hätte, auch noch Japanisch zu lernen.

Die Welt ist wieder in Ordnung. Und seit ich festgestellt habe, daß mein Mann es einfach nicht fertigbringt, auf zwei Fingern zu pfeifen - was ich bis zur Perfektion beherrsche -, fühle ich mich ihm fast ein wenig überlegen.

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MIT DEN WAFFEN EINER FRAU; WEN DO

Freitag abend

"Schlag mich bitte noch einmal!"

"Wenn du mich jetzt bitte treten würdest?"

"Soll ich dich noch einmal würgen?"

Wir befinden uns nicht in der Sado- Masochismus- Szene, sondern in der nüchternen, ein wenig muffig riechenden Turnhalle der Volkshochschule einer norddeutschen Kleinstadt. Zwölf Frauen proben hier unter Anleitung einer Trainerin den Aufstand. Den Aufstand gegen männliche Gewalt nämlich. Nicht länger wollen wir unseren nächtlichen Heimweg durch dunkle Straßen mit feuchten Händen und gesträubtem Nackenhaar machen. Nicht länger wollen wir uns als das "schwache Geschlecht" fühlen. Deshalb haben wir uns zu diesem Wen Do-Wochenendkursus angemeldet.

Wen Do ist eine Selbstverteidigungstechnik, die vor etwa fünf­zehn Jahren aus ostasiatischen Kampfsportarten, Selbsterfahrung und Selbstbeobachtung speziell für Frauen entwickelt wurde. Wen steht für Women (Frauen), Do ist Japanisch und heißt Weg. Wen Do wird nur von Frauen an Frauen weitergegeben. Da die Trainerinnen nicht hierarchisch organisiert sind, gibt es auch keinen Zentralverband oder ähnliches, der für Informationsarbeit zuständig wäre. Wer Wen Do lernen will, erkundigt sich am besten in Frauenbuchläden, Frauencafés usw.

"Ich bin zweimal von meinem früheren Freund verprügelt worden", sagt Gesa, ein rundliches Mädchen mit Rehaugen. "Es war eine scheußliche Erfahrung. Das soll mir nicht noch mal passieren."

Sie ist die erste, die einen ganz konkreten Grund angibt, warum sie diesen Kurs besucht. Bisher ist nur ziemlich vage von Neugier und allgemeinem Interesse die Rede gewesen.

"Ich will mich ganz einfach wehren können", meint Carmen, eine ruhige junge Frauen mit langen Haaren und Nickelbrille.

"Und ich brauche mehr Selbstvertrauen, weil ich so klein bin", erklärt Ina. Mit ihren knappen ein Meter fünfzig und dem blonden Wuschelkopf könnte man sie für einen hübschen Knaben halten.

Maren kann ihre Beweggründe noch genauer definieren: "Rund um unser Wohngebiet sind englische Kasernen. Da wird man oft von betrunkenen Soldaten angemacht. Ich weiß dann nie, wie ich reagieren soll. Manchmal habe ich richtig Angst."

Angst.

Das ist es, was ich überwinden lernen will. Ich bin in meinem Leben bisher weder überfallen noch mißhandelt worden. Aber allein der Gedanke an einen Überfall lähmt mich bereits, und ich fühle mich wie ein Kaninchen, das von einer - nicht einmal vorhandenen - Schlange fixiert wird. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich mich gegen irgend jemanden zur Wehr setzen würde. Immer denke ich, es muß sein wie in diesen schrecklichen Träumen, in denen man sich nicht wehren und auch nicht weglaufen kann.

"Wenn da aber auch so ein Kerl vor dir steht und der ist viel größer und stärker als du - wie soll man da nicht Angst kriegen?" fragt Elke, eine stämmige Vierzigerin.

Xadu, unsere Trainerin lacht. "In euren Phantasien gibt es offensichtlich nur Männer, die mindestens zwei Meter groß und einen Meter breit sind." Sie selbst ist eine schmale, eher kleine Person und weder muskelbepackt noch sonstwie besonders stark aussehend. "Seht euch die Männer doch mal an. Auf der Straße, in der Kneipe, ganz bewußt. Die meisten sind nicht halb so groß wie ihr euch einbildet."

Und das ist das erste, was wir lernen: einer Gefahr - oder auch nur den Dingen, die wir für eine Gefahr halten - ins Auge zu sehen. Daß wir die Menschen für gefährlicher halten als sie sind, hat schon Goethe gewußt. Xadu kann dies nur bestätigen. Wen Do ist also nicht nur eine physische, sondern auch eine geistige Form der Selbstverteidigung. Denn Selbstbewußtsein bietet schon von vornherein einen gewissen Schutz, während Angst und Unsicherheit nicht selten Übergriffe erst provozieren.

Das zweite, was wir lernen, ist, daß es nicht auf unsere Körpergröße oder -kraft ankommt. Es gibt auch keine Altersgrenze, denn sowohl für Kinder wie für Großmütter gibt es besondere Techniken, die ihrer Körpergröße und Leistungsfähigkeit entsprechen. Jede Frau kann sich wehren - und meistens erfolgreich.

Inzwischen hat Xadu einen Stapel Bretter aus ihrem Rucksack geholt. Die Bretter sind etwa 2O mal 2O Zentimeter groß und gut zwei Zentimeter dick. Sie schiebt zwei Turnhallenbänke so dicht zusammen, daß ein handbreiter Zwischenraum bleibt. Über diesen wird ein Brett gelegt. Xadu kniet sich vor die Bänke, schwingt langsam die rechte Faust - und schlägt plötzlich mit einem lauten Ausatmen das Brett mittendurch.

"Also - wer will als erste?"

Zweifelnd sehen wir uns an. Bretter durchschlagen - mit unseren zartgepflegten Händen? Ich kann mir nicht vorstellen, daß das funktionieren soll.

Schließlich steht Anne auf. In ihrem hautengen Gymnastikanzug wirkt sie ein bißchen exotisch in unserer Jeans- und Jogging-Anzug- Runde.

Sie kniet sich hin, atmet tief, schwingt die Faust und - zack! Das Brett zerfällt sauber in zwei Teile. Als die Reihe an mich kommt, glaube ich immer noch nicht, daß es klappt. Ich schlage zu - und betrachte ungläubig die beiden Bretthälften. Ich habe ein Brett durchgehauen? Mit meinen bloßen Händen? Möglicher­weise kann ich mir dann ja noch ganz andere Dinge zutrauen.

Nur zweien gelingt das Brettzertrümmern nicht auf Anhieb. Xadu legt ein Blatt simples Schreibmaschinenpapier über das Holz.

"Stellt euch vor, ihr schlagt durch Papier!"

Und tatsächlich - jetzt gelingt es.

Nun demonstriert Xadu die richtige Haltung und Atemtechnik und bringt uns die ersten Verteidigungsschläge und -tritte bei. Jede sucht sich eine Partnerin zum Üben und abwechselnd simulieren wir den Angreifer, gegen den es sich zu verteidigen gilt. Die verschiedensten Situationen werden durchgespielt: Würgen, Umklammern, Zu- Boden- Werfen. Und immer gibt es mindestens eine Möglichkeit, sich erfolgreich zu wehren.

Mit viel "Ho!Ho!"- Geschrei rangeln wir uns herum und haben das Gefühl, gerade erst richtig warm zu werden. Da heißt es: genug für heute. Um zehn Uhr will der Hausmeister abschließen und er legt Wert auf Pünktlichkeit.

In einer geradezu euphorischen Stimmung fahre ich nach Hause. Ich habe Möglichkeiten in mir entdeckt, von deren Vorhandensein ich bisher nicht die geringste Ahnung hatte.

Nur die Sache mit dem Brett geht mir nicht aus dem Kopf. Möglicherweise war das Holz doch präpariert - um uns ein Erfolgserlebnis zu vermitteln? Zu Hause durchforsche ich den Schuppen mit dem Kaminholz und finde tatsächlich ein geeignetes Brett aus Kiefernholz. Jetzt kommt der Augenblick der Wahrheit. Ich lege das Brett auf zwei Stühle, atme tief, schwinge meine Faust und - zack! Auch dieses Brett bricht sauber mittendurch. Ohne jeden Trick, nur durch meine eigene Kraft.

Samstag

"Wer hat was geträumt in der letzten Nacht?" fragt Xadu, als wir alle wieder in der Turnhalle versammelt sind.

Die meisten haben gar nicht geträumt oder erinnern sich nicht daran. Wie bei einigen anderen geisterte auch bei mir das am Abend Erlebte durch meine Träume. Mein - vor Jahren verstorbener - Vater kam darin vor. Am Ende mußte ich ihm die Hände verbinden. Also hatte es wahrscheinlich eine tätliche Auseinandersetzung zwischen uns gegeben - was im wirklichen Leben nie der Fall gewesen war.

Ich habe keine Ahnung, was dieser Traum bedeuten könnte. Aber im Laufe des Tages kommen noch mehr rätselhafte Empfindungen und Gefühle in mir auf, mit denen ich mich auseinandersetzen muß.

Zunächst heißt es Aufwärmen: Laufen, ein paar gymnastische Übungen, gegenseitiges Massieren. Wohlig ist das und angenehm, daß wir fast vor Behagen schnurren.

Aber dies ist kein Kuschelkursus. Das wird spätestens dann klar, als Xadu den Unterschied zwischen den harten und den weichen Techniken des Wen Do erläutert. Weiche Techniken können immerhin Schlüsselbein-, Nasen- und andere Brüche verursachen, Verletzungen allerdings, die glatt verheilen. Bei den harten Techniken dagegen werden beispielsweise die Hand- oder Fußwurzelknochen gebrochen, wobei eine glatte Heilung nicht möglich ist. Oder sie führen - wie der Nieren- oder der Kehlkopfschlag - möglicherweise zum Tod.

Zum Tod?

Wir sehen uns betroffen an.

"Aber wir wollen doch niemanden umbringen!" ruft Carmen erschrocken aus.

Schon der Gedanke, jemandem wehzutun, ihn gar zu verletzen, ist für einige von uns schlimm genug.

"Man hat uns eben zum Liebsein erzogen", sagt Gesa, "nicht zum Totschlagen."

Xadu läßt uns in Ruhe ausreden. Wahrscheinlich begegnen ihr dieselben Argumente immer wieder. Schließlich sagt sie: " Wenn es darum geht: er oder ich - dann würde ich mich schon für mich selber entscheiden. Ich lebe nämlich gern und ich möchte auch noch länger leben. Also wehre ich mich gegen einen Angriff, so gut ich nur kann."

Dann klärt sie uns über die einschlägigen Gesetze - vor allem den Notwehrparagraphen - auf: "Wen Do gilt nicht als Kampfsport. Das heißt: Eine Verletzung - auch eine ernstliche - des Gegners hätte also keine rechtlichen Folgen für euch."

Schließlich geht sie - vom Nasenbein bis zum Schienbein - alle empfindlichen Punkte eines potentiellen Angreifers durch.

"Ich hätte nie gedacht, daß ein ausgewachsener Mann so viele schwache Stellen hat", wundert sich Anne.

Xadu zeigt uns, daß unser Körper unsere beste und wirksamste Waffe ist. Wir lernen, uns aus Würgegriffen und Umklammerungen zu befreien. Wir boxen, schlagen und treten auf zusammengerollte Schaumstoffmatten ein, die von der Partnerin gehalten werden.

Zuerst komme ich mir dabei ziemlich albern vor. Aber dann stelle ich mir eine konkrete Situation vor - die Situation, vor der ich immer Angst gehabt habe, wegen der ich eigentlich auch gekommen bin: mich nicht wehren zu können, wie gelähmt zu sein. Und plötzlich lande ich Faustschläge auf einer imaginären Nase, die jedes Nasenbein brechen würden, befreie mich mit geradezu reflexartiger Schnelligkeit aus jedem Würgegriff, trete dem vorgestellten Gegner zwischen die Beine, daß ihm Hören und Sehen vergehen müßte.

"Du bist ja richtig böse", wundert sich Carmen. "Wenn man deine Augen sieht, kann man Angst kriegen."

Ja - in mir ist etwas aufgewacht, das ich bisher unterdrückt hatte: Überlebenswille. Wäre ich bis heute eher selber gestorben als jemandem - und sei es in Selbstverteidigung - ein Leid anzutun, glaube ich, daß ich jetzt bereit sein könnte, um mein Leben zu kämpfen - auch wenn dies auf Kosten der Gesundheit, ja: des Lebens eines Angreifers wäre. Etwas in mir hat sich verändert. Und diese Veränderung zu ertragen ist fast noch schwieriger als die Angst zu ertragen, die mich bis jetzt verfolgt hat.

An diesem Abend fühle ich mich ausgelaugt, ausgehöhlt. War ich gestern geradezu aufgekratzt, bin ich heute fast traurig. Es ist der Abschied von etwas, ein Verlust der Unschuld irgendwie.

Dazu kommt die körperliche Beanspruchung. Schlagen, Boxen, Treten, lautes "Ho!Ho!"- Geschrei - ich bin nicht nur heiser, sondern auch sonst fix und fertig. Alles was ich mir wünsche, ist ein heißes Bad.

Den anderen geht es genauso und wir beschließen einstimmig, den heutigen Trainingstag vorzeitig zu beenden.

Sonntag morgen

Wir haben sämtlich Muskelkater, sogar die bodybuilding- gestählte Anne. Ina hat geträumt: "Da kam so ein Kerl an mein Bett. Ich hatte gar keine Angst. Ich habe ihn so getreten, daß er gleich unters Bett gerutscht ist."

Während draußen die Kirchenglocken läuten, proben wir drinnen Vergewaltigungsszenen. Diejenige, die den Angriff simuliert, ist eine Frau wie ich. Sie ist aus dem gleichen Grund hier wie ich: um sich gegen solche Attacken wehren zu lernen. Und doch hat die Situation etwas Beklemmendes. Als Gesa auf mir liegt und sachte ihre Hände um meinen Hals legt, reagiere ich fast panisch.

"Selbst in dieser Situation habt ihr noch viele Möglichkeiten", hat Xadu gesagt. "Und ihr habt Zeit genug, euch zu überlegen, welchen Griff ihr anwenden wollt."

Ich weiß nun, daß sie recht hat. Es gibt eine Menge häßlicher Dinge, mit denen man sich gegen einen Mann zur Wehr setzen kann, der einem häßliche Dinge antun will.

Und ich weiß nun, daß ich nicht zögern würde, diese Dinge anzuwenden. Es muß die direkte Erfahrung des Ausgeliefertseins - und sei es übungshalber- sein, die dies in mir bewirkt hat. An einem einzigen Wochenende ist aus meiner Furchtsamkeit Kampfgeist geworden.

Unsere Stimmung hat sich verändert. Waren wir gestern noch vergnügt und ausgelassen und alberten auch bei den gefährlichsten Schlägen herum, ist uns heute der Ernst dieser Übungen hautnah bewußt geworden. Es ist kaum nötig, daß Xadu uns zum Schluß noch einmal daran erinnert, wie wichtig es ist, daß die Wen-Do-Techniken wirklich nur an Frauen weitergegeben werden.

***

An diesem Abend habe ich Lust auf einen Spaziergang. Mein ständiger Begleiter auf allen Spazier- und Lebenswegen ist auf Reisen. Das wäre für mich Grund genug gewesen, auf frische Luft zu verzichten - bis heute. Heute gehe ich alleine. Und durchaus nicht mit Angst im Bauch, sondern mit dem guten Gefühl, daß ab jetzt die Wege auch im Dunkeln mir gehören: ein neu erworbenes Stück Freiheit. Und ich stelle fest: es gibt auch in den Grünanlagen sehr viel mehr und sehr viel hellere Laternen als ich gedacht hatte. Die Menschen, denen ich begegne und denen ich ins Gesicht sehe, machen eigentlich keinen gefährlichen Eindruck. Und ist doch einmal ein etwas zweifelhafter Typ dabei, weiß ich, daß ich im Notfall kein hilfloses Opfer sein muß, sondern mich wehren kann - auch mit den Waffen einer Frau.

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VON UNAUSSPRECHLICHEN UND LIEBESTÖTERN.

Hauchzarte, federleichte und dabei doch formende und stützende Unterwäsche ist für die Frau von heute eine Selbstverständlichkeit. Wir verdanken dies nicht nur modernsten Herstellungsverfahren, sondern auch einer Mode, die der physiologischen Beschaffenheit des weiblichen Körpers gerecht wird. Das war durchaus nicht immer so! "Wer schön sein will, muß leiden" hieß es nur allzu oft für unsere Geschlechtsgenossinnen früherer Epochen.

Am "drückendsten" im wahrsten Sinne des Wortes trugen sie wohl an der Last des Korsetts. Dieses kam zwar erst im 13. Jahrhundert auf und bestand zunächst noch aus einem Schnurmieder aus weichem Ziegenleder oder Baumwolle, aber bereits im 16. Jahrhundert wurde es mit Holz und Eisenschienen so versteift, daß es einem Panzer glich. Geistiger Urheber der schmalen Taille soll ein Metzgermeister gewesen sein, der seiner geschwätzigen Frau das Mieder so eng schnürte, daß ihr vor lauter Kurzatmigkeit das Klatschen verging.

Die spanische Tracht verlangte eine Wespentaille, die aber oft durch wahre Foltermethoden zustande gebracht werden mußte: Bereits kleine Mädchen wurden geschnürt und mußten nicht selten in ihren unbequemen Korsetts schlafen . Da ein entwickelter Busen unerwünscht war, wurden ihnen zudem Bleiplatten auf die Brust gelegt. Im Frankreich des Acien régime sah es nicht viel besser aus. Zwar war das Dekolleté nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Aber dafür mußte eine Dame, die abends zu einem Fest geladen war, bereits morgens den Schnürleib anlegen, um die gewünschte Taillenweite zu erreichen. Alle Viertelstunde wurden die Schnüre stärker angezogen. Bis zum Abend wurde auf diese Weise ein Taillenumfang von mitunter 30 cm erreicht.

Obwohl bereits 1830 in Frankreich das erste dehnbare Gummikorsett hergestellt wurde, berichtete noch 1859 eine französische Zeitung von einem jungen Mädchen, das allseits wegen seiner schlanken Taille bewundert wurde und das - zwei Tage nach einem Ballbesuch - plötzlich starb. In dem Blatt hieß es: "Ihre Familie wollte wissen, was diesen plötzlichen Tod in so früher Jugend verursacht hatte, und man beschloß, eine Autopsie vorzunehmen. Der Befund war erschütternd: die Leber von drei Rippen durchbohrt!!! So also stirbt man mit 23 Jahren! Nicht am Typhus, nicht am Kindbett, sondern am Korsett!"

Die französische Schriftstellerin Colette weiß von einem ähnlichen Marterinstrument zu berichten: "Zu damaliger Zeit sah man beim Theater häufig die großen, starren Korsetts, die den Busen nach oben drückten, das Kreuz und den Bauch aber abflachten. Germaine Vallois, ein Varieté-Star und eine unbeugsame, hochgegürtete Schönheit, nahm keine Rolle an, in der sie sich setzen mußte. Sie war in ein Korsett gepreßt, das unter den Achseln begann und in der Nähe der Knie endete. Zwei platte Eisen im Rücken und je zwei andere längs der Hüften sowie ein Durchzugsband zwischen den Beinen hielten dieses Gebäude zusammen, das übrigens mit sechs Meter Band geschnürt wurde. So blieb sie in aufrechter stehender Haltung, einschließlich der Pausen, von 8 Uhr 30 bis Mitternacht."

Erst um die Jahrhundertwende kam man von diesen gesundheitsschädigenden und - wie wir gesehen haben - mitunter tödlichen Schnürmethoden ab. Der Siegeszug der Chemiefaser erfaßte bald darauf auch das Korsett und bescherte uns leichte, aber dennoch formende Mieder und Korsagen.

Der "jüngste" Bestandteil weiblicher Unterwäsche ist der Schlüpfer - er kam erst im 19. Jahrhundert in Mode. Geheimnisvoll bezeichnete man diese Dessous als "Unaussprechliche", dabei war die Unterwäsche unserer Ur-Urgroßmütter alles andere als romantisch oder gar frivol. Es handelte sich nämlich um wahre "Liebestöter": eine Art Wickelhose aus grobem Stoff, die lose um die Schenkel flatterte und sich erst unter der Wade wieder verengte. Lediglich das Biedermeier verstand es, diesen unschönen Kleidungsstücken durch Spitzen und Schleifchen etwas Charme zu geben.

Eigentlich war die Damenunterhose schon viel früher erfunden worden, aber aus unbekannten Gründen wieder in Vergessenheit geraten. Die im 16. Jahrhundert lebende Katharina von Medici soll eine verwegene Reiterin gewesen sein, der bei ihren wilden Ausritten im Damensitz nicht selten die Röcke über den Kopf flogen. Um den dabei zum Vorschein kommenden Körperteil zu verhüllen, ließ sie sich Kniehosen aus buntem Samt anfertigen. Diese Mode setzte sich bei den Damen des Hofes schnell durch, und sie trugen das Kleidungsstück nicht nur beim Reiten, sondern - da es angenehm wärmte - im Winter auch auf Festen und bei Spazierfahrten.

Älteren Datums ist das Hemd. Es soll im achten Jahrhundert aus Byzanz zu uns gekommen sein. Zur Zeit der Ritter und Minnesänger trieben die Damen einen wahrhaften Kult mit diesem Kleidungsstück: Wenn ihre Ritter in den Kampf oder ins Turnier zogen, baten sie sich von der Dame ihres Herzens ein getragenes Hemd aus, das sie dann über ihre Rüstung streiften. War das Hemd dafür nicht weit genug, konnte es auch als Helmzier getragen werden. Nach dem Kampf gaben die Kavaliere das zerfetzte Hemd als Zeichen ihrer Tapferkeit an die Besitzerin zurück, die es dann stolz wieder anzog.

Im Barock, als Wasser verpönt war und desto mehr starke Parfums zur Überdeckung mißlicher Gerüche verwendet wurden, wechselte man auch das Hemd nur recht selten. Selbst die Damen erster Klasse trugen es sechs oder acht Wochen lang. Das war allerdings nichts im Vergleich mit der Zeit, in der das "berühmteste Hemd der Weltgeschichte" getragen wurde! Dieses Hemd gehörte Isabella der Katholischen, der späteren Königin von Kastilien. Sie hatte das Gelübde abgelegt, ihr Hemd nicht eher zu wechseln, bis der Bürgerkrieg in ihrem Lande beendigt sei. Der Krieg dauerte beiläufig fünf Jahre. Von diesem Ereignis rührt übrigens auch die Bezeichnung "isabellfarben" für bräunliche bis graugelbe Farbtöne. Erst nach der französischen Revolution entdeckte man die Reinlichkeit wieder. Das machten schon die hauchzarten, durchsichtigen Gewänder des Directoire-Stils nötig. Sie brachten es auch mit sich, daß die Hemden öfter gewechselt wurden: in der "vornehmen Welt" dann aber auch gleich dreimal täglich - mindestens.

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SEEMANNSFRAUENLOS

Schiffe, die in Seenot geraten; Nächte im Hafen, einsam oder wild; Verantwortung für Schiff, Mannschaft und Ladung; vielleicht auch mal eine Meuterei, wie auf der Bounty; sentimentale Lieder von Freddy bis Lolita. Alles das ist: Seemannslos.

Aber macht sich auch mal jemand Gedanken übers Seemannsfrauenlos? Wahrscheinlich würde ich mir solche Gedanken auch nicht machen - wäre ich nicht selbst eine Betroffene, eine Seemannsfrau.

"Ach du Glückliche, Beneidenswerte!" rufen die Freundinnen aus, so oft ich meinen Koffer packe, um nach Antwerpen oder Hamburg, nach Rotterdam oder Hull zu reisen. "Du siehst doch wenigstens etwas von der Welt" - sagen sie - "und wir sitzen zu Hause und kennen nichts als das tägliche Einerlei!" Und keine von ihnen glaubt mir, daß ich mir nichts sehnlicher wünsche als eben dieses Einerlei.

Dabei bin ich durchaus kein Reisemuffel. Aber nach der zwanzigsten Bahnreise nach Rotterdam und der zwölften Autofahrt nach Antwerpen würde ich gerne auf diese Reisen verzichten, die ich ja nicht als schieres Urlaubsvergnügen unternehme, sondern zu dem alleinigen Zweck, ein paar Tage (wenn ich Pech habe, auch nur ein paar Stunden) lang ein Familienleben zu führen.

Denn - ehrlich gesagt - ich kann Schiffe nicht ausstehen. Ich hasse Kakerlaken, die auf den Schiffen der Nordafrika-Route offenbar nicht auszurotten sind. Und außerdem werde ich ständig seekrank. Trotzdem besteht Luis, der portugiesische Steward jedesmal darauf, mir das Essen in den Salon zu bringen, wenn ich mal nicht in der Messe auftauche. Und jedesmal muß ich ihn dann mit einem gestöhnten "para atlantico" auffordern, meine Mahlzeit ins Meer zu kippen, weil ich mich im Moment mal wieder nur mit Zäpfchen gegen Reisekrankheit und Gebeten für besseres Wetter am Leben erhalte.

Aber das ist schon weit vorgegriffen, denn erst einmal muß ich ja auf dem Schiff ankommen. Wegen Nebel, Maschinenschadens oder anderer unvorhersehbarer Ereignisse, läuft das Schiff oft erst später als erwartet ein. Dann sitze ich im Seemannsheim und renne bei jedem Tickern zum Fernschreiber, um zu sehen, ob es "mein" Schiff ist, das da angekündigt wird. Währenddessen zerläuft mein Make-up, meine Hände zittern nach der ich weiß nicht wievielten Tasse Kaffee und mein Buch habe ich auch längst durchgelesen. Und das Strahlen in meinen Augen hat sich genauso aufgelöst wie der himmelblaue Lidschatten.

Aber selbst für den Fall, daß das Schiff tatsächlich schon im Hafen ist, wenn ich ankomme, steht mir noch ein "Augenblick der Wahrheit" bevor: Wo wird das Schiff diesmal liegen? Nicht, daß es nicht zu finden wäre. Schiffe haben ja meistens einen festen Liegeplatz, an dem sie immer wieder festmachen. Aber manchmal ist dieser Liegeplatz noch besetzt, und solange muß das Schiff dann "an den Pfählen" liegen - also mitten im Hafenbecken.

Wenn ich Glück habe, kommt dann gerade eine kleine Barkasse vorbei, die Hafenarbeiter befördert, und deren Führer mit mir zum Schiff hinübertuckert. Aber oft muß ich auch warten, bis man mich an Bord erspäht und mir ein Ruderboot herüberschickt. Und dann kommt das Schlimmste: aus dem dümpelnden Boot auf die schwankende Jakobsleiter zu steigen und mich irgendwie - denn eine solche Bordwand ist wirklich ganz unglaublich hoch - mich also irgendwie bis zur Reling hochzuhangeln - um dann endlich, mit zitternden Knien dem Mann in die Arme zu sinken, für den ich alle diese Stra­pazen auf mich nehme: meinem Käpt'n.

In Häfen, wo die Tide sich bemerkbar macht, liegt bei Ebbe ein beladenes Schiff mitunter so tief, daß keine Gangway gesetzt werden kann. Wenn ich an Bord gelangen will - und das ist ja der einzige Zweck meiner Reise -, muß ich mich also die in der Kaimauer eingelassenen glitschigen Metallsprossen hinuntertasten. Dabei darf ich um Himmelswillen nicht nach unten blicken, wo sechs oder sieben Meter tief in beklemmend schmalem Zwischenraum zwischen Schiffswand und Kaimauer das trübe, dunkle Wasser zu sehen ist. Der letzte und schwierigste Teil der Unternehmung ist es dann, mich mit dem Rücken von der Kaimauer abzustoßen und auf das Schiffsdeck zu springen. Es mag Frauen geben, für die das eine Kleinigkeit ist. Mich schüttelt es schon beim bloßen Gedanken daran. Ich war noch nie in meinem Leben schwindelfrei, und Nicht­schwimmerin bin ich außerdem.

Klar, daß ich es nicht immer gleich auf Anhieb schaffe, unter solchen lebensgefährlichen Umständen dorthin zu gelangen, wohin mich die Sehnsucht treibt: in die weitgeöffneten Arme meines Käpt'ns. Oft genug saß ich heulend auf einem Poller, während er händeringend nach Mitteln und Wegen suchte, mich doch noch dazu zu bewegen, an Bord zu kommen - dabei voller Teilnahme von der ganzen Besatzung unterstützt. Irgendwie klappte es dann doch immer - aber es kostete jedesmal eine Menge Nerven. Ich bin nun einmal nicht der abenteuerliche, verwegene Typ.

Und wofür das alles?

Um festzustellen: der Käpt'n ist für alle da - nur nicht für mich. Denn, endlich an Bord gelangt, kann ich von Glück sagen, wenn ich den Heißgeliebten wenigstens gelegentlich zu Gesicht bekomme. Hafenpolizei, Schiffshändler, Agenten, Ladungsinspektoren und jede Menge anderer Leute, die irgendwie mit Schiffen zu tun haben, wimmeln um ihn herum. Und alle haben offensichtlich mehr Anspruch auf ihn als ich.

Ich bin am Ende schon froh und zufrieden, wenn ich ihn wenigstens des Nachts für mich habe. Aber selbst das bleibt oft reines Wunschdenken. Wie es scheint, verholen Schiffe grundsätzlich mitten in der Nacht, oder sie müssen gerade dann beladen oder gelöscht werden. Und dabei ist die Anwesenheit des Kapitäns meistens dringend erforderlich. Weiß Gott, ein frustrierender Zustand für eine eigens zum Zwecke des Familienlebens angereiste Ehefrau.

Und wenn ich am nächsten Tag abreise, ist da wieder das beklemmende Gefühl, daß wir uns nicht einmal einen Bruchteil der Dinge gesagt haben, die es eigentlich zu sagen gab. Dann kommt schon manchmal der Gedanke an Meuterei auf. Aber immer wieder hoffe ich auf das nächste Mal. Oder auf den Urlaub, der ja auch irgendwann mal fällig ist. Und bis dahin schlafe ich alleine ein und wache alleine auf. Und alles andere ist eben - Seemannsfrauenlos.

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WO FRAUEN IHRE HELDEN SUCHEN.

"Wir wollen Blut!" kreischen die Frauen. Und: "Reiß ihm die Eier ab!" Und: "Du hättest vorher scheißen sollen - nicht jetzt!" Einer der Männer im Ring tritt dem anderen ins blutende Gesicht. Applaus.

Ich kann das Mikrophon nicht mehr festhalten - so sehr zittern meine Hände. Tränen laufen über mein Gesicht. Die Menschenmenge um mich herum tobt. Sekt und Bier fließen in Strömen, Mengen von Bratwürsten und Hamburgern gehen über den Tresen. Die Bremer Bürgerweide, wo sonst Jahrmärkte und Popkonzerte stattfinden, ist zur "Würgerweide" geworden, seit im November die Catcher für sechs Wochen in die Stadthalle einzogen.

Nur vor wenigen Tagen starb hier ein Mann im Ring - Larry Cameron. Mir wird schlecht. Es sieht so aus, als würde ich nach zwanzig Jahren in meinem Job als Journalistin zum ersten Mal versagen.

***

"Wart's nur ab, du kriegst ihn auch noch, den Catch-Virus", hat Franz Schuhmann zu mir gesagt. Sechs Wochen lang bin ich immer wieder zu den Kämpfen um den Internationalen Catch Cup gegangen, habe Interviews gemacht, beobachtet. Nach sechs Wochen weiß ich: gegen diesen Virus bin ich immun. Und auch gegen den Franzl, der neben dem Franco-Canadier Rambo der absolute Spitzenreiter in der Gunst des weiblichen Publikums ist.

"Diese Dame da" - kommentiert er meine mangelnde Begeisterung - "kann sich nicht vorstellen, was die Frauen fasziniert an uns Ringern. Da hab' ich ihr gesagt, daß das viel schöner ist als so ein Saftsack zu Hause mit so einem Bauch voll Schweinebraten."

Die Frauen jedenfalls, die zu den Catch-Turnieren kommen, sind von Franz Schuhmann begeistert. "Niedlich" sei er. Ob sich diese Meinung ändern würde, wenn sie wüßten, was er über Frauen sagt? "Sie sind abgebrüht und brutal. Ein Mann kann nie so a Schwein sein wie a Frau."

"Frauen suchen ihre Helden"

Viele Frauen kommen fast jeden Abend hierher - sechs Wochen lang. Sie sind gestylt wie für einen großen Auftritt. Sie tragen geschlitzte Röcke und Abend-Makeup. Viele geben vor, daß nur die sportliche Seite sie interessiert. Kaum eine kennt die Kampfregeln - knappe zwanzig Zeilen.

Ob sie auch mitschreien würden bei den Fights, frage ich. "Man schreit schon mal", sagt eine junge Frau. "Aber das macht - glaub' ich - jeder. Es gibt welche, die ausrasten, ja, das stimmt. Vielleicht, daß man da mit den Emotionen 'rauskann, was man sonst im Normalen nicht so kann. Daß sich das staut und daß dann alles 'rauskommt." Und eine andere, Ende Vierzig: "Aus dem Alter bin ich 'raus. Es ist mehr so ein inneres Kribbeln dabei".

Aber mitgeschrieen haben sie dann alle.

"Frauen suchen ihre Helden". Das ist Manuelas Erklärung dafür, daß das Publikum bei Catch-Veranstaltungen zu einem - im Vergleich zu vielen anderen Sportereignissen - großen Teil aus Frauen besteht. Warum suchen Frauen Helden? Manuela: "Man sucht ja als Frau meistens den starken Partner an der Seite."

Nun gut - aber warum?

"Ich denke mal, daß das so zum Naturell der Frau gehört. Trotz aller Emanzipation und allem denke ich, daß das schon so vom Urinstinkt her drin ist."

Manuela spricht aus Erfahrung: sie ist mit einem Catcher verheiratet - mit dem Iren Fit Finlay, der zu den absoluten "Heels" (also den Bösewichten) dieses Sports gehört.

Sind Catcher Helden? Was ist ein Catcher?

Die Presse-Konferenz vor dem Catch-Turnier ist eine Überraschung für mich: ich habe nicht erwartet, daß die Ringer überhaupt artikuliert sprechen können. Offensichtlich ein Vorurteil. Dazu Ulf Hermann, einer der wenigen Newcomer im deutschen Catch-Sport:

"Das ist totaler Blödsinn. Ich selber habe einen Beruf gelernt, und ich war sogar in der Handelsschule - mit Abschluß. Ich spreche fließend Englisch und will jetzt noch Französisch oder Spanisch lernen. Ich kann also nicht sagen, daß ich dämlich bin. Ich komme 'ne Menge rum, ich sehe 'ne Menge und informiere mich über das Weltgeschehen. Nur weil ich jeden Abend vielleicht mal ein paar auf den Kopf kriege, bin ich nicht bekloppt. Ich kenne eine Menge Ringer, die sprechen fließend fünf und mehr Fremdsprachen und schreiben die auch. Um eine Fremdsprache zu lernen, muß man schon einen etwas höheren Intelligenzquotienten haben, meine ich."

Und er gibt mir gleich noch eine Definition dafür, was ein Catcher ist: "Jemand, der sich für Geld durchs Leben schlägt".

Money makes the world go round....

Sie schlagen sich buchstäblich durchs Leben, die starken Männer - der "knochenharten Naturbursche aus den steirischen Bergen" ebenso wie die "Kamikaze-Kampfmaschine aus Tokyo" oder "das Rauhbein aus Neuseeland".

Was bedeutet Geld für sie?

Wen ich auch frage, warum er Catcher geworden ist - die Antworten laufen ausnahmslos auf dasselbe hinaus: um eine Menge Geld zu verdienen.

Und was wollen die starken Männer mit dem Geld anfangen?

Ulf Hermann: "Meine Altersversorgung sichern. Wenn ich mal Rente kriegen sollte, gibt es wahrscheinlich eine Einheitsrente. Wenn ich über zwanzig Jahre meine Knochen riskiert habe, möchte ich gern sagen: so, das war's. Dann möchte ich nicht mehr arbeiten."

Und was macht er dann?

"Dann möchte ich davon leben, was ich mir in der Zeit geschaffen habe, Häuser vermieten und eben ein gutes Leben haben."

Was versteht Ulf Hermann unter einem guten Leben? Kann das ein Lebensinhalt sein?

"Wenn ich zwanzig Jahre durch die Weltgeschichte reise und viel von zu Hause weg bin, dann möchte ich ganz einfach da, wo ich geboren bin oder wo ich mein Haus habe, meinen Lebensabend verbringen. Vielleicht mache ich ein Sportstudio auf und beschäftige mich damit."

Die Abendgage eines Ringers beträgt zwischen 300 und 600 Mark. Davon werden die Strafen für Verstöße gegen die Kampfregeln abgezogen. Bei besonders unfairem Verhalten wird die gesamte Abendgage gestrichen. Wer wegen Verletzung ausfällt, bekommt ohnehin kein Geld. Spesen gibt es nicht, und Promotion-Veranstaltungen - z.B. auf Jahrmärkten und in Fitness-Clubs - werden nicht extra honoriert. Als ich Ulf Hermann frage, was ihn glücklich macht, braucht er nicht lange zu überlegen: "Wenn ich genügend Arbeit habe und Geld verdiene."

Und was macht ihn unglücklich?

"Wenn ich keine Arbeit habe und kein Geld."

Und wenn er bei der sagenhaften Fee einen Wunsch frei hätte, - was würde er sich wünschen?

"Gesundheit auf alle Fälle. Und genug Geld. Mit Geld hast du auch alles andere."

Catchen als Kunst

Auch Fit Finlay verachtet das Geld nicht.

"Jeder macht sein Ding für Geld."

Aber für ihn ist Catchen mehr.

"Catchen ist eine Kunst, eine martialische Kunst."

Aber weiß das kreischende, johlende Publikum diese Kunst zu schätzen?

"Ich denke, ja. Sie mögen mich nicht. Aber tief drinnen mögen sie mich doch, weil sie wissen: wenn ich im Ring bin, gebe ich einhundert Prozent. Ob sie es wollen oder nicht - ich gebe alles. Noch nie in meinem Leben als Ringer hat jemand zu mir gesagt, es lohne sich nicht, mich kämpfen zu sehen."

Ich bin nicht überzeugt. Wenn erwachsene Männer meinen, sie müßten sich für Geld schlagen - nun gut, sollen sie. Aber wie das Publikum sich verhält - heißt das, eine Kunst zu würdigen?

"Ja", meint Finlay. "Ich will es dir erklären. Sie kommen, um mich als Verlierer oder als Gewinner zu sehen. Und ich bringe - durch mein aggressives Verhalten - ihre Gefühle und Aggressionen nach außen. Ich bringe das alles mit mir. Wo immer ich hingehe - meine Gefühle wecken die Gefühle des Publikums. Wie die Leute auch reagieren - ich bin derjenige, der das auslöst."

Und das gefällt ihm?

"Es gibt mir einen Kick. Ich würde nicht halb so viel Wirbel im Ring machen, wenn die Leute nicht darauf reagieren würden."

Also ist es das Publikum, das ihn beeinflußt? Aber davon will Fit Finlay nichts wissen - auch nicht von einer wechselseitigen Beeinflussung.

"I am doing it", beharrt er. "Aber ihre Reaktion puscht mich ein Stück weiter."

Er brauche die Menge nicht zu seinem Wohlbefinden, obwohl es natürlich angenehmer sei, vor vielen Zuschauern zu kämpfen als vor wenigen. Und vor allem: "Wenn es kein Publikum gibt, gibt es auch kein Geld für mich."

Traumberuf: Catcher

Warum steigt ein geistig normaler, intelligenter Mann Abend für Abend in den Ring, um sich zusammenschlagen zu lassen oder um seine Gegner zusammenzuschlagen - beides auch mit unfairen Mitteln? Sicher - das Geld ist ein starkes Motiv, ebenso die Reaktion des Publikums. Aber die Ringer sind obendrein auch noch glücklich in ihrem Beruf - sagen sie.

"Ich bin mein eigener Boss", meint Fit Finlay. "Mein Leben gehört mir. Wenn ich einen Fehler mache, muß ich allein dafür büßen. Und wenn ich immer besser werde, verdanke ich das allein mir selber."

Mehr als das: "Ich genieße das Leben. Im Grunde ist mein Leben ein einziger Urlaub. Ich reise durch die ganze Welt. Andere Leute müssen viel Geld dafür bezahlen, um zu all diesen Orten zu kommen - ich lebe dort. Und ich habe einen Beruf, den ich liebe. Ich übe mein Hobby als Beruf aus. Das tun zu können -  das ist einfach unglaublich."

Auch Franz Schuhmann scheint seinen Beruf zu lieben.

"Es ist schön zu kämpfen, es ist super. Es gibt nichts Schöneres als einen Kampf ohne Waffen."

Noch einmal Fit Finlay: "Ich bin in den Ringkampfsport hineingeboren. Mein Vater war Ringer und sein Vater ebenfalls. Ich fing mit dem Ringen an, als ich fünf Jahre alt war. Ich bin einfach dafür geboren. Die meisten anderen Ringer der ersten Generation fangen an, wenn sie zwanzig sind. Aber ich ringe, seit ich fünf bin. Es ist etwas, was ich gern tue, weil - das bin eben ich."

So ist das also. Frage ich meine Kollegen oder auch Angehörige anderer Berufsgruppen - so wirklich glücklich und zufrieden ist da eigentlich niemand mit seinem Beruf und seinem Leben.

Aber was ist Glück?

Greifen, wie du greifen kannst (wörtliche Übersetzung von: Catch-as-catch-can)

Im Catch-Kampf sind fast alle Griffe erlaubt, auch gefährliche. Es wird nicht nur mit dem Körper gekämpft, sondern mitunter auch mit Ketten (beim sogenannten "Kettenkampf"). Nicht selten holen die Catcher auch Tische und Stühle in den Ring, um damit aufeinander einzudreschen. Mit Vorliebe werfen sie sich gegenseitig aus dem Ring - und der Betonboden in den Hallen ist verdammt hart, wenn man aus zwei Metern Höhe darauf aufprallt. "Ich hab' genügend Verletzungen", sagt Ulf Hermann. "Mein fünfter Rückenwirbel war angebrochen, meine Kniescheiben sind hin - da mußte ich neun Tage pausieren. Aber sonst... Fingerbrüche und so, da sehen wir drüber weg. Da machen wir am nächsten Tag gleich weiter, das interessiert uns dann gar nicht."

Sportliche Fairness ist kein großes Thema.

"Es gibt Sachen, wo ich den Schiedsrichter ablenken kann, so daß er beschäftigt ist und ich meinen Gegner irgendwie bearbeiten kann, wie es nicht im Regelwerk steht. Und wenn mir ein Gegner fünfmal mit der Faust ins Gesicht schlägt, dann wird mir das zu bunt. Dann kriegt er von mir eins zurück, das ist ganz logisch. Da wart' ich auch nicht unbedingt, bis der Schiedsrichter wegguckt. O.k., dann muß ich halt damit leben, daß ich Strafen bezahlen muß. Aber ich lasse mir nicht alles gefallen."

Wie sieht Manuela Finlay das? Immerhin ist ihr Mann für seine unfaire Kampfweise berüchtigt.

"Ich bin völlig auf seiner Seite. Ich bin nicht immer mit allem einverstanden, was er da im Ring macht. Das ist manchmal sehr unfair. Aber wir unterhalten uns mittlerweile auch nicht mehr darüber. Das ist sein Job, und den muß er machen, so wie er sich das denkt."

Knochenbrüche, Prellungen, Platzwunden sind an der Tagesord­nung.

Manuela: "Wenn man mal so viele Pflästerchen geklebt hat wie ich und mal so oft im Krankenhaus war mit ihm, damit er wieder zusammengeflickt wird, und das alles so mitmacht jahrein, jahraus, und dann sind da immer noch Leute, die behaupten, das sei alles nur Show - also, da werd' ich echt sauer."

Eine medizinische Betreuung der Ringer gibt es nicht. Auch während der Kämpfe ist kein Arzt anwesend - schwer verständlich, da es sich beim Catchen ganz offensichtlich um eine nicht ungefährliche Sportart handelt.

Fit Finlay sieht das anders.

"Du gehst ja auch jeden Tag über die Straße und ein Auto könnte dich überfahren. Wenn ich in den Ring gehe, denke ich nicht über so etwas nach. Es kommt mir nicht in den Sinn, daß ich verletzt werden könnte."

Außerdem: "Du weißt ja, was es kostet, einen Arzt dazuhaben. Fußballmannschaften stellen solche Leute an - aber die werden ja auch gesponsert. Ich werde nicht gesponsert, ich kann es mir nicht leisten, einen Arzt zu bezahlen. Man braucht einen Arzt, wenn man ernstlich verletzt ist. Ich werde nicht jeden Tag ernstlich verletzt. Ich habe bisher immer Glück gehabt."

Kein Glück hatte der amerikanische Ringer Larry Cameron, als er während eines Kampfes zusammenbrach. Der Notarzt traf erst nach einer Viertelstunde ein - zu spät für Larry. Am nächsten Tag gingen die Kämpfe weiter: the show must go on.

Ein Ringarzt war noch immer nicht anwesend.

Heels and Faces

"Mach ihn alle! Bring ihn um!" brüllen die Zuschauer und skandieren: "Schmeiß den Iren raus! Schmeiß den Iren raus!" Der Ire Fit Finlay gehört für die Fans zu den Heels, den Bösewich­ten. Nur eine junge Frau nennt ihn als ihren Favoriten. Und warum? "Weil er ein Schwein ist."

Ich bin mit Manuela zu einem Interviewtermin in ihrer Wohnung verabredet. Als sich an der Sprechanlage Fit Finlay meldet, wird mir doch etwas mulmig zumute. Als er mir dann gegenüber steht mit seinem acht Monate alten Sohn auf dem Arm - ganz zärtlicher Familienvater - bin ich einigermaßen beruhigt.

Muß ich vor Fit Finlay Angst haben?

"Nein! Du kämpfst ja nicht gegen mich. Ich kann manchmal schon ein bißchen gefährlich sein - aber das bin eben ich."

Er würde also niemanden außerhalb des Ringes angreifen?

"Man darf ihn nicht berühren", sagt Manuela. "Das betrachtet er als Eingriff in seine Intimsphäre."

Fit Finlay bestätigt das. "Wenn mich jemand anfaßt, kann es sein, daß ich zuschlage. Letzte Woche hat mir jemand ein Bier ins Gesicht geschüttet. Er hat dafür bezahlt. Siehst du, wie groß meine Hand ist? Er hat sie ins Gesicht gekriegt. Er wird das nie wieder tun."

Wie lebt seine Frau mit diesem negativen Image?

"Ich hab' da nicht so die Wahl. Ich muß damit entweder fertig werden oder eben nicht. Ich kann aber ganz gut damit umgehen. So wie er kämpft, das ist eben, wie sein Vater ihm das beigebracht hat. Das ist eben seine Art zu kämpfen. In einem Kampf versucht er eben alles, um zu gewinnen. Alles. Und ob die Mittel nun fair sind oder unfair, das ist ihm im Prinzip egal. Das weiß ich auch. Aber jeden Abend gibt er hundert Prozent. Und gerade weil er so engagiert ist und sich jeden Abend so verausgabt, kann ich gut mit diesem Image umgehen - weil ich weiß: dieses Image hat er, weil er eben immer alles gibt."

Hat sie nicht manchmal Angst vor ihrem Mann?

"Nein. Nie. Nie. Ich will Ihnen was sagen: ich habe zu ihm ein maßloses Vertrauen, und ich habe zu Hause einen echt braven Mann. Der tobt sich aus im Ring, da läßt er seine Aggressionen. Ja, und was dann übrigbleibt - das krieg' ich zu Hause. Und das fällt ganz gut aus."

Aber ist es nicht trotzdem schwer für sie, wenn ihr Mann ausgepfiffen wird, schon wenn er den Ring betritt?

Manuela schüttelt den Kopf.

"Wieso? Ich will ja auch nicht, daß alle Leute mich mögen."

Ulf Hermann gehört zu den Faces, den Fan-Favoriten also. Besonders bei Turnieren in seiner Heimatstadt Hannover wird er heftig umjubelt. Aber auch er war früher ein Heel.

"Ich hatte damit keine Probleme. Ich habe eine ganz andere Person dargestellt, die hieß "Der Ranger" und ich bin damit durch Afrika und England getourt."

Aber er hatte sich diese Rolle selbst ausgesucht: "Wenn man anfängt zu ringen und man wird nicht gleich ernstgenommen, da muß man versuchen, sich irgendwie zu profilieren."

Wie hat er sich von seinem Image als Bösewicht getrennt?

"Das Eigenartige war, die Leute haben das gemacht. Ich habe immer mehr Leistung gezeigt. Ich wurde immer besser als die anderen. Dann habe ich mir irgendwann gesagt: ich versuchs mal auf der guten Seite. Also früher - da hab' ich auch schon mal mit Stühlen gehauen. Jetzt versuche ich es mit der technischen Seite."

Auch der Österreicher Franz Schuhmann, den die Frauen so niedlich finden, pflegt sein positives Image. Im Ring ist er der perfekte Schauspieler.

"Da lach' ich alle Leute an. Aber ich hasse sie."

Warum?

"Weil ich was anderes zu tun hab' als zu ringen. Ich will gar nicht lachen, aber ich muß es. Weil das vom Publikum verlangt wird. Man kann ja nicht immer gut aufgelegt sein. Aber ich muß es - für mein Image."

Ein schlechtes Image kann er sich also für sich nicht vorstellen?

"Natürlich mach' ich das auch, im Ausland. Weil - da sein mir die Leute egal."

Alles Zirkus?

"Alles Show", sagen viele der Besucher über die Catch-Kämpfe. Und auch die eingefleischten Turnierbesucher sind der Meinung, daß ein großer Teil der Fights Show sei. Ich selbst weiß auch nach sechs Wochen noch nicht, was ich davon zu halten habe. Die ersten Kämpfe kamen mir vor wie perfekt inszenierter Zirkus, in dem die Gegner es tunlichst vermieden, sich gegenseitig weh zu tun. Sportliche Leistung war da zu sehen und manchmal ein fast artistisches Können (nicht umsonst ist für die Catcher die Berufsgenossenschaft Bodenartistik zuständig). Aber die meisten anderen Fights waren dermaßen unfair und brutal, daß es mich Überwindung kostete, zuzusehen.

Die Frage: Show oder Sport? stellt sich mir deshalb gar nicht. Catchen ist für mich ein Spektakel, das die niedersten Instinkte der Massen wachruft. "Panem et circenses" hieß es bei den Gladiatorenkämpfen im antiken Rom. Brot - in Form von Bier und Würstchen - und Spiele gibt es auch hier. Und auch die alten Gesten - Daumen nach oben oder unten - finde ich 1993 wieder.

"Nein", sagt Ulf Hermann. "Es ist kein perfekt inszenierter Zirkus. Wir haben einen harten Beruf. Wir riskieren jeden Abend unsere Knochen. Und wir alle wollen irgendwie leben. Wenn jetzt z.B. ein Veranstalter sagt: du bringst ja nichts mehr - weil ich auf einmal weniger Punkte habe als im vergangenen Jahr und ein Jüngerer hat mehr, dann streicht er mir ein Drittel von der Tagesgage. Außerdem: ich will an die Spitze."

Trotzdem - ist nicht doch ein Teil Show dabei?

Ulf Hermann: "Wir können auch nur ringen. Aber wir müssen das in irgendeiner Weise auch verpacken, wie eine Geschenkverpackung  - und das ist dann die Show. Alles andere geht wirklich hart zur Sache."

Und wenn es dann ganz hart wird?

"Das ist so, daß das Publikum sensationsgeil ist. Warum gehen die Leute zu Autorennen? Weil sie sehen wollen, wie irgendein Auto brennt. Ich bin der Meinung, daß die Leute hierherkommen, um zu sehen, daß irgend jemand wirklich den Schädel auf hat und blutet."

Findet er das gut?

"Das ist irgendwo eine Perversion. Aber wie war das denn im Alten Rom? Wir können uns als moderne Gladiatoren sehen. Die haben gegen Löwen gekämpft. Wir kämpfen gegeneinander."

Aber bedienen er und seine Kollegen damit nicht letztlich gerade diese Perversion?

Auch Fit Finlay lehnt es ab, seinen Sport als Show zu sehen. Er geht in den Ring, um zu gewinnen.

"Ich bin ein schlechter Verlierer, weil ich einfach schon so oft gewonnen habe. Es ist verdammt hart zu verlieren."

Ihm macht es auch nichts aus, wenn seine Gegner dabei verletzt werden.

"Sie kommen ja auch in den Ring, um mich zu verletzen. Sie haben sich ihren Beruf ausgesucht, und ich zwinge sie nicht dazu, mit mir zu kämpfen. Ich habe meine Bestimmung gewählt und sie ihre."

Die Ängste der starken Männer

Haben starke Männer Angst?

Ulf Hermann spontan: "Ja, vor Spinnen!"

Und sonst?

"Vor Verletzungen, ganz klar."

Krieg und Umweltkatastrophen machen ihm weniger Angst, eher die zunehmende Gewalttätigkeit - vor allem, wenn sie gegen ihn gerichtet sein könnte. Seine körperliche Stärke gibt ihm da auch keine Sicherheit.

"In der heutigen Zeit muß man wirklich aufpassen. Es rennen hier schon so viele irre Typen mit irgendwas in der Tasche rum. Das ist nicht so wie damals, als ich in die Schule gegangen bin. Ich hab' mich da auch mal geprügelt - Faust hoch und aufs Auge. Heute ist das so, daß gleich ein Messer gezogen wird oder eine Zaunlatte oder eine Knarre."

Während Ulf - jedenfalls im Privatleben - seinen Körper nicht als Waffe sieht, sagt Franz Schuhmann:

"Ich bin selber eine Waffe - aber das ist ja nur Natur, Fleisch und Blut. Ich hab' früher viel Wirtshauskeilereien gehabt, auf der Straße oder in der Kneipe. Aber das hat es noch nie in meinem Leben gegeben, daß ich zum Messer, einer Gabel oder einem Aschenbecher gegriffen habe. Ich bin ein absoluter Gegner von Waffen, weil ich Angst hab', daß ich mein Gegenüber, mit dem ich was hab', verletzen tu."

Im Ring jedenfalls haben die starken Männer nie Angst. Da wissen sie, was auf sie zukommt, und sie können entsprechende Strategien entwickeln.

Männer und Frauen

Einen beunruhigenden Faktor scheint es aber auch im Leben der Catcher zu geben: die Frauen.

"Eine Frau gehört hintern Herd", hat Franz Schuhmann gesagt. Und Ulf Hermann hat ihm zugestimmt: "Mir ist das so beigebracht worden, ich bin so erzogen worden, ganz einfach." Im Leben habe halt jeder seine Aufgabe zu machen.

Und was ist die Aufgabe der Männer?

Franz Schuhmann: "Kohle anschaffen. Der starke Teil in einer Partnerschaft zu sein. Also für mich schaut das zu blöd aus, wenn ein Mann sich an eine Frau anlehnen muß."

Und was ist mit der Emanzipation?

"Wird in der heutigen Zeit übertrieben", sagt Ulf. "Die Frauen denken, sie können alles. Aber das entspricht wirklich nicht den Tatsachen."

Können denn die Männer alles?

"Das hab' ich nicht gesagt. Aber die können auf alle Fälle mehr als Frauen, weil sie belastbarer sind."

Belastbarer?

"Körperlich - aber psychisch nicht. Frauen verarbeiten z.B. Beziehungssachen besser als Männer. Grundsätzlich. Immer."

Also leiden Männer mehr?

"Sie steigern sich da mehr 'rein."

Leiden sie dann nicht wirklich?

"Doch schon. Aber im Übermaß."

Leidet auch Macho Franz Schuhmann unter den Frauen?

"Ja. Die Frauen sind viel stärker. Aber das hat damit zu tun, weil sie etwas haben, was den Mann abhängig macht. Wenn sie das net hätte, dann hätt' die Frau kei Chance net, überhaupt net."

Dann ist die Frau also deshalb stärker, weil sie nicht abhängig ist?

"Eben. Genau. Der Mann ist von der Frau abhängig, aber die Frau nicht von dem Mann. Das haben die Frauen gelernt. Irgendwann haben sie sich mal gedacht: wie können wir den Männern Paroli bieten? Und dann sind sie halt darauf gekommen. Und der Mann ist ja ein Idiot, der spielt da mit. Aber bei mir gibts ka Chance mehr. A Frau - die kommt und geht und weg und kommt. So einfach ist das. I war zweimal verheiratet und i werd auch noch a drittes oder viertes Mal heiraten. Entweder ist sie für mi oder gegen mi. Und wenn sie einmal Scheiße baut, dann ist sie schon weg, abserviert."

Und was ist dann Liebe?

"Totales Vertrauen", sagt Ulf.

Und könnte er da auch für sich die Hand ins Feuer legen?

Nach langem Nachdenken meint er: "Ich würde sagen - jetzt ja."

Franz braucht da gar nicht lange zu überlegen. "Naa", sagt er. "Ich bin a Lump."

***

Die Luft in der tristen Betonhalle ist zum Schneiden dick vom Zigarettenrauch. Auf dem Boden stehen Bierlachen, in denen sich das grelle Scheinwerferlicht spiegelt. Die aufpeitschende Musik dröhnt in meinen Ohren.

Vor der Veranstaltung habe ich viele Frauen gefragt, warum sie hergekommen sind.

"Weil es hier lustig ist", haben sie gesagt.

Und: "Um Spaß an der Freud zu haben."

Und sind ihnen die Fights nicht zu brutal?

"Nö, gar nicht. Und die kriegen ja auch genug Kohle dafür."

"Wir wollen Blut!" kreischen die Frauen. "Reiß ihm die Eier ab! Bring ihn um!"

Mir ist es völlig egal, wer von den Catchern zu den Heels oder zu den Faces gehört. Sollen sie sich schlagen - die Kamikaze-Kampfmaschine, das Rauhbein aus Neuseeland. Es ist das Publikum, das ich nicht länger ertragen kann. Es ist genau fünf Tage her, daß Larry Cameron im Ring starb. Viele der Zuschauer, die heute hier sind, waren dabei. Ob sie wohl ahnen, daß die Gladiatorenkämpfe früherer Zeiten ursprünglich bei Leichenfeiern veranstaltet wurden?

Zitternd stehe ich an einem der vielen Tresen und halte mich an einem doppelten Cognac fest, der meinen revoltierenden Magen beruhigen soll. Ich will nur noch weg aus diesem Hexenkessel und rufe meinen Mann an. Als er kommt, atme ich auf. Trotz Stirnglatze und Brille und des eher leptosomen Körperbaus denke ich dankbar: endlich ein richtiger Mann!

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