Biografien

 

(Biografie von Cato Bontjes van Beek

Siehe unter Sachbücher: „Cato Bontjes van Beek“)

 


 

Biographie von „Sir Galahad“

 

SIR GALAHAD - DIE UNBEKANNTE VON DER DONAU

 

Meine erste Begegnung mit der Autorin Sir Galahad war recht prosaisch. Sie fand in Bremen statt, bei Karstadt, an einem Tisch für verbilligte Taschenbücher. Dort fand ich dieses Buch:

Sir Galahad

Mütter und Amazonen - Ein Umriß weiblicher Reiche.

 

Fragen Sie mich nicht, warum ich es kaufte. Ich bin zwar immer an Geschichte interessiert gewesen. Aber Geschichte war für mich eben eine von Männern geprägte Geschichte. Selbst damals, um 1970 noch, wo schon der große Aufbruch - Studentenrevolten, die ersten Anfänge der Frauenbewegung - stattgefunden hatte.

Ich war eine sehr konventionelle Frau. Konventionell erzogen, mit konventionellen Maßstäben, was die Rolle von Mann und Frau anbetraf.

Und dann dieses Buch. Da heißt es in der Einleitung:

    "Dies ist die erste weibliche Kulturgeschichte.

    Sie bemüht sich, so einseitig wie möglich zu bleiben."

    Mütter u. Amazonen Seite 7

 

Sir Galahad begründet diesen provokativen Anspruch auch gleich: Schließlich sei Geschichte bisher ausschließlich aus männlicher Sicht geschrieben worden.

Aber: "gerade das 'Hälftenhafte' hier wie dort mag dann, überblickt, sich zu Ganzem fügen, denn: 'Die Wahrheit liegt in den Gegensätzen zugleich'."

 

In ihrem Buch weist Sir Galahad nach, daß die Anfänge aller wirklichen Kultur weiblich sind. Sie führt diesen Beweis für so ziemlich alle Völker der Erde und zeigt dabei nicht nur ein phänomenales Wissen, sondern auch einen geradezu genialen Blick, mit dem sie dieses Wissen zu sichten und einzuordnen versteht.

Im Vorwort schreibt Sir Galahad :

"Auf die notorisch leichte geistige Ermüdbarkeit des Lesers ist, weil ein organischer Defekt, alle Rücksicht genommen, auf seine ebenso notorische Faulheit und Flüchtigkeit, weil nur Unart, gar keine. Also sind die reichlich vorhandenen Rosinen auf geradezu teuflische Weise der Gesamtmaterie derart einverleibt, daß diese mitzuschlucken weniger mühsam sein dürfte als jene herauszuklauben!"

Mütter u. Amazonen Seite 8

 

Ich klaube nun trotzdem ein paar Rosinen heraus - um Ihnen einen kleinen Eindruck von diesem Buch zu vermitteln und Ihnen Lust zu machen, es selbst zu lesen.

"Am Anfang war die Frau. Der Mann erscheint erstmalig in Sohnesgestalt, als das biologisch Jüngere und Spätere.(...) Somit hat die Frau den Mann erschaffen, nicht umgekehrt. 'SIE ist das Gegebene, ER das Gewordene. SIE die Ursache, ER die Wirkung.`"

Mütter u. Amazonen Seite 11

 

"Dr. M. Vaerting und Schulte-Vaerting haben Untersuchungen über 'weibliche Eigenart im Männerstaat und männliche Eigenheit im Frauenstaat' angestellt. Sie vergleichen gerechterweise die Geschlechter nur unter den gleichen Bedingungen: Männer bei Männervorherrschaft mit Frauen bei Frauenvorherrschaft, beide somit in gleich günstiger Lage, oder Männer bei Frauenherrschaft mit Frauen bei Männerherrschaft, beide somit in gleich ungünstiger Lage. Sie prüfen auch die Situation bei Gleichberechtigung, um zu sehen, was dann schließlich für die durch das herrschende Geschlecht jeweils verkündete gott- und naturgewollte Eigenart des andern Geschlechts übrigbleibt.

Der Befund erscheint auf den ersten Blick verblüffend. Die Normen kehren sich weitgehend um.  Vaertings sind der Ansicht, daß viele Züge, die für eingeboren 'weiblich' oder 'männlich' gelten, lediglich das Produkt eingeschlechtlicher Vorherrschaft sind, bei Herrschaftswechsel sich aber automatisch umkehren bis ins groteske Detail. Zuvörderst setzt stets die umgekehrte Arbeitsteilung ein. Das beherrschte Geschlecht 'gehört ins Haus', hat zu kochen, die Kinder zu hüten, Schamgefühl und Gemüt zu entwickeln, sich zu schmücken, schön und jung zu sein und, als oberste Pflicht, zu gehorchen. Das herrschende Geschlecht reserviert sich die Geschäfte außerhalb des Hauses, gilt bei sich selbst wie dem beherrschten für den geistig überlegenen Teil, fordert dafür von dem geistig weniger Begabten Liebreiz und Jugend: dieser Zustand wird auch vom jeweils Beherrschten als der 'natürliche' empfunden. Es zeigt sich somit, daß für den Mann im Frauenstaat genau das gleiche gelte wie für die Frau im Männerstaat und daß weibliche 'Schwäche und Schutzbedürftigkeit' nicht Ursache, sondern Folge der Arbeitsteilung im Männerstaat seien.(...)

 

Der weibliche Familienname wird erhalten, der männliche geht unter. Kinder einer Adligen bleiben adlig, mag auch der Vater ein Sklave sein, die Kinder eines Adligen mit einer Sklavin bleiben Sklaven. Die Kinder folgen der Mutterlinie, der Vater ist mit ihnen nicht verwandt, kann ihnen auch nichts vererben; was er erwirbt, fällt seiner uterinen Sippe, also den Schwesterkindern zu. Beweglicher wie unbeweglicher Besitz liegt in den Händen der Frau und wird von ihr in erster Linie auf die Töchter vererbt, die Söhne gehen leer aus oder erhalten eine Mitgift, werden auch zuweilen von Müttern oder Schwestern verheiratet. Wo etwa ein Häuptlingsrang zu vererben ist, geht er nie auf den Sohn, sondern wieder auf die Schwesternsöhne über. Der Unterschied zwischen ehelicher und unehelicher Geburt fällt dahin. Die Frau tritt als der werbende Teil auf.

Die von den Vaertings ergänzten Merkmale betreffen die verschiedensten Gebiete. Vor allem verfügt die Frau frei über ihren Körper, unterbricht also Schwangerschaften, wann sie will, oder verhindert sie. Weibliche Kinder scheinen bevorzugt, weil sie das Geschlecht fortpflanzen, Knaben aber nicht; diese werden manchmal getötet, wie im vaterrechtlichen China umgekehrt die Mädchen. Körperlich ist die Frau geschmeidiger und stärker als der Mann durch die freie Betätigung außerhalb des Hauses, der Mann dagegen verfettet, wird zum 'Hausmütterchen', läßt Kinder nicht einen Augenblick aus den Augen. Von den Kamtschadalen sagt Meiners, sie seien so häuslich, daß sie nicht einen Tag fortsein mögen. `Werden sie aber dazu gezwungen, so bewegen sie ihre Frauen, mitzureisen, weil sie ohne diese nicht leben können'. Nach Westermann wird beim Encounter-Bai-Stamm die väterliche Wartung des Neugeborenen einfach als unerläßlich gehalten. Deshalb tötet die Mutter ein nach dem Tode des Mannes geborenes Kind lieber gleich. Ähnliches gilt bei den Creeks (Nordamerika). Im Frauenstaat hält die Frau Hausarbeit unter ihrer Würde, wie im Männerstaat der Mann. Auf sexuellem Gebiet ist sie der werbende Teil in der Liebe, das wußte schon Bachofen; jetzt wird es dahin ergänzt, daß er auch Schamhaftigkeit und Zurückhaltung zu wahren habe; auch Gehorsam in der Ehe wird von ihm - in Ägypten sogar ausdrücklich im Heiratskontrakt - verlangt. Treue desgleichen, sie aber bleibt frei. Ihr steht auch das alleinige Recht auf Scheidung und Verstoßung zu. Junggesellen werden im Frauenstaat ebenso verspottet wie im Männerstaat die alten Jungfern.

Mütter u. Amazonen Seite 78/80

 

Frauen, die wenig vom Mutterrecht, Männer, die gar nichts vom Amazonentum wissen, fabeln jetzt viel, diese finster, jene froh, von baldiger Wie­derkunft beider Zustände: also Wiederkunft des Gleichen. Davon kann die Rede nicht sein. Zu etwas wie dem alten orthodoxen Mutterrecht braucht es nämlich 'Mütter`. Dieser Typus, halb schicksalshafte Göttin, halb erdhafte Schaffnerin, breit hockend und verwurzelt, ist erloschen oder im Erlöschen begriffen. Er wäre auch in einer nickelblanken Zivilisationsphase aus Zweck und Zahl, wie der unseren, fehl am Ort. Gerade der Mann aber, mag er noch so gegen jede juristisch festgelegte Gynaikokratie bocken, ist es, der heimlich geradezu lechzt nach einer übermächtigen Weibsubstanz - keineswegs erotisch, bewahre, sondern einfach, um durch sie der Perennisierung des Lausbuben in sich teilhaftig zu bleiben, nicht immer, nicht jeden Tag; doch irgend etwas soll es in Reserve geben, das ihn, wenn nötig, einfach an den Ohren nimmt, aus der Bredouille zieht und zum Trocknen hinsetzt: radikal, endgültig, ohne viel zu reden.

Herrlicherweise gab es das unter dem alten Mutterwesen, ganz ohne Einbuße an Prestige bei Männchen und Weibchen der eigenen Lebensfläche. Von der ewigen Seinssubstanz selber an den Ohren genommen zu werden ist etwas, das keinen beschämt. Nun, meine Herren, wie machen wir das jetzt? Die Bredouille ist da, die Ohren sind da. Nur die 'großen Mütter' sind nicht mehr da.(...)

Mütter u. Amazonen Seite 314/315

 

Die Frau, geboren zu Schutz und Verteilung, hat von Natur aus das Talent, Mehrerin jedes Reichtums zu sein, erfaßt bei konkreten Problemen auch weit rascher, worauf es ankommt, weil sie frei von 'Sachlichkeit' ist. Amerika weiß sehr genau, warum es konsequent jede 'Behörde' ausschließt bei der Bewältigung sozialer Probleme, auch des der Arbeitslosen-Fürsorge, gerade weil dies an die Wurzel der Nation reicht, und warum es alles privater Organisierung überläßt, was in der Union so viel bedeutet, wie zu achtzig Prozent den Frauen. Dabei steht Amerika erst unter 'Tantenverwaltung', ein Keyserlingsches Wort; die große Zeitlose ist noch kaum erschienen, erst angedeutet in wenigen Exemplaren.

'Laßt sie, laßt sie machen!' sagt dort lächelndes Vertrauen, wo sich spontan, weil behördelos lebendig, viel mehr machen läßt als anderswo, zu allem, was die Frauen im Sozialen beschließen. Korruption bei weiblicher Verwaltung ist überall, wo es um öffentliches Wohl, Schutz des großen Kindes 'Alle' geht, fast unbekannt; auch die Herrschaft der unteren Mittelmäßigkeit, diese Pest alles männlichen Sozialismus, drängt sich bei weiblichen weit weniger vor. Nichts wird verzettelt im üblichen, also übelsten Wortsinn. Männliches verfällt in der Zivilisationsphase eben rascher und vollkommener anorganischer Verkrustung, weil weniger erdbeseelt.«

Als Effekt weithin sichtbar bei männlicher Revolution oder männlicher Gegenrevolution, männlichem Kommunismus wie männlichem Faschismus ist, daß dann jedesmal noch mehr Männer in Büros auf Sesseln sitzen und die restlichen Leute nach immer anderem Heilrezept am Leben hindern. Kein Symptom ist bedenklicher als dieser allverkalkende Hang zum Bürokratismus. Dagegen gehört Bürophobie zu den wertvollsten weiblichen Instinkten. Vor dem Amtsschimmel kommt in jeder Frau wieder etwas von den thermodonitischen Rossebändigerinnen herauf. Amazonen schlachten ja weiße Gäule. Es ist ihnen sogar ein besonderes Fest

Mütter u. Amazonen Seite 318/319

 

Als "Mütter und Amazonen" 1932 erschien, war dies ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Die politischen Gegebenheiten preßten die Frau - zumal "die deutsche Frau" - in eine Schablone, die dem von Sir Galahad dargestellten Frauenbild geradezu entgegengesetzt war. Das Buch war kein Erfolg.

 

1980 wurde bei Ullstein eine Taschenbuchausgabe von "Mütter und Amazonen" neu aufgelegt. Und wieder erschien dieses wichtige Buch zu einem Zeitpunkt, wo es nicht den ihm gebührenden Erfolg haben konnte. Denn es ist sicherlich kein Buch für militante Feministinnen. Niemals ist von Gleichheit die Rede - immer nur von Besonderheit. Niemals werden hier laute Parolen ausgegeben oder unabdingbare Forderungen gestellt. Es ist eher ein Buch, das der Gefahr, im Emanzipationsgetümmel oder - wie es jetzt Anfang der 90er Jahre eher aussieht - im großen Anpassungsprozeß die eigene Mitte als Frau zu verlieren, begegnen könnte.

Mich hatte das Buch so sehr begeistert, daß ich neugierig auf die Autorin wurde. Ich wollte wissen, wer die Frau war, die sich hinter dem Pseudonym Sir Galahad verbarg.

Ich versuchte also, etwas über sie herauszufinden - und stieß erst einmal auf eine Mauer.

Sie war in keinem Literaturlexikon verzeichnet. Und alles, was der Klappentext des Buches mir mitteilen konnte, war:

"In der Öffentlichkeit blieb es lange unbekannt, daß sich hinter dem letzten Gralsritter der Artus-Sage eine Dame von Welt verbarg, die im Gesellschaftsleben des alten Wien eine maßgebende Rolle gespielt hatte.

Mütter u. Amazonen Klappentext

 

Ich gab also in verschiedenen Literaturzeitschriften und auch in den österreichischen Tageszeitungen Anzeigen auf, in denen ich um Information über Sir Galahad bat.

Das Ergenis war niederschmetternd: Nicht eine einzige Antwort ging ein.

Aber dann passierte nach Wochen doch etwas: ein Brief aus Österreich kam an - von der bekannten Übersetzerin Eva Bornemann, der Frau des ebenso bekannten Professors Ernest Bornemann, der sich in seinem großen Buch über "Das Patriarchat" ja mit ganz ähnlichen Themenstellungen befaßt hat und dem Sir Galahad ein Begriff war.

Und damit kam nun einiges ins Rollen. Die Informationen kamen zwar immer noch spärlich, aber ich machte die interessantesten, witzigsten und kuriosesten Briefbekanntschaften. Ich kam brieflich in Kontakt mit Friedrich Torberg - dem bekannten Autor und Übersetzer von Ephraim Kishon, mit Alice Herdan-Zuckmayer, der Witwe Carl Zuckmayers, mit den österreichischen Autorinnen Dora Zeemann und Jeannie Ebner und mit vielen anderen bekannten und unbekannten Menschen, z.T. regelrechten Originalen, u.a. mit einem "wirklichen Hofrat".

Die Korrespondenz ging in die Schweiz, nach Österreich, Frankreich, Italien.

Vor allem aber kam ich mit Sir Galahads zweiten Sohn, Herrn Dr. Roger Diener, in Verbindung.

Er war es auch, der mich darauf hinwies, daß Sir Galahads Roman "Die Kegelschnitte Gottes" autobiographische Züge enthielte.

 

Durch einen glücklichen Zufall(?) kam dieser Roman gleich als zweites Buch Sir Galahads in meine Hände.

Um die Zustände in Europa im ersten Viertel des Jahrhunderts zu kritisieren, greift Sir Galahad hier zu einem literarischen Kunstgriff: Sie läßt uns Europa durch die Augen eines jungen Menschen sehen, der im Orient unter geradezu idealen Bedingungen aufgewachsen ist.

Horus Elcho ist der Sohn von Lady Diana Elcho, die auf Ceylon ein Leben in äußerer Vollkommenheit und innerer Selbstvervollkommnung lebt. Ihr Haus hat sie - bis zu den Türklinken hin - selbst entworfen. Es gibt dort die modernsten Maschinen - z.B. Turbinen zur Stromerzeugung, aber auch Fahrräder und einen Rolls Royce (es ist der Anfang des Jahrhunderts!). Im Haus gibt es einen Musiksaal mit Orgel und allen wichtigen Partituren, es gibt eine Bibliothek mit allen Weisheitsbüchern des Orients - Veden, Upanishaden, Lao-Tse, Kung-Fu-Tse - und mit allen naturwissenschaftlichen Werken Europas. Ständig gehen hier die neuesten technischen naturwissenschaftlichen Bücher und Zeitschriften ein. Das einzige, was es hier nicht gibt, sind die religiösen und philosophischen Werke der europäischen Denker. Denn Lady Elcho ist der Meinung, daß von ihnen die Degeneration Eu­ropas ihren Ausgang nahm.

So gewinnt Horus Elcho ein ganz eigenes Bild von den Europäern: er hält sie fast für eine Art von übermenschlichen Wesen, weil sie imstande waren, die wissenschaftliche Basis für diese wunderbar funktionierenden Maschinen, für diese Mechanik, Physik, Astronomie usw. zu schaffen. Von ihrer Religion, ihrer Gesetzgebung, ihrer Gesellschaft, von ihren Sitten und Gebräuchen hat er keine Ahnung.

So ist Europa - als er es nach dem Tod seiner Mutter mit seiner jungen indischen Frau Gargi besucht - für ihn das, was wir heute als Kulturschock bezeichnen würden.

 

Um Sie mit dem Stil des Buches - reiner Expressionismus! - und auch mit Horus selbst bekanntzumachen, lese ich Ihnen den Anfang des Romans: Horus erwacht.

"Der reife Schlaf fließt auseinander.

Immer lichter schimmern selige Schichten dem Bewußtsein zu. - Dort oben kreist, noch wolkig, das Dasein: Grünes und Gezwitscher. Hebt, was seinen Rand berührt, herauf in gleitenden Erdentag und geordnetes Wegeneinander.

Doch auch der zeitlose Abgrund bleibt beständig - samtene Nächte tief unter den Wirbeln -, und hintüberstürzend läßt sich's nach Willen in ihn zurücksterben: in lautlose Schwärze.

 

Nach einem dunklen Klumpen Ewigkeit rötet sich abermals die Zeit an den gewölbten Lidern. Ein Niederpressen, und wieder ist der ganze Kopf voller Sterne da; geschlängelte Goldfäden dazwischen und Wirbel bunter Atome.

Doch bananenfarbne Glorie lockt und lockt in die sanfte Geburt des Erwachens. Etwas steigt auf - stößt durch letzte Schimmerschichten - ist ein Ich und ruht in einem wunderguten Eck; jedes Glied zum Besten und ganz still, ja nicht zu stören, was der Muskelgeist im Unbewußten prächtig geordnet. - Wonne läuft von einem zum andern. Dort um das Ohr besonders, wo das Kissen eiderdaunig am Hals zergeht, staut sich ein kleines Privatparadies animalischer Seligkeit. Das Linnen ist eine laue Wolke über den Beinen und schwebt. - Unter ihm schwelen noch alle Wunder der Nacht: der Ichverlöscherin.

Aus lichten Gebärden und dunklen Trieben wirkt sie das Zwiegespinst allen Erdenglücks: verküßte Glieder jenseits von Ich und Du. Die Grenzen der Körper zergangen, Blütenweiches ineinandergegossen, Muskelwellen und Täler sich rhythmisch streifend; Duft - Hauch - Haar zu einem Frühling gemischt.

Allmählich aber in den Reigen blinder Sinne mengt es sich scheu, heiß, sehnsüchtig auch, wie ein Kind, das andere nicht mitspielen lassen: Das Schauen will seinen Teil:

Horus hat die goldenen Knabenaugen aufgeschlagen. Das Ich und Du fällt auseinander. Unerbittlich nah, wie es nur Wesen in der Liebe sind, sieht er das holde Gespiel gleich einem Schleier leicht auf sich ruhen. Geisterhaft fein gebaut, vorweiblich edel in der Vollkommenheit ihrer dreizehn Jahre. -

Und er erschauert ihrer Schöne.

Weise menschliche Bräuche des Tropenlandes, in denen der Knabe aufwuchs, hatten sie an den Grenzen der Kindheit zueinander gelegt. So blühten sie mit dem allmählichen Zentrieren der Sinne in die Ehe hinein; nach wonnig-langem Aneinanderhinbeben noch herbverschlossener Lust. Ohne Eheeinbruch: roh und frech. Horus Elcho löste sich tierweich von dem Liebesgespiel, hauchte hinkniend die Silberhalme der Schenkel hinauf zur noch verschlossenen Quelle des Lebens unter dem glatten jungen Frühlingshügel. Sie duftete nach den zartesten Harzen der Welt. Ein Falter aus atmendem Brokat, angelockt, ließ sich nieder mit gebreiteten Farben. Entrollte umständlich eine brünette, haardünne Spirale und begann starren Auges zu saugen aus diesem ganz unbegreiflichen Kelch. Dann stieg er lautlos auf in seinen einzigen, großen Lichttag.

Des Knaben Hände sehnten sich, das schlafende Kindergesicht wie einen Kelch zum Munde zu führen, mit den Lippen die befiederten Wimpern zu heben: dann schnitten sie flügelhaft weit in die Schläfen, und man sah lebendige Kerne in wunderbar wagrechten Schalen voll flüssiger Magie. Oder es waren klare Bergseen in der Form eines Fisches, leicht gebogen ruhend, wo aus bläulichem Tal der durchsichtige Nasenfelsen unbegreiflich edel steigt. Und auf einmal warf man alle Bilder weg, um nur "Auge zu fühlen - nichts als: Auge. Man sah auch, daß der Schwung der Braue verströmte und eigentlich etwas Unendliches war... man sah... man sah; der Segen des Sehens an diesen jungen Liebeskörper war ohne Ende.

Doch seine Hemmung hielt: nie einen Schlaf zerbrechen - nie einen Traum ermorden und Jene vielleicht, die drüben in ihm sind."

Die Kegelschnitte Gottes Seite 9/11

 

Seine junge Frau Gargi, die Lady Elcho ihm schon in der Kindheit als Gespielin ausgewählt hat, stellt Sir Galahad so vor:

"(...)sie war eine asiatische Dame, somit für die Essenz des Lebens gebildet - nur für sie.

Wenn man will, ein rein weibliches Dasein.

Verstände sich darunter:

Generationenlang nie einer Trägheit nachgegeben haben und nie einer Gier. Um der Anmut willen viel getan haben an zarter Mühsal. Viel gelassen, um des Geschmackes willen.

Vom fünfzehnten Lebensjahr bis zum Tode nie zu-, nie abnehmen im Dienst geschmeidiger Glätte und nie eine derbe Speise berühren im Dienst des Duftes.

Mit einem durch Jahrhunderte geklärten und durchglühten Blut die Sehergabe des Schoßes erwerben. Als Hüterin des köstlichen Potentials zu entgleiten verstehen ohne Entfremdung, auf daß die süßen Wasser der Sehnsucht sich wieder sammeln.

Wissen, wie jener unentrinnbare Haß der Übernähe zu lösen, damit auch die Qual noch ihre Stelle unter den Seligkeiten finde. Die Abstürze kennen, zwischen: Liebe - Erotik - Orgiasmus - Ehe. Über sie alle hin mit fragilem Arm die kühne, junge Brücke schlagen, an deren Ende schon die Hand den Gefährten mit warmem Druck erwartet, und auf dem Frühlingszweig des Armes jubelt noch sein Kuß.

In den seltenen, vielgliedrigen Festen des Blutes nach Ergänzungen suchen, die sie selbst nicht bieten kann. Mit und an ihnen sich abschatten oder entflammen. Die Liebe über den Geliebten stellen, damit das Weltenkunstwerk des Entzückens sich vollende. Und erkannt haben, daß ein Eros, der dieses Namens wert, auf jedem Instrument anders spielt, und daß die Flöte nichts der Geige raubt.

Ein rein weibliches Dasein: an der Feinheit der Polygamie frei - großartig - taktvoll - und weise geworden."

Die Kegelschnitte Gottes Seite 67/68

 

Die Begegnung mit einem Menschenwesen aus einer anderen Kaste - aber ihnen selbst doch ähnlich und entsprechend - ist charakteristisch für Horus und Gargi.

"In den westlichen Zimtgärten begegnete ihnen einmal eine Straßenkehrerin von solchem Wohllaut der Gliederung, daß sie trunken innehielten. Sonne fiel durch einen krokusgelben Sarong, in dem die Nahende als Docht in der Flamme stand. Sie schien fast ohne Schwere. Nur so viel der Last, als Kraft bedarf für ihre allerbesten Spiele. Unter den Soh­len ward ihr der Staub zu tragendem Sperlingsgefieder. Aus der Schmalheit ihrer Kniee ging sie auf Flaum dahin, im Klingen der Choorees: der Kupferspangen; nach rechts und links die Blätter von den Wegen fegend. Ihres Füßchens Ferse hinterließ keine sichtbare Spur; die erbsengroßen Mulden der vier Zehen - die kleinste berührte den Boden nie - aber waren so rührend abgetieft, so vollkommen gerundet, daß Horus niederkniete, die Innigkeit des Abdrucks mit dem Finger zu umlaufen.

Die Kegelschnitte Gottes Seite 55

 

Wie um eine Kostbarkeit bat Gargi um den Besen. Ging denn das an, aus einem Ding niedrigster Verrichtung ein Instrument solcher Anmut zu machen, solcher Augenweide?

Und die Diademgestirnte zeigte es: von Schulter zu Fingerspitze müsse es laufen, sei eigentlich nichts anderes als Freude, so fein fühlen zu kön­nen, daß die Enden des Besens immer nur Blätter träfen - nie Sand. Kein Körnchen dürfe auffliegen. Wie der ganze Körper mitschwingen müsse und etwas an sich haben von der Kunst des Rutengängers; auch sei es rätlich, seine Besen selbst zu binden. Fertiggekaufte taugten nichts. Gargi ward einer versprochen aus Pisangrippen mit federndem Bambusstiel. Dann sei es viel leichter. Denn es ergab sich, daß es nichts weniger als leicht war. Freilich, einfach Schmutz fliegen machen, rechts und links, das konnte jeder. Das war Sklavenfrohn. Dann sah man aber auch anders aus dabei."

Dir Kegelschnitte Gottes Seite 57

 

Über die Erlebnisse von Horus und Gargi in den einzelnen europäischen Ländern ließe sich endlos berichten und zitieren.

Ich will es bei zwei Zitaten bewenden lassen.

Im ersten geht es um die Armut

"Hier hieß arm sein ja nicht in veredelnde Einsamkeit wandern, mit vollkommenen Tieren frei duch Flur und Licht spielen,(...) im sanften Gewimmel blauer Kulis unbelästigt leben oder sterben, unbeschnüffelt von der taktlosen Tyrannei behördlichen Humanitätsschnauzentums.

Ging es einem Hindu schlecht, umgab ihn immer noch Distinktion der Gebärde, Zartsinn, Niveau der Kaste, durch die das Individuum mehr - schon dem Typus nach mehr ist - als es aus sich selbst zu sein vermöchte. Arm sein hieß daher nur: Form der Gesittung tauschen.

In Europa aber hieß es, dank diesem sadistischen Wohnzwang, wirklich in der Hölle sein: bis zum Tod eingesperrt leben mit Roheit, Bosheit, Intoleranz und Gekeif, umlauert von hämischer Neugier. Hieß statt süßer Kinder falschgeworfene, verzogene, gröhlende Mißgeburten haben, hingesudelt im Fuseldunst, denn nie könnten klare Sinne den Ekel vor erotisch so ungepflegten Weibern, wie sie dem Armen hier einzig zur Verfügung stehen, überwinden.

Hier ohne Geld sein, hieß also für einen Menschen von nur durchschnittlichem Feingefühl: Selbstmord. Nicht Entbehrungen der Armut, des Niveaus der Mitarmen wegen. Denn so etwas wie einen entrassten europäischen Mob, das hat ja die Welt noch nicht gesehen, hat es nie und nirgends noch gegeben! Lag es an Löhnen? Lebenshaltung? Keine Spur. Gab doch das Volk hier nebenbei für Alkohol und Tabak täglich mehr aus, als ein Chinese für den Unterhalt einer ganzen Woche. Der kroch morgens aus seinem Kanalloch, eine halbzerkaute Ratte zwischen den Zähnen und war doch ein Wesen an Courtoisie und Herzenshaltung von den höchsten seiner Rasse, einem Li-Hung Tschang etwa, nicht gar zu sehr verschieden, übte wie sie die Selbstzucht eines komplizierten Zeremoniells, lebte wie sie das "Buch der Riten" und die "Religion des guten Bürgers". Lag es an psychischer Qual? Beweis, daß diese europäische Masse nicht wirklich litt, war ihre Taktlosigkeit: erste Frucht des Leidens ist der Takt."

Die Kegelschnitte Gottes Seite 339/340

 

Im zweiten Zitat ist Horus so entsetzt über die Lebensart - oder vielmehr: Lebensunart - der Österreicher, daß sich folgendes Gespräch zwischen ihm und einem österreichischen Hofrat ergibt:

" 'Ich wünschte Ihren Landsleuten so sehr Kolonien - das ist, scheint mir - was sie zuvörderst brauchen'.

Der Andre dalberte entzückt etwas von Gemütlichkeit, leichter Musik und alter Kultur verbreiten.

'Sie irren: ich meine, daß durch fortgesetzte Berührung mit Anmut, Anstand und Takt - sagen wir der Botokuden, sich schließlich auch der Standard ihres Landes heben lassen müßte.' "

Die Kegelschnitte Gottes Seite 380

 

Im letzten Teil des Romans "Die Kegelschnitte Gottes" wird die Begegnung von Horus Elcho mit Sibyl geschildert.

In dieser Sibyl nun begegnen wir Sir Galahad selbst.

 

Sir Galahad wird als Bertha Helene Diener am 18. März 1874 in Wien geboren. Ihr Vater ist ein aus Süddeutschland eingewanderter Fabrikant, der sein Vermögen mit Zinkblechornamenten - für Dächer, Balkone etc. - verdient. Bertha hat noch zwei ältere Brüder, von denen der eine Unternehmer, der andere Geologe und Bergsteiger wird.

Schon als Kind fühlt Bertha sich von ihrer Ungebung, die eng und kleinbürgerlich ist, ganz und gar unverstanden. Ihre Ansprüche sind absolut und sie strebt immer etwas ganz, ganz anderes an als die anderen.

(...)"konnte denn das schon das Leben sein? Diese unharmonischen Brocken, aufgereiht an einem Faden Angst. Sie gewöhnte sich, alles als unwirklich zu empfinden, als Fehler und irrer Vorhalt nur: lebte wie von einer fernen Küste her, ganz in Silberdämpfen der Phantasie. Lernte sich auch immer reiner und herber abgrenzen gegen das Vorläufige. Züchtete sich ausschließlich dem Eigentlichen entgegen. Es hatte doch auch sein Gutes, so ein ganz alleines Ich zu sein, nur aus sich selbst heraus veränderbar. Da schloß man sich zu und liebte bloß nach Wahl herein.

Zum Beispiel einen Barsoi.

Beim ersten Anblick des unvergleichlichen Tieres, das fremd und resigniert hinter seinem Wiener Herren schritt, geriet sie in tagelanges Entzücken, bekam feuchte Augen vor der Harfe dieses Leibes, dem durchscheinende Rippen gleich Saiten anlagen, ruhte auch nicht, bis sie die eingezogenen Flanken des Windspiels am eigenen Körper lebendig besaß. Eine Übung war dazu besonders gut: auf dem Rücken liegend, den Leib sichelförmig einsaugen, und in die Mulde das Gefäß mit den Goldfischen ausgießen. Konnten die Fische dann in dieser Beckenschale, ohne Grund zu berühren, flossenschlagend umherschwimmen, war es in Ordnung und ergab am aufrechten Körper den heißerliebten Kontur! Wenn nicht, änderte sie Nahrung, Bewegung, Atem, bis es wieder ging. Eine Kontrollübung, nichts weiter."

Die Kegelschnitte Gottes Seite 415/416

 

Die Sibyl des Romans ist bereits über 20, als ihr ein Mensch begegnet, der anders zu sein scheint, als die Menschen, von denen sie umgeben ist: Gabriel Gruner.

Gruner ist ein religiöser Schwärmer, der sie mit seinem Mystizismus mitreißt und ihr eine höhere Art von Leben aufzuzeigen scheint. Der Gabriel Gruner der "Kegelschnitte" hat seine Entsprechung im wirklichen Leben in Friedrich Eckstein. Bertha begegnet ihm 1896. Ihre Biografin Sibylle Mulot-Deri berichtet darüber:

"Friedrich Eckstein war ein homo universalis. Mit 30, 33 Jahren hatte er sich in Wien schon einen Ruf als 'Polyhistor' erworben, als >>ausgezeichnete Kenner des >alten Wissens< <<, auch als >>schwindelhafter Vielwisser<<. So nannten ihn Hermann Bahr, Rudolf Steiner und Arthur Schnitzler. Er hatte >>die schönste Privatbibliothek Österreichs<< (Bertha in einem Brief an Sohn Roger), seine Sammlungen waren berühmt. Ganz Wien borgte bei ihm Bücher aus. Von Karl Kraus stammt der Ausspruch, der Brockhaus steige nachts aus den Regalen, um in Eck­stein etwas nachzuschlagen.(...)

Mulot-Deri Seite 71/72

 

Im damaligen Österreich wird eine Frau erst mit 24 Jahren volljährig. Bis dahin ist sie ganz und gar von ihren Eltern abhängig und hat abzuwarten, daß ein standesgemäßer Freier auftaucht.

Der Vater verbietet Bertha die Ehe mit Eckstein, denn er erscheint ihm durchaus kein erstrebenswerter Schwiegersohn:

In bürgerlichen Augen war Eckstein nicht nur ein komischer, sondern ein geradezu gefährlicher Heiliger, der sommers wie winters >>ganz in Leinen ge­kleidet<< herumging - Pythagoras hatte dies einst seinen Jüngern auf Sizilien empfohlen - und sich mit der Bruderschaft der Essener befaßte, einer jüdischen Geheimsekte, die im alten Palästina ein friedlich-anarchisches Kommunenleben geführt hatte,(...) Vegetarismus, Sozialismus und Lebensreform lagen damals noch eng beieinander und hatten noch nichts von ihrer subversiven Kraft eingebüßt. Die Überreaktion von Berthas Eltern, die - kaum hatten sie den Briefwechsel zwischen ihrer Tochter und Eckstein entdeckt - mit der Polizei drohten, wird so gesehen eher verständlich."

Mulot-Deri Seite 72

 

Bertha spricht daraufhin zwei Jahre lang kein Wort mit dem Vater. Kurz nachdem sie volljährig geworden ist, läßt sie sich mit Friedrich Eckstein trauen.

Aber diese Verbindung ist nicht ohne Probleme.

In den Kegelschnitten lesen wir:

"Ihre scheuen Knabenkörper kannten einander kaum.

Schwarzgekleidet bis zum Hals saß Gabriel in der Sonne und sagte:

'Es fehlt dir an Demut.'

Seine Macht war sehr groß; ging aus von der verborgenen Morgengabe hinter dieser breiten, bleichen Stirn. Sobald er sprach lag ihre Seele quer über seinen Knien und die flutende Empfindung spülte jede Vision herauf, deren er bedurfte.

Bei diesem Wort: Demut aber stockte die schöpferische Hingabe. Langsam stand sie auf, wie ganz wo anders. Ihr Gesicht schwebte in die Höhe, kantig wie ein Windenkelch und plötzlich von heidnischer Eleganz.

'Demut!' Das Wort mußte doch jedem Menschen mit Selbstachtung irgendwie widerstehen. Ja: hätte er `Ehrfurcht' gesagt, das wäre etwas anderes gewesen. Demut ist Ducken, Ehrfurcht ist aufrecken zu Gott.(...)

Gabriel Gruner bekam seine manisch hellseherische Knorrigkeit:

'Man darf nie etwas wollen. Wer nicht mehr will, zu dem kommt alles.'

'Dann braucht er es nicht mehr', sagte die zwei störrischen Sternsaphire oben an den kantigen Windenkelchen von heidnischer Eleganz.

'Nur solange ich mich danach zermartre, brauch ich's. Nur solange jahrelange herzzersprengende Sehnsucht sich, fahl vor Ungeduld, an unsichtbaren Widerständen schluchzend zerstört: da mitten hinein hat die Erfüllung zu brechen oder sie ist nichts.'

Etwas Taubes war in seine Haltung gekommen. Das, was sie 'das Feigenblatt vor dem Kopf' nannte.

Als wiche zur Strafe ihrer Störrigkeit die verborgene Verheißung hinter seiner Stirn weit von ihr zurück.

Nein, nur das nicht. Sie warf sich ihm nach. Gab alles Eigen-Sein, überhaupt alles Sein auf, übte Demut und versuchte die Sehnsucht zu verlernen.

Die Kegelschnitte Gottes Seite 440-442

 

Eckstein, 13 Jahre älter als Bertha, ist zwei Jahrzehnte lang durch Europa und Amerika gereist, hat hunderte von Kontakten und Bekanntschaften geknüpft. Nun will er in Ruhe die Berge von Studienmaterial, Manuskripten und Bücher durcharbeiten, die er während dieser Zeit gesammelt hat.

Bertha dagegen ist erst kurz zuvor der damals üblichen "Familien-Aufsicht" entronnen. Sie hat einen wahren Nachholbedarf an Erlebnissen und so fühlt sie sich natürlich durch Ecksteins Rückzug an den Schreibtisch beengt.

Andererseits profitiert sie aber auch von ihm, von seiner Arbeit, von seiner Bibliothek, und nicht zuletzt von seinem Freundeskreis, zu dem u.a. Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Hermann Graf Keyserling und Rudolf Steiner gehören.

Wir können in allen Büchern Sir Galahads erkennen, daß Fried­rich Eckstein ihr ganze Wissensgebiete erschloß, mit denen sie sich auch nach der Trennung von ihm weiterbeschäftigte.

Aber so faszinierend diese geistigen Entdeckungen für Bertha Eckstein sind - sie vermißt die wirkliche Welt, das wirkliche Leben.

Sie hat einen Vermittler in die geistigen Reiche gesucht - und diesen in Friedrich Eckstein gefunden. Nun hält sie Ausschau nach jemandem, der sie in das Sinnliche, Raffinierte, Frivole einführen soll.

Da lernt sie im Frühjahr 1900, zwei Jahre nach ihrer Heirat mit Friedrich Eckstein und ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes Percy, Theodor Beer kennen. Und damit beginnt nun eine wahrhafte "amour fou".

 

Theodor Beer ist damals 34 Jahre alt, Dr. der Medizin, der sich mit Vivisektionen an Fisch-, Vogel- und Reptilienaugen einen Namen gemacht hat, daneben Lebemann und Salonliebling, außerdem krasser Materialist. ("er schüttelte sich vor Ekel bei dem Wort Seele" heißt es in den Kegelschnitten) - also das genaue Gegenteil von Friedrich Eckstein.

Die ebenso romantische wie zerstörerische Liebesgeschichte dauert ganze elf Jahre und führt beinahe zu Berthas moralischem und physischem Zusammenbruch.

In den "Kegelschnitten" ist Theodor Beer Ralph Herson, der Sohn eines reichen Bankiers. Über ihre erste Begegnung heißt es:

"Einen Augenblick standen er und sie, von Augen umklammert an den zwei Enden eines leeren Luftstrahls. Man sah sein Herz im Halse. Dann war es, als nehme er seine ganze magnetische Vergangenheit zusammen, würfe sie über die Frau. Sie stand, mit seinem Fluidum übergossen. Es flutete in ihr hinauf, drang, zurückgewiesen, nicht ein, rann ab. Er senkte die mächtigen braunen Augen wie bestürzt, bewußt knabenhaft, dozierte weiter, ignorierte sie.(...)

Die jungen Sternsaphire sahen ihn an, prüfend und groß.

Er senkte den Kopf, den Wohllaut der Schultern. Hatte eine Art hinter blinden Lidern die Augen erst mit Wärme sich füllen zu lassen, dann warf er die zwei Schalen voll schwebender Minerale dem andern mitten ins Gesicht. Vor Sibyl aber ließ er es. Hob die Lider nicht mehr - leerte quasi seine ganze Macht vor ihr auf einem Gebetsteppich aus."

Die Kegelschnitte Gottes Seite 448

 

Er schreibt ihr nach dieser Begegnung:

" 'Sie haben mich arm und reich gemacht. Reich, weil ich meine ganze Vorstellung von der Frau erhöhen konnte, weil ich erfuhr, daß es doch Wesen voll Anmut und Noblesse gibt, die meinem klar geahnten Ideale nahekommen, arm, weil ich, seit ich Sie kenne, noch anspruchsvoller geworden bin. Weil ich die Frauen jetzt an Ihnen, nicht mehr bloß an einer abstrakten Sehnsucht messe, und kaum je eine finden werde, die Ihnen als meine Frau vorzustellen mich auch nicht in einem verborgenen Winkel meines labyrinthischen Inneren genieren wird.'

'Labyrinthischen Inneren' - da brach sie ab und lachte. Ohne Bosheit, aber unbändig wie ein Bub. Nein, dieses 'labyrinthisch'. Wie geschmacklos!"

Die Kegelschnitte Gottes Seite 451

 

Lange wirbt er um sie, aber Sibyl/Bertha hat das Gefühl des Noch-Nicht, möchte vielleicht Mann und Kind nicht verlassen. Da schickt Herson/Theodor Beer ihr eine Art Unterhändlerin, eine schillernde Frau namens Tatjana de Walden, die sich selbst bald nur noch als "Brangäne" bezeichnet - die Frau also, die in "Tristan und Isolde" den Liebestrank mischt.

 

Inzwischen soll die Sibyl der "Kegelschnitte" durch Gruners Vermittlung einer religiösen Einweihung teilhaftig werden. Aber was für sie höchste geistige Erhebung werden sollte, enthüllt sich ihr als hysterisches Schauspiel.

Damit aber hat auch ihre Ehe mit Gruner ihren Sinn verloren.

 

Da kommt ein Brief von Herson/Theodor Beer, viele hundert(!) Seiten lang.

"Wie brennende Schiffe trieben glühende Wortgruppen ihr entgegen und vorbei, abgelöst von irisierenden Wirbeln der Verheißung, rosig und leise dahinrotierend in dem endlosen Strom der Anbetung. Eine schmerzhaft konzentrierte Noblesse der Sprache, auch der Gesinnung wohl. Denn wie hätte es schon zu Beweisen, zu Taten äußerster Treue kommen können, so lang sie ihr Leben ihm nicht anvertraut. Nun schrie es aus ihm "in heiligster Not":

'Wollen Sie meine Frau werden? Ich gehöre nicht zu jenen, die solche Worte leicht auf der Zunge führen - Sie sind die Erste und Einzige, an die ich je solche Aufforderung gerichtet'.(...)

Da ward ein solcher Brand nach Blüte in ihr, daß sie, nackt hingeworfen, alle diese Blätter über sich gelegt, mit jeder Pore, mit dem ganzen Sonnengeflecht die magischen und dunkel duftenden Ausströmungen der breiten Männerschrift in sich trank.

Der Brief schloß:

'Ein Kind von Ihnen wäre die Krönung meines Lebens - eine Tochter gar, die Ihnen gliche an märchenhafter Anmut - ich glaube, da würde ich toll vor Glück. Doch wüßte ich selbst, Sie könnten nie mehr Kinder haben, auch dann wäre mir Ihre bloße Nähe schon so wertvoll, daß ich nichts unversucht ließe, Sie zur Frau zu gewinnen. Nur hinter Ihnen hergehen dürfen ist mehr als jede Andere umarmen.'

Die Kegelschnitte Gottes Seite 465/466

 

Bertha Eckstein und Theodor Beer sind ja zwei Menschen, wie man sie sich unterschiedlicher kaum denken kann.

"Bertha war nicht zu beneiden. Ihr Verhältnis zu Tieren - Katzen, Pferden, Windhunden - war zeit ihres Lebens zärtlich und affektiv. Sie war entschieden gegen Vivisektion und davon förmlich 'angeekelt'. Nun traf sie auf einen Mann, der sie mit seiner Lebendigkeit, seiner erotischen Ausstrahlung, seiner Dynamik und Weltläufigkeit ebenso stark anzog, wie er sie durch Charakter und Denkungsart abstieß. Was tun? - Die Frage stellte sich umgekehrt für Beer natürlich auch. Bertha war eine aparte, eine exquisite Erscheinung. Was tun mit der streitlustigen Dame, die sich zugänglich-unzugänglich, bös schimpfend im anderen Lager verschanzt hielt? Die beiden hakten sich auf Distanz ineinander fest,(...) Die objektiven und subjektiven Hindernisse gaben einen prachtvollen Rahmen für glitzernde Kopfliebe. Herrschen! Ein starker Movens bei Liebenden, die nicht zusammenpassen. Den anderen so abhängig machen, daß er sich der wunderbaren und notwendigen Charaktertransmutation nicht länger entzieht. Hat er sich erst einmal, von Liebe besiegt, geändert, findet sich alles weitere. Zwischen Theodor Beer und Bertha Eckstein brach ein dreijähriger Eroberungskrieg aus. Beer engagierte sich in Huldigungen, Bertha übertrumpfte ihn mit Beweisen der Gleichgültigkeit."

Mulot-Deri Seite 130/131

 

Aber:

"Längst waren seine Briefe eine anregende Droge geworden.(...)

Beer war Experte in Sachen Narzißmus. Seitenlang zitiert Bertha in den >Kegelschnitten< die >>perfiden, verbotenen, ersehnten Briefe<< des Anbeters, Einblick gewährend in dessen Technik der Huldigung. Daß sie sich dabei der Beerschen Originalbriefe bediente, zeigt ein Vergleich mit Beer-Briefen an Adolf Loos, die sich erhalten haben: derselbe Stil, dieselben Unebenheiten ("Ich bin nicht böse an Sie..."), derselbe >>selbstbewußte<< Ton. Zunächst bemüht sich Beer immer, dem Gegenüber klarzumachen, daß seine Zuneigung etwas Besonderes sei, einmalig unter der Sonne - wie er selbst."

Mulot-Deri Seite 131

 

"Beer konnte gewaltige Komplimente machen, Schlüsselkomplimente. Er wußte, was die Menschen hören wollten.(...)

Später mischen sich erste Erziehungsversuche in die Huldigung. Bei Menschen, die von ihm abhängig waren - wie zeitweise Loos -, wurde er rasch ungeduldig und autoritär. Bei Bertha allerdings - war sie von ihm abhängig? Sie befand sich noch in der angenehmen Lage, sich das Gegenteil einreden zu können. Bis Beer zu einem starken Mittel griff: In einem >>viele hundert Seiten langen Brief<< bat er die verheiratete Bertha, seine Frau zu werden.(...) Da erst(...) >>sprang der Funke über<<, und die seit langem unterminierte Festung flog in die Luft."

Mulot-Deri Seite 132

 

Beer forderte "rascheste Scheidung" von Bertha. Aber sie fühlt sich immer noch sehr fest an Eckstein gebunden. Außerdem würde sie bei einer Scheidung nach damaligem Recht ihren damals knapp vierjährigen Sohn Percy verlieren.

Bertha ist außerdem hin- und hergerissen zwischen Zuneigung und Abneigung. So läßt sie ihn an eine Scheidung glauben, unternimmt aber nichts.

Beer heiratet aus Trotz eine junge Frau aus guter Gesellschaft.

Erst 1903 trennt Bertha sich von Friedrich Eckstein - auf Probe. Das Kind bleibt bei ihm.

Sie nutzt ihre Freiheit, um ihre Bildung zu vervollkommnen - in vielerlei Hinsicht orientiert sie sich dabei an den Arbeitsgebieten Theodor Beers:

Sie hospitiert bei dem berühmten Chirurgen Theodor Kocher in Bern, bei dem Chemiker und Nobelpreisträger Jacobus Hendricus van't Hoff in Berlin und hört Vorlesungen bei dem Philosophen Henri Bergson in Paris.

 

Fünf Jahre lang ist Bertha auf Reisen: München, Berlin, die Schweiz, England, Griechenland, Ägypten sind die Stationen, die sie nicht nur bereist, sondern auch beschreibt.

 

Unter dem Pseudonym Sir Galahad beginnt sie ihre schriftstellerische Laufbahn mit Reiseglossen.

Der Kontakt mit Theodor Beer ist während dieser Zeit unterbrochen - aber sie denkt viel an ihn.

 

Anfang 1909 sterben Berthas Eltern. Sie erbt ein Drittel des Vermögens - etwa eine Viertelmillion österreichische Kronen.

Bei mäßiger Lebensführung könnte sie von den Zinsen gut leben. Aber ihr Lebensstil ist eher unbescheiden. Sie liebt teure Kleider, Grand-Hotels - und Theodor Beer.

 

Unterdessen hat Beers junge Frau sich erschossen.

Er lebt nun mit seiner Mätresse, der "Brangäne" aus den "Kegelschnitten", und dem mit ihr gemeinsamen Sohn in seiner "Villa Karma" - von Loos erbaut - am Genfer See.

 

So liegen die Dinge, als Bertha sich im Frühjahr 1909 entschließt, auf Beers Einladung an den Genfer See zu kommen

Hier nun beginnt ein wahres Wechselbad der Gefühle, das in den "Kegelschnitten" folgendermaßen geschildert ist:

"(...)Ruhe gab's nicht bei ihm. Zeitverschleuderung! Zirkus im Hirn war angesagt.

Im roten Frack festlicher Hatz stand er: Kenner, Liebhaber, Käufer, Dompteur, Publikum: alles in Einem. Ohne Peitsche, nur auf Zungenschlag ließ er sie getürmte Hürden nehmen, höher - höher, oder, indes billiger Erdenlärm schwieg, oben im Raum durch Trapeze stürzen und schwingen.

Seine stolze Wut nach Probe ihres Wissens, Erfassens, Durchdringens, Beherrschens, war ohne Maß. Nichts von Literatur, Kunst, Musik: dem Weiberschwatz. Er preßte sie ins Letzte, Ernsteste vor, drehte dann zäh wieder zurück ins Detail, verlangte einen Griff voll Fachwissen hier, einen dort. Genoß dabei das Luftgebäude ihres Tones in An- und Abklang, das Unsägliche am gepflegten Menschen, das um seine Worte ist.

Die Kegelschnitte Gottes Seite 475/476

 

Beers Ansprüche an Bertha sind hoch - nicht nur an ihren Geist, sondern auch an ihr Aussehen, nicht zuletzt an die Kleidung, die sie trägt.

Dabei ist sie nun keine reiche Frau mehr.

In den "Kegelschnitten" heißt es, Gabriel Gruner habe sich mit einer Scheidung nur einverstanden erklärt, wenn sie ihm und dem gemeinsamen Kind einen beträchtlichen Teil des von ihrem Vater ererbten Vermögens abtrete.

 

Trotzdem:

"(...)Sie bot ihm jenes letzte Zusammenspiel der Tadellosigkeit zu allen Stunden, das nur in Nerven anspannender Mühsal, um ein Vermögen bei den ganz großen Couturiers, erreichbar ist - für Wenigste. Fuhr manchmal eigens über den Kanal, um ein tea gown, einen Hut. Schade, daß ihre Mittel nicht so unbegrenzt. Doch nur ein einziges Mal versuchte sie zu sparen.

Es war in Rom. Am nächsten Abend sollte er eintreffen, ein Märchengewand, von Fortuny, lag schon bereit, da sah sie ihren Kontoauszug durch - und erschrak. Scheidung, Schenkung, Reisen, der vielfältige Luxus, den er als Ästhet brauchte zum Genuß, hatten mehr verschlungen, als sie geahnt. Was für Schuhe zu dem graugoldenen Nebelgewebe morgen? Roter Saffian, geschnabelt, und im Schnabel oben hängend, eine schwarze Perle. Der Kontoauszug. Sie seufzte, und verzichtete weise, doch bedrückt, auf die schwarze Perle.

Nach Stunden erschöpfender Pflege war sie pünktlich zur Minute - er liebte Warten nicht - im großen Vestibül: dem Treffpunkt. Wartete. Ging auf und ab. Ging ans Klavier. Spielte. Nacheinander gespannt, erregt, beflügelt, besorgt, enttäuscht, leer und namenlos zermartert. Drehte dann endlich mutlos der Treppe zu. Da kam er, verschlagen und selig, hinter einem Pfeiler hervor:

'Ich habe mir gedacht: erst schau' ich, macht sie ein gar zu böses Gesicht, schleich' ich mich wieder weg.'

Hatte unbemerkt in ihrer Art zu warten geschwelgt, und wie man ihn vermißte.

Sie umflammend, nahm er oben im Schlafgemach das Saffianschiffchen am Ende des feinen Seidenbeines an sein Herz, küßte die rote Spitze.

`Wäre ich reich, hier hinge morgen eine schwarze Perle - riesengroß.'

Die Kegelschnitte Gottes Seite 486/487

 

Ende 1909 wird Bertha rechtskräftig geschieden.

Nach dem Gesetz darf sie erst in sechs Monaten wieder heiraten, aber - ein juristisches Kuriosum - bereits nach drei Monaten ein Kind empfangen.

"(...)Dies war der Augenblick, auf den die beiden Verliebten ungeduldig gewartet hatten. Er wurde, nach soviel "peripherer Lust", nach soviel "endlos verküßten Nächten", die sie "übertrieben hatten, da ihnen die letzte Erfüllung versagt war", zu einer einzigen Enttäuschung. Es gab Empfindlichkeiten. Man stritt sich. Bertha fühlte sich (...) allmählich wie eine Gefangene und fuhr eines Tages (...) weg (...) ins Gebirge. Fuhr einer Beziehung davon, die weniger denn je eine war, 'glitt auf Skiern ins Blaue über Wächten, verschmachtet nach Freiheit und Bewegung'.

Der Bruch war schon da, wenn auch noch verdeckt. Nach wie vor erwartete Bertha stillschweigend, daß man, 'war die peinliche Wartezeit um, eines Vormittags obenhin und möglichst in der Stille erledigte, was der Gesittung und der Kaste zukam' - also aufs Standesamt ging und heiratete. Das erschien ihr so klar, daß ihre Freunde sie schon verheiratet glaubten. (...) (Aber) die Sache trieb langsam auf eine Katastrophe zu. Laut "Kegelschnitte" hatte Beer schon die ganze Zeit versucht, Bertha an der Finanzierung der Villa Karma zu beteiligen ("ihr Heim"), wobei sie, da sie ihr Vermögen dahinschwinden sah - das Kapital war schon angegriffen -, nur zögernd mitmachte. Als sie ihm endlich ihre Schwangerschaft mitteilte, präsentierte ihr Beer nach eingehender Beratung mit seinem Rechtsanwalt einen Ehekontrakt, der ihr Selbstgefühl tief verletzte ("eigentlich einen Scheidungskontrakt") und überdies finanzielle Forderungen enthielt, die sie nicht erfüllen konnte. Sie verließ ihn nach einem Wortwechsel voller Empörung (...) und Beer hielt sie nicht zurück.

Mulot-Deri Seite 149

 

Außer der Enttäuschung über das Verhalten des Geliebten hat Bertha nun noch ein weiteres Problem: Sie darf ihr erstes Kind ja nur unter der Voraussetzung einige Zeit im Jahr sehen, daß sie einen untadeligen Lebenswandel führt. Nun aber ist ein Kind unterwegs, mit dessen Vater eine Ehe mehr als zweifelhaft scheint.

 

Sie bringt unter schwierigsten Umständen - gesundheitlicher und natürlich gesellschaftlicher Art - ihr zweites Kind zur Welt.

 

Beer hat ihr Geld - und immer noch ihre Liebe. Über Monate ziehen sich die Verhandlungen mit seinen Anwälten hin - um das Geld, und natürlich auch um das Kind. Zwischendurch treffen sich beide privat, denn immer noch hofft Sibyl/Bertha, daß sich noch alles ändern, noch alles gut werden wird.

Das hofft sie vor allem, weil sie ihm ja sein Kind bringt.

"(...) In der Mitte seines Geburtstages legte Sibyl dem in der Hängematte seines Parkes Schlummernden von rückwärts das Baby in den Schoß. Feig schreiend stob er weg, wie vor einem Browninglauf, sah dann nichts als Größe und Süße in ihrem Gesicht und fing sich wieder ein. Tat nur allzu programmäßig erfreut jetzt.(...)

Sofort entkleidete er das Kind, nahm den Zollstab, das Höhrrohr. Maß den Schädel, prüfte die Genitalien, die Pupillen, das Herz. Das Kleine sah aus vielen Wimpern groß und dunkelblau zu ihm auf, kupferhäutig wie ein Indianerprinz unter goldenem Flaum.

`Es ist fehlerlos. Hat deine unvergleichliche Anmut ins Männliche übertragen. Welch richtiger Instinkt, dich zur Aufzucht zu verwenden.'

Er nickte, offenbar gewillt, die lebende Ware franko mit Zustellung zu übernehmen.

Die Kegelschnitte Gottes Seite 517

 

Als Herson/Beer dann das Kind entführt, bricht sie zusammen. Nach einem Selbstmordversuch wird sie von Horus und Gargi gefunden.

 

Zwischen diesen drei Menschen entsteht sofort eine tiefe Seelenbeziehung. Horus läßt sich - um Sibyl gesellschaftlichen Schutz zu bieten - mit ihr in England trauen. Sibyl soll mit ihm und Gargi, als seine zweite Frau, nach Indien zurückkehren.

Aber als sie in Hamburg an Bord des Schiffes gehen, wird Horus wegen Bigamie verhaftet: Ralph Herson hat ihn und Sibyl angezeigt. Diesmal trifft Sibyls Schuss besser: sie stirbt in den Armen von Horus und Gargi..

Die Wirklichkeit sieht so aus:

Beer geht mit seiner langjährigen Mätresse - der "Brangäne" aus den "Kegelschnitten" - auf eine zweijährige Weltreise. Ihr gemeinsames Kind nehmen sie mit.

Das Kind, das er mit Bertha hat, Roger, wächst unterdessen bei Pflegeeltern in Berlin auf und lernt seine Mutter erst 1936 kennen.

1919 begeht Theodor Beer aus finanziellen Gründen Selbstmord.

 

1913, also drei Jahre nach der Geburt ihres zweiten Sohnes, Roger, beginnt Bertha Eckstein-Diener mit der Arbeit an den "Kegelschnitten Gottes".

Kurz zuvor ist ihr Buch "Im Palaste des Minos" erschienen, mit dem sie ihren schriftstellerischen Ruf gefestigt hat.

Dieses Buch, das die Ausgrabungen Arthur Evans in Knossos auf Kreta schildert, ist mehr als ein Sachbuch über Archäologie. Bereits in diesem Erstlingswerk beweist sich Sir Galahad als Augenmensch, der alles bewundert, das "Form" hat. Sie sucht hinter allem - Kunst wie Leben - das Echte, Ungekünstelte, die Essenz - und erspürt sie mit dem sicheren Instinkt, der ihr eigen ist.

So schreibt sie beispielsweise über die Vasen der Steinzeit:

"Nicht einzusehen ist nur, warum diese noblen neolithischen Gefäße, die, restlos schön, an Materialgefühl, Macht und Anmut des Kontur das meiste übertreffen, was seither entstand, stets in die ethnographische Abteilung verbannt bleiben, indes der Menschenfresserprunk der Renaissance und des Barock die kunsthistorischen Museen füllt.

Innerhalb der Steinzeit scheint allgemein noch recht guter Geschmack geherrscht zu haben - vielleicht, weil die technische Überbehendigkeit fehlte, - jene üble Geschicklichkeit, jedem Ungeschmack restlos Form geben zu können, die man gemeiniglich "Kunstblüte" nennt!

Kein spielerisches Alles-Durcheinander-Können verleitete, mit dem Material Unzucht wider die Natur zu treiben, - instinktiv gab man dem Stein, was des Steines - dem Ton, was des Tones war - das kaum bestandene schwere Ringen mit dem Material wahrte eine Ehrfurcht vor seiner Eigenart, die eher noch Furcht war. Ein geozentrisches Schaffen im Gegensatz zum anthropozentrischen der Renaissance, da der Mensch das Unmaß der Dinge wird."

Im Palaste des Minos Seite 54

 

Während des ersten Weltkriegs hält sich Sir Galahad - zumindest zeitweise - in München auf.

Der Krieg bedeutet für sie den materiellen Ruin, denn sie verliert dabei das gesamte ihr noch verbliebene Vermögen.

1920 übersiedelt sie in die Schweiz.

 

1925 erscheint ihr "Idiotenführer durch die russische Literatur", ein Buch, das Sir Galahad dem "Rückgrat der Welt" widmet und in dem sie die Vorliebe der Deutschen für russische Romane scharf angreift.

Sie schreibt über Dostojewski:

"(...)Dostojewski, der große glücklose Sohn aus Geifer und Chaos, strampelt im Leeren mit seinem Rancune-Axiom. Ihm fehlt pantheistische Raumtiefe, der Halbgott im Blut. Sein ist nur eine gigantische, wenn man will geniale, seelische Kellerloch- und Hintertreppenwelt mitten in sarmatischer Öde."

Idiotenführer Seite 39

 

und

"(...)Käme nur ein einziges Mal in einem Roman Dostojewskis jemandem die Erleuchtung, ein Fenster aufzumachen, zwei Drittel aller Psychologie entwichen mit den Übrigen und auf der Stelle.

Idiotenführer Seite 73

 

Und über Tolstois Krieg und Frieden:

"(...)Alles klebt rundum von gezuckerter Kondensmilch frommer Denkungsart, wie sie heute sonst nur noch in Missionsanstalten eingedickt zu werden pflegt, zum Export nach besonders dunklen und anspruchslosen Breiten."

Idiotenführer Seite 46

 

Von 1925 bis 1931 arbeitet Sir Galahad an "Mütter und Amazonen", das 1932 erscheint.

Geht es in "Mütter und Amazonen" um die Vollendung des Weiblichen, so geht es in ihrem kulturgeschichtlichen Werk über By­zanz, das 1936 erscheint, um die Vollendung von Schönheit und Harmonie zu einem alle Lebensbereiche durchströmenden Ganzen.

 

"Byzanz - Von Kaisern, Engeln und Eunuchen" ist ein Buch, das einem die byzantinische Welt - den Gegenpol, die Gegenmetropole zu Rom - so nahebringt, als wäre es eine aktuelle Tatsache.

Und immer wieder sind es die Frauen, die dieses Kaiserreich - mächtig und mystisch zugleich - retten, aufrechterhalten. Frauen von Geblüt, Frauen aus dem Volk, mitunter Frauen "von zweifelhaftem Ruf" - aber allesamt Kaiserinnen, Persönlichkeiten.

Das folgende Zitat erinnert an unser "Aschenputtel"-Märchen:

"       Die roten Schühchen

Da war ein Märchenbrauch bei Hof, der galt bis ins elfte Jahrhundert. Wünschte der junge Basileus oder Kronprinz zu heiraten, so wurde eine Gesandtschaft von Fachleuten für Schuhnummer, Taillenenge und andere angenehme Maße im ganzen Reich umhergeschickt, die Kaiserbraut zu suchen. Schönste Mädchen, bei denen alles stimmte, lud man in den heiligen Palast als Gäste der Kaiserinmutter; sie und der Thronfolger trafen dann gemeinsam die endgültige Wahl.

Jede frei geborene Frau im ganzen Reich konnte Basilissa werden, ohne Unterschied des Ranges oder Vermögens; nichts anderes galt als Schönheit, Haltung, Anmut, Geist, Persönlichkeit und - Stimme. Sprechen können war sehr wichtig, denn Ordnung der Worte steht als Merkmal besserer Menschen entgegen dem Gewölle der Barbaren.

So kam es, daß durch sieben Jahrhunderte Frauen verschiedenster Typen, doch immer höchster Qualität, den byzantinischen Thron besteigen konnten, um als Regentinnen nicht selten selbstherrlich zu walten: Töchter athenischer Professoren, fränkischer Offiziere, paphlagonischer Bürokraten, Töchter von Prinzen und Töchter von Schankwirten. Nur so wird es erklärlich, wie Justinian sich seine Frau, die berühmte Theodora, Kind eines Bestienwärters, fast direkt aus dem Zirkus holen konnte, ohne gar viel Anstoß zu erregen.

Byzanz Seite 132

 

Mit "Byzanz" endet die Reihe der wesentlichen Werke Sir Galahads.

 

1938 erscheint noch ihr Kreuzfahrer-Roman "Bohemund". Ein Buch, das sich immer noch reizvoll, aber doch auch etwas schwerfällig liest.

 

1940 folgt eine "Kulturgeschichte der Seide".

 

Dann, 1943, ihr Richard-Wagner-Roman "Der glückliche Hügel".

 

Nach dem Krieg plant sie eine Übersiedlung nach Rom, wo ihr erster Sohn Percy inzwischen als literarischer Agent Fuß fassen konnte.

Dann aber stürzt sie auf der Straße und zieht sich eine schmerzhafte Muskelzerrung zu. Anfang 1948 muß sie sich im Zusammenhang mit diesem Sturz einer Operation unterziehen, die sie nur um wenige Wochen überlebt.

Am 20. Februar 1948 stirbt Sir Galahad in Genf.

 

"Die Frau, die - (wie der Berliner "Tagesspiegel" schrieb) -

 "nach dem ersten Weltkrieg eine der

  merkwürdigsten literarischen Erscheinungen"

war, ist heute vergessen. Die meisten ihrer Zeitgenossen hatten keine Ahnung, wer sich hinter dem Pseudonym des Gralsritters verbarg. Die Camouflage war geglückt und ist noch heute wirksam. Die wenigen Spuren, die sich von Bertha Eckstein-Diener noch finden lassen, verlaufen im Sande.

In einem Nachruf auf Sir Galahad heißt es:

"Nachdem sie die Rüstung abgelegt hat, die sie ehrenvoll getragen hat, muß dafür gesorgt werden, daß man ihr gewähre, was sie nicht begehrte: den Ruhm einer freien und redlichen literarischen Persönlichkeit.

Sie hat Tennysons Verse in seinem Gedicht 'Sir Galahad' vorzüglich bewahrheitet: 'Die Kraft in mir ist zehnfach Kraft, ich berg' ein reines Herz'."

 

"Eine freie und redliche literarische Persönlichkeit"...die schönen Worte haben wenig genützt. Warum aber soll ein guter Autor vergessen werden, nur weil er unbekannt ist? Wir haben heute genug und übergenug Schriftsteller, die wohl bekannt sind. Aber die wenigsten von ihnen sind "gute" Autoren - gut im Sinne von zeitlos, sowohl was die Form als auch den Inhalt ihrer Bücher angeht. Die Frage ist nur, inwieweit Qualität heute noch interessiert. Denn die hohe Qualität eines Buches setzt eine ebenso hohe Qualität des Lesers voraus. Und Sir Galahads Bücher verlangen in der Tat einen hohen Standard an geistiger Beweglichkeit und Aufnahmebereitschaft. So wird die Schriftstellerin Sir Galahad denn wohl auch für die meisten (für die sie ohnehin nicht geschrieben hat) das bleiben, was sie immer war: die Unbekannte von der Donau.

 


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