Science Fiction

 

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Ariels Klagesang

Der Hempedusische Erbfolgekrieg findet doch statt.

Heimkehr zu meinem guten Stern

 

 


 

ARIELS KLAGESANG

Ich schwebte grad in höheren Sphären

und sah verträumt dem großen Bären

beim Spiel mit dem kleinen zu.

Da fiel mir infolge von Turbulenz

ein Jet auf den Kopf - welche Impertinenz!

 

Da sank ich nun durch alle Sphären

und rief verzweifelt beiden Bären

um Rettung und um Hilfe zu.

Doch die sahen dieser Koinzidenz

nur zu in schweigender Impotenz.

 

So drang ich ein in Wolkenträume

und in verschiedne Wetterräume,

hier durch ein Hoch, dort durch ein Tief.

Da wurden mir plötzlich die Füße kalt

und ich landete hart im Bayerischen Wald.

 

Ich sah keinen Wald mehr, ich sah nur noch Bäume.

Und in Anemometer, daß es nichts versäume,

oszillografierte den Wetterdienstbrief.

Die Meteorologen adoptierten mich bald,

jetzt bezieh ich vom Staat ein festes Gehalt.

 

Aber manchmal wünsche ich mir: ach wäre

ich doch in meiner Stratosphäre.

 

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DER HEMPEDUSISCHE ERBFOLGEKRIEG FINDET DOCH STATT.

 

Professor Dr. Dr. Fabricius Sötebier, der bis vor einigen Jahren den Lehrstuhl für vergleichende Geschichtswissenschaften an der hiesigen Universität inne hatte, war mit Leib und Seele Historiker. Trotz mancher Eigenheit, die sich wohl bei jedem bemerkbar macht, der sich über lange Jahre und ausschließlich mit seinem Fachgebiet befaßt, war er ein fähiger Kopf und bei Kollegen und Studenten gleichermaßen beliebt. Äußerlich von eher unscheinbarer Gestalt war der Professor in der Tat eine der bedeutendsten Koryphäen auf seinem Gebiet und wurde international in Historikerkreisen  wegen seiner aufsehenerregenden Vorträge und Veröffentlichungen geschätzt.

 

Das Hauptinteresse Professor Dr. Dr. Sötebier galt den - für den Fortgang der Weltgeschichte leider völlig belanglosen - historischen Abläufen in der Provinz Hempedusien, deren gewissenhafte Erforschung sowohl sein Lebensziel als auch seinen Lebensinhalt darstellte. Insbesondere war es der Hempedusische Erbfolgekrieg, dessen Studium er sich mit besonderem Eifer verschrieben hatte, und dessen minutiöse Behandlung deshalb auch ein Hauptstück seiner Seminare und Vorlesungen bildete.

 

Da, wie ich wohl mir Recht annehmen darf, die meisten Leser mit der Geschichte Hempedusiens nur mangelhaft oder gar nicht vertraut sind, ist es sicher angebracht, an dieser Stelle eine kurze Schilderung der Verhältnisse im Jahre 1503 einzuschalten - zumal deren Kenntnis zum Verständnis des folgenden Berichts (bei dem ich mich übrigens auf authentische Angaben Professor Sötebiers stütze) unerläßlich sind.

 

"In jenem Jahr 1503 nämlich" - ich zitiere Dannemanns Historischen Abriß zur Entwicklung der Berglandprovinzen, 2. überarbeitete Auflage - "fanden die Streitigkeiten um die hempedusische Thronfolge ihren Höhepunkt in einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den beiden Kronprätendanten. Denn als im November 1502 der langjährige Regent der Provinz, König Tugendsam III. von Hempedusien , plötzlich und unerwartet in besten Mannesjahren an einer verschluckten Fischgräte gestorben war, hinterließ er zwar ein geordnetes Gemeinwesen und einen wohl gefüllten Staatssäckel, aber keinerlei Mitteilung darüber, wen er als seinen Nachfolger auf dem mit Lammfellen gepolsterten Widderthron zu sehen wünschte. (Zur Erläuterung: Die hempedusische Königswürde ist erblich und es liegt im Belieben des Souveräns, welches seiner Kinder er zum Thronfolger bestimmt. Diese weise Regelung gibt ihm die Möglichkeit, dem jeweils Geeignetsten den Vorzug zu geben.)

 

Der eines so unmonarchischen Todes gestorbene König Tugendsam III. hatte zwei Söhne, Ehrenwert und Friedevoll, die ihm gleichermaßen lieb gewesen waren und gleichermaßen würdig, sein hohes Amt dereinst zu übernehmen. So hatte er die Entscheidung immer wieder hinausgezögert, und nach seinem Ableben herrschte deshalb naturgemäß die größte Unsicherheit darüber, welcher der beiden Söhne nun als neuer König von Hempedusien den Thron besteigen würde. Als während der folgenden Monate die Brüder untereinander zu keiner friedlichen Einigung gelangen konnten, sammelten sie ihre jeweiligen Anhänger um sich, um durch Waffengewalt eine endgültige Entscheidung herbeizuführen. Im Mai 1503 wurde dieser Konflikt, der als Hempedusischer Erbfolgekrieg in die Annalen der Provinz einging, durch die Schlacht auf dem Lämmerfeld beendet."

 

Soviel also zum historischen Hintergrund, zitiert aus Dannemanns Historischem Abriß zur Entwicklung der Berglandprovinzen.

 

Kehren wir nun, da wir uns mit den innenpolitischen Problemen Hempedusiens zu Beginn des 16. Jahrhunderts hinreichend bekannt gemacht haben, zurück zu Professor Dr. Dr. Fabricius Sötebier. Dieser - als überzeugter Pazifist allen kriegerischen Auseinandersetzungen abhold - war nach eingehendem Studium der damals bestehenden Rechtslage zu dem Ergebnis gelangt, daß der Hempedusische Erbfolgekrieg durchaus vermeidbar gewesen wäre. Einige wenig bekannte Klauseln des XI.Erlasses zur Regelung der hempedusischen Thronfolge besagte nämlich, daß in einem Falle wie dem vorliegenden derjenige Leibeserbe König werden sollte, der als erster seinen Anspruch auf den Thron dergestalt anmeldete, daß er mit der linken Hand den Widderthron berührte und dreimal ausrief: "Schalamesch!" - ein Wort, das der althempedusischen Sprache entstammt und soviel wie "Königswidder" bedeutet.

 

Überdies empfand der Professor den Bruderkrieg als einen störenden Makel auf der ansonsten vollständig friedlichen Vergangenheit Hempedusiens. In allen Vorlesungen und Kollegien, die den Hempedusischen Erbstreit behandelten, versäumte er es denn auch nie, die Möglichkeit zu dessen friedlicher Beilegung zu betonen. So sehr hatte er sich in diesen Gedanken hineingesteigert, daß er vor seiner Zuhörerschaft immer wieder den Wunsch äußerte, zu jener Zeit gelebt zu haben. Denn - so behauptete er - es wäre ihm sicher ein leichtes gewesen, durch den bloßen Hinweis auf die erwähnte Klausel den Bruderzwist zu verhindern.

 

Unter den Studenten Professor Sötebiers befand sich ein junger Mann, der sich im Hauptfach der Physik widmete und nur nebenher und sozusagen als Steckenpferd historische Studien trieb. Dieser Student, dessen Name - da inzwischen mit einer Vielzahl bahnbrechender Erfindungen verbunden - sicherlich jedem meiner Leser wohlbekannt ist, eröffnete einer Tages dem Professor zu dessen nicht geringer Überraschung, die alsbald in Begeisterung umschlug, die Möglichkeit, seine Thesen an Ort und Stelle und darüber hinaus zu Zeit und Stunde nachzuprüfen. Dem begabten jungen Mann war es nämlich gelungen, eine Zeitmaschine zu entwickeln, mit deren Hilfe man sich in eine beliebige Aera der Vergangenheit oder der Zukunft hineinversetzen konnte. Dieses Gerät stellte er Professor Sötebier zur Verfügung, der das großzügige Anerbieten sofort und mit überschwenglichem Dank annahm. Voller Ungeduld, endlich den Beweis seiner über lange Jahre hinweg verfochtenen These antreten zu können, wollte Sötebier mit seinem Ausflug in die hempedusische Vergangenheit denn auch nicht einen Moment länger warten als unbedingt nötig war. Er verstaute, was er an Unterlagen über den XI. Erlaß zur Regelung der hempedusischen Erbfolge zusammengetragen hatte, in einer Mappe und erklärte, daß er nunmehr ausreichend gerüstet sei, die ungewöhnliche Reise anzutreten.

 

Über den Verlauf der Fahrt wußte Professor Fabricius Sötebier später nichts weiter zu berichten, als daß sie nur wenige Sekunden gedauert haben könnte. Denn kaum hatte er die Bedienungshebel der Zeitmaschine, die auf den 23. Mai 1503 - den Vorabend der großen Entscheidungsschlacht - eingestellt waren, berührt, als das Gefährt sich auch schon in Bewegung setzte, um gleich darauf in Hempedusien zu landen. Seiner wichtigen Mission eingedenk verschwendete der Professor keine Zeit damit, diese einzigartige Gelegenheit jener Ära zu nutzen, sondern ließ sich sogleich von einem der Eingeborenen den Weg zum Lämmerfeld weisen, wo - wie er aus den Geschichtsbüchern wußte - die feindlichen Heere lagerten. Aber wie erstaunt war Fabricius Sötebier, als er die vermeintlich zerstrittenen Brüder einträchtig in einem Zelt über einer Partie Halma sitzen vorfand. Ehrenwert und Friedevoll unterbrachen ihr Spiel und sahen dem fremdartig gekleideten Eindringling erwartungsvoll entgegen. Dieser, nachdem er seine anfängliche Verwirrung über die seinen Erwartungen so gar nicht entsprechenden Zustände gemeistert hatte, kam sogleich auf den Zweck seines Besuches zu sprechen: daß er nämlich eigens aus dem zwanzigsten Jahrhundert sich in die Vergangenheit bemüht habe, um den hochwohlgeborenen Königssöhnen ein Mittel an die Hand zu geben, das es ihnen erlaubte, ihre Zwistigkeiten auf unblutige Art und Weise beizulegen. Daraufhin zog er seine Gesetzbücher hervor und begann mit der wortreichen und erschöpfenden Auslegung der entscheidenden Klauseln.

 

So vertieft war Dr. Dr. Fabricius Sötebier in die juristischen Feinheiten der hempedusischen Erbfolgeregelung, daß ihm vollständig entging, wie die Brüder, nachdem sie anfangs nur amüsierte Blicke getauscht hatten, ihre Belustigung kaum noch zu verbergen vermochten. Endlich gelang es ihnen nicht mehr, ihre Heiterkeit zu bemeistern und sie prusteten lauthals los und lachten und lachten, bis ihnen die Tränen in den Augen standen. Jetzt erst unterbrach der Professor, solchermaßen in seinen Ausführungen gestört, seinen Redefluß und betrachtete befremdet die hempedusischen Königssöhne, die nur langsam des überschäumenden Stroms ihres Gelächters Herr wurden. Ihr unbegreifliches Verhalten schien Sötebier dem Ernst der Stunde durchaus nicht angemessen, und ihm lag bereits ein eindringliches Wort der Ermahnung auf der Zunge, als er sich plötzlich links von Friedevoll und rechts von Ehrenwert umarmt fand, die ihn mit herzlichen Bitten um eine milde Beurteilung ihrer Unhöflichkeit bestürmten. Sodann geleiteten sie den Professor, der diese Aufmerksamkeit sehr wohl zu schätzen wußte, zu einem bequemen Sessel. Die Brüder nahmen ebenfalls Platz und versprachen ihm vollständige Aufklärung über alles, was ihm jetzt noch unverständlich erscheinen mußte. Doch zuerst wollten sie ihren Pflichten als Gastgeber genügen.

 

Ein opulentes Mahl wurde aufgetragen, zu dem Fabricius Sötebier, der den leiblichen Genüssen durchaus nicht abhold war, sich nicht lange nötigen ließ. Ehrenwert und Friedevoll freuten sich an seinem gesunden Appetit und versäumten auch nicht, sein Weinglas nachzufüllen sowie er es geleert hatte. So befand der Professor sich nach Beendigung dieses eines Königs würdigen Mahls denn auch in entspannter, ja heiterer Stimmung und sah den ihm versprochenen Eröffnungen mit Gelassenheit entgegen.

 

Friedevoll und Ehrenwert schilderten nun, einander abwechselnd, Professor Sötebier die Vorgeschichte der morgen zu erwartenden Entscheidungsschlacht. Was er im folgenden von den Brüdern erfuhr, unterschied sich allerdings beträchtlich von dem, was in den Geschichtsbüchern über dieses Kapitel hempedusischer Vergangenheit zu lesen war. Zwar war es zutreffend, daß die Brüder sich nicht über die Thronfolge einigen konnten - aber nicht, weil jeder von ihnen die Königswürde angestrebt hätte, sondern weil im Gegenteil jeder der Brüder zugunsten des anderen auf diese Würde verzichten wollte. Auch eine Abstimmung unter den Hempedusiern hatte keine Entscheidung gebracht, denn da Friedevoll und Ehrenwert beim Volk gleichermaßen beliebt waren, entfiel bei der Auszählung auf jeden von ihnen genau die gleiche Stimmenzahl. Deshalb beschlossen die Brüder, das Interregnum durch eine Schlacht zu beenden. Zudem meinten sie, daß dies eine günstige Gelegenheit sei, der Provinz Hempedusien ein- für allemal einen ehrenvollen Platz in der Geschichtsschreibung zu sichern. Denn da das Land durch seine uneinnehmbare Lage in einem Hochtal vor äußeren Feinden geschützt war und die friedliebenden Hempedusier auch zu keiner Zeit irgendwelche Expansionsgelüste gehegt hatten, hatte es in der Vergangenheit der Provinz noch niemals Anlaß gegeben, Ruhmestaten von jener Art zu vollbringen, die allein für wert befunden werden, in den Geschichtsbüchern verzeichnet zu werden.

 

Professor Dr. Dr. Fabricius Sötebier schüttelte verständnislos den Kopf. Wie konnten zwei Brüder, die einander offensichtlich liebten, sich und ihr Volk solchermaßen leichtfertig ins Unglück stürzen? Er versuchte, den beiden Männern, von denen einer aller Wahrscheinlichkeit nach den morgigen Abend nicht mehr erleben würde, ein in seinen Augen unsinniges und schädliches Vorhaben auszureden. Aber Ehrenwert und Friedevoll wehrten seine Vorhaltungen lächelnd ab und bedeuteten ihm, in Ruhe den kommenden Tag abzuwarten.

 

In dieser Nacht tat Professor Sötebier kein Auge zu. Immer wieder durchforschte er sein Gedächtnis, um Antwort auf die Frage zu finden, welcher der beiden Brüder in dem nun durch seine Macht nicht mehr zu verhindernden Kampfe unterliegen würde. Aber alles, woran er sich zu erinnern vermochte, war ein einziger Satz aus seinen Geschichtsbüchern, demzufolge der Sieger der Entscheidungsschlacht sich seinem Vater zu Ehren anläßlich seiner Krönung den Namen Ehrsam IV. zulegte, woraus natürlich nicht zu ersehen war, um welchen der beiden Brüder es sich dabei handelte.

 

Der Morgen des 24. Mai 1503 brach an. Voller Unruhe trat der Professor bereits in aller Herrgottsfrühe vor das ihm zur Verfügung gestellte Zelt und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß sich auf dem Lämmerfeld bereits eine große Menge Volks angesammelt hatte, das - festlich geschmückt - in offenkundig froher Erwartung den kommenden Ereignissen entgegensah. Auch Friedevoll und Ehrenwert waren bereits munter und kamen, als sie des Professors ansichtig wurden, eilends auf ihn zu, um ihm ihren Morgengruß zu entbieten. Auf seine Frage, was denn die vielen Menschen, zumal die Frauen und Kinder, auf dem Schlachtfeld zu suchen hätten, wurde ihm geantwortet, daß diese maßgeblich am Kampf beteiligt sein würden. Voller Grauen wollte Fabricius Sötebier sich von dem zu erwartenden Gemetzel abwenden. Aber er war zu sehr Historiker als daß er sich diese Gelegenheit, Zeuge eines so wichtigen Geschehens zu sein, hätte entgehen lassen. Überdies hegte er die Hoffnung, vielleicht doch noch vermittelnd eingreifen und das Schlimmste verhindern zu können.

 

Aber zu seiner grenzenlosen Erleichterung konnte Professor Sötebier alsbald feststellen, daß es sich bei der Entscheidungsschlacht auf dem Lämmerfeld durchaus nicht um ein blutiges Aufeinanderprallen feindlicher Heere, sondern eher um eine sportliche Volksbelustigung handelte, wobei die gegnerischen Mannschaften jeweils von einem der hempedusischen Königssöhne angeführt wurden. Den ersten Durchgang, nämlich den Austrag eines unserem Fußball ähnlichen Spieles, vermochte Friedevolls Gruppe für sich zu entscheiden. Das Sackhüpfen der Kinder dagegen endete mit dem Erfolg von Ehrenwerts Schar. Auch seine Ringkämpfer waren denen Friedevolls überlegen, und so endete die Veranstaltung mit einem eindeutigen Sieg der Mannschaft Ehrenwerts. Dieser wurde von seinem Volk jubelnd als neuer König begrüßt. Als erste Amtshandlung verlieh er, der sich seinem Vater zu Ehren nun König Ehrsam IV. von Hempedusien nannte - insofern stimmen die Geschichtsbücher mit den Tatsachen überein - Professor Dr. Dr. Fabricius Sötebier den Widderorden I. Klasse am Band für außerordentliche Verdienste um das hempedusische Staatswohl. Der Professor wollte die hohe Auszeichnung bescheiden ablehnen, die ihm seiner Meinung nach zu Unrecht zuteil wurde. Aber der junge König wie auch sein Bruder Friedevoll drangen so lange in ihn, bis er sich endlich den Orden anlegen ließ, wobei er sich jedoch eines heftigen Errötens nicht zu erwehren vermochte.

 

Für den Professor - so sehr er dies auch bedauerte - wurde es allmählich Zeit, seinen Ausflug zu beenden und in seine angestammte Heimat, das 20. Jahrhundert, zurückzukehren. Denn die Konstruktion der Zeitmaschine war - da es sich um eine ganz neue und technisch noch nicht ausgereifte Erfindung handelte - so ausgelegt, daß die Aufenthaltsdauer in einem anderen Jahrhundert vierundzwanzig Stunden nicht überschreiten durfte, wollte der Reisende nicht Gefahr laufen, den Anschluß an seine eigene Zeit zu verpassen. Mit herzlichen Umarmungen verabschiedete Sötebier sich von den Brüdern, deren edle Gesinnung ihnen einen Platz in seinem Herzen gewonnen hatte.

 

Ebenso schnell wie er nach Hempedusien gelangt war, kehrte er in seine Heimatstadt und in unsere Zeit zurück. Hier wurde er von seinen Studenten, insbesondere von dem Erbauer der Zeitmaschine, bereits mit Spannung erwartet. Seine aufsehenerregende Reise wurde durch sensationelle Zeitungsberichte schnell in aller Welt bekannt, und bald erreichten ihn Angebote der bedeutendsten internationalen Universitäten, die den berühmten Professor gern für sich gewonnen hätten. Sötebier hätte eine glänzenden Karriere machen können, aber er schlug alle Offerten aus und gab auch seinen Lehrstuhl für vergleichende Geschichtswissenschaften an der hiesigen Universität auf. Bald darauf verließ er die Stadt und lebt heute in Hempedusien, wohin ihn König Ehrsam XXI. als seinen persönlichen Berater berufen hat. Seine wissenschaftliche Arbeit vernachlässigt Professor Dr. Dr. Fabricius Sötebier jedoch auch dort nicht, und soeben traf bei uns aus seiner Feder das Manuskript zur dritten überarbeiteten Auflage von Dannemanns Historischen Abriß zur Entwicklung der Bergprovinzen ein, in dem er für seine geneigten Leser die wahre Geschichte des Hempedusischen Erbfolgekrieges mir großer Akrebie aufgezeichnet hat.

 

 

 

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HEIMKEHR ZU MEINEM GUTEN STERN

 

Ich liege entspannt in meinem Sitz, lasse meinen Blick mit gewohnheitsmäßiger Aufmerksamkeit über die Instrumententafeln des Cockpits gleiten und lausche mit halbem Ohr dem Funkverkehr, der die Erde - jene winzige Stecknadel im Heuhaufen der Galaxien - mit den anderen Raumfahrzeugen verbindet, die gleich dem meinen das All durcheilen. Ich bin auf einem Routineflug zu den im geostationären Orbit befindlichen Nachrichtensatelliten, die mit einem Test Package zur Erprobung einer neuen Solarzellengeneration bestückt werden sollen. Nichts Aufregendes also, so daß mir Zeit und Muße bleibt, meinen Gedanken nachzuhängen. Während die STARSHINE GLORY - ein poetischer Name, den das klobige und von der modernen Technik längst überrundete Gefährt in keiner Weise rechtfertigt - durch die samtige Schwärze fliegt, wandern meine Gedanken zurück zur Erde...

 

Zur Erde, wo ich mich heute morgen wie immer von Erek und den Kindern verabschiedet habe. Es war wie immer und doch auch wieder anders, denn eine unerklärliche und ganz und gar unerwartete Rührung überkam mich, als ich Mandy an mich drückte, die bald ihren elften Geburtstag feiern wird, und den kleinen Pascal küßte, der gar nicht gern mit Zärtlichkeiten dieser Art behelligt wird und sich deshalb energisch sträubte. Und ich ließ auch meinen Kopf einige Sekunden länger als sonst an Ereks Schulter ruhen, ehe ich ging. Jetzt, wo ich in Ruhe über diese kleine Szene nachdenke, kommt es mir vor, als gewönne der Abschied noch an Bedeutung, als hätten wir uns nicht nur für diesen einen Tag getrennt, sondern für eine längere Zeit...

 

Für eine längere Zeit jedenfalls als die paar Stunden, die ich brauche, um meine Mission zu erfüllen. Seltsam, denke ich, wie man einen solchen Ausdruck Tag für Tag benutzt und sich kaum noch Gedanken über den Inhalt der Worte macht. Eine Mission erfüllen bedeutet ja eigentlich viel mehr als die bloße Ausführung eines technischen Auftrags, kann ja auch heißen: eine Sendung haben und diese vollenden. Heute weiß ich auch, daß es gerade diese zweite Bedeutung war, die mich bei meiner Berufswahl - bewußt oder unbewußt - leitete und mich nach Beendigung meines Astrophysik-Studiums veranlaßte, mich zum Astronautentraining zu melden. "Es ist deine Sternensehnsucht", sagte Erek immer. Sternensehnsucht - welch ein schöner Wort...

 

Ein Wort, das ich leise vor mich hin sage und dabei die Sterne betrachte, denen ich um so viele Meilen nähergekommen bin und die doch noch so weit entfernt sind. Ihr Glitzern und Funkeln ist lockend und bezaubernd wie das Glitzern und Funkeln edler Steine. Nie habe ich, wie viele meiner Kollegen. die Sterne als einen Haufen toter Materie betrachtet, sondern ich war immer davon überzeugt, daß sie ein Geheimnis bergen - ein Geheimnis, das sie nur dem preisgeben, der daran glaubt. Ich habe nie zu jemandem über diese Idee gesprochen, nicht einmal zu Erek, der mich vielleicht verstehen würde. Immer hatte ich das Gefühl als müßte auch ich mein Geheimnis wahren, damit es seine Wirksamkeit behielte...

 

Seine Wirksamkeit, die ich vielleicht eines Tages erproben würde... Aber was sind das nur für Gedanken! Ich konzentriere mich auf die Armaturen meiner alten STARSHINE GLORY, denn es wird Zeit, das Bremsmanöver einzuleiten, um dann das Rendezvous mit den drei GEO-TEL-Satelliten durchzuführen. Unter mir leuchtet blau der Indische Ozean. Deutlich hebt sich der indische Subkontinent davon ab. Ich muß an das Taj Mahal denken, jenes steingewordene Gedicht einer großen Liebe, das Erek und ich während unserer Flitterwochen besucht haben. Irgendwo tief dort unten liegt es verborgen, nicht sichtbar von hier aus - und doch weiß ich ganz sicher um seine Existenz.

Die GEO-TEL-Satelliten tauchen vor mir auf. Was jetzt kommt, ist Präzisionsarbeit, denn ich muß die Geschwindigkeit der STARSHINE GLORY mit der Satelliten-Geschwindigkeit synchronisieren und mich nacheinander jedem auf mindesten drei Meter nähern. Dann erst kann ich den mechanischen Greifer ausfahren, der das Test-Package installieren wird. Ich schalte das Inertial-Lenksystem ab und schalte auf Handsteuerung, um eine letzte Kurskorrektur vorzunehmen...

 

Eine Kurskorrektur, die mich in unmittelbare Nähe des ersten GEO-TEL-Satelliten bringen soll. Aber was ist das? Die Zündmechanismen der Lenktriebwerke reagieren nicht! Nur die Ruhe bewahren... Rasch gehe ich die Checkliste für die Triebwerke durch. Ich kann keinen Defekt entdecken, trotzdem funktionieren sie nicht. Ich will auf das Trägheitssystem umschalten, denn die STARSHINE GLORY kommt immer weiter von ihrer Bahn ab. Oh Gott, was ist das? Ein plötzlicher Ruck geht durch die Raumkapsel, dann ist es, als würde sie von einem gewaltigen Sog erfaßt...

 

Einem Sog, der sie mit zunehmender Schnelligkeit durch den Raum wirbelt. Mir schwinden die Sinne. Nur hin und wieder taucht vor meinem Auge die immer kleiner werdende Erde auf. Instinktiv habe ich den Notsignalschalter betätigt. Durch die Kopfhörer dringt erregtes Stimmengewirr: "Antworten Sie, STARSHINE GLORY! So antworten Sie doch!" Ich kann nicht sprechen, denn ein schwerer Druck lastet auf meiner Brust, der mich fast am Atmen hindert. Ich ringe verzweifelt nach Luft. Die Stimmen im Kopfhörer werden undeutlicher, nur ein Rauschen ist noch zu hören. Oder ist es das Blut, das in meinen Ohren rauscht? Mandy, denke ich. Und: Pascal! Und immer wieder: Erek! Nun weiß ich, daß der Abschied heute morgen ein Abschied für immer war...

 

Für immer - denn es besteht keine Chance, daß ich die STARSHINE GLORY wieder auf ihren Kurs zurückbringe. Nachdem ihre Triebwerke und ihr Lageregelsystem ausgefallen sind, haben die Fliehkräfte der Erde sie ins All geschleudert - mit direktem Kurs auf die Sonne, wie ein zufällig erhaschter Blick auf die Meßinstrumente mir zeigt. Aber möglicherweise sind diese Instrumente auch schon längst nicht mehr intakt. Ich muß sterben, denke ich, sterben... So ist das also - so. Es macht mich fast glücklich, daß ich hier den Tod finden soll - ganz allein in einem Meer von Raum und Zeit. Und ich werde ganz ruhig. Ein tiefer Friede erfüllt mich. Als ein ferner Traum erscheint mir mein Leben auf der Erde...

 

Ein Traum, aus dem ich langsam, langsam erwache. Ich versuche, mich zu erinnern. Da war doch... Erek, ja, Erek... Aber wie ein immer dichter werdender Nebel legt das Vergessen sich auf die Erinnerung. Auch das Gefühl überstandener Wirrnis und Panik verblaßt. Ich habe von Lethes Trank getrunken, damit ich das Morgen bestehen kann...

 

Das Morgen, das mich erwartet auf jenem leuchtenden, feurigen Ball, auf den ich hinunterschwebe, auf dem ich erwartet werde, der mir immer vertrauter erscheint je weiter ich mich ihm nähere. Und immer vertrauter auch erscheinen mir jene Wesen mit den drei glänzenden Augen auf der hohen Stirn, mit den feingefächerten Ohren, dem spiraligen, durchscheinenden Leib. Es sind ja meine Geschwister, die mich erwarten, die nun auf mich zukommen, um mich zu begrüßen!

"Willkommen!" rufen sie. "Willkommen!"

Meine Sternensehnsucht schweigt. Ich bin heimgekehrt.

 


 

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