Gedichte

 

Aus dem Zyklus: das nie verlor´ne Paradies

 

INSCHRIFT

Es liegt ein besonderer Segen

über dem Haus

und schützend hält über dies Leben

jemand die Hand.

 

//Liebendes Geben und Nehmen,

dankend in Wachen und Schlaf.

Stille des Herzens und Friede

und Freude an allem, das lebt.//

 

Bewahre das Haus

den besonderen Segen.

Halt schützend Hand

über alles Leben.

 


 

SPÄTGOLD

Nach langer Nacht

ein heller weicher Mittag:

Spätgold der Eichen

leuchtet kostbar auf.

Ein frühes Silber beugt sich stumm

vor spätem Gold.

 


 

ABSCHIED

Fliederblütenbedeckt ist der Weg.

Der schwere Duft der regennassen Erde

weckt Erinnerungen.

Leise fallen von den schwarzen Zweigen

letzte Tropfen.

Letzte Stunden, abendlichtdurchglüht,

prägen - unbemerkt - auf eine weiße Stirn

sanfte Runen der Vergänglichkeit.

 


 

ZEIT DER ERFÜLLUNG

Schwerer Duft

von Überfluß und Reife

und eine leichte Hand,

die segnend sich auf Feld und Wiese legt:

reich war die Ernte

und reich der Boden, der sie trug.

Wir legen dankend uns're Gaben

in jene leichte Hand,

das sie uns selbst wie uns're Äcker segne.

 


 

ZEIT DER BEWAHRUNG

 

Abwarten können

in weiser Gelassenheit

und den tiefen Atemzug schlafender Erde

nicht mutwillig stören:

Zeit lassen dem

das seine Zeit braucht.

 



 

Weitere Gedichte:

 

DAS FEST IST AUS

in memoriam C.M. Bellmann

 

Trink aus dein Glas,

das Fest ist nun zu Ende.

Denk dir... ich weiß nicht, was...

und falte deine Hände

 

Dumpf schlägt die Uhr,

die Stunden werden kleiner,

und es verweht die Spur

von deiner Liebe und von meiner.

 

Vergiß den Tag,

die Nacht ist da zu bleiben.

Was kommen mag

- wer könnte es beschreiben?

 

Das Fest ist aus.

Nie wird es neu beginnen.

Schließ zu dein Haus

und laß die Zeit verrinnen.

 

Leer ist dein Glas,

dein Leben ist zu Ende.

Ich denk... ich weiß nicht, was...

und falte meine Hände.

 


 

DER SONG VOM ALTER EGO

Am Tag bin ich das,

für was man mich hält.

Ich sitz im Büro

und verdiene mein Geld.

 

Doch kommt die Nacht,

die dunkle Nacht

mit ihren vielen Lichtern

dann geh ich auf die Suche nach Gesichtern.

 

Am Tag darf ich nur flirten

und keiner ist ganz mein.

Nur des Nachts kann ich

so wie ich bin auch sein

 

Steht dann an einer Ecke,

an einer dunklen Ecke,

ein hübscher junger Mann,

mach ich mit blankem Messer mich sachte an ihn ran.

 

Am Tag, da bin ich ohne Waffen

und laß mir manchen Fang entgehn.

Doch nachts geh ich aufs Ganze

und nehme, was ich kriege, unbesehn.

 

In meinen Armen,

in meinen weichen Armen,

liegt er ganz still und spürt nur meine Lippen.

Mein Messer streichelt zärtlich seine Rippen.

 

Noch einmal küsse ich das Beutestück

und seh es an voll Mitgefühl.

Doch wenn man etwas haben will,

bekommt man's nur mit viel Kalkül.

 

Sein warmes Blut,

sein warmes junges Blut,

tropft langsam auf die Steine.

Ich steck ihn in den Kofferraum, wobei ich etwas weine.

 

Zu Haus kommt er aufs Sofa,

denn der vom letzten Dienstag riecht schon sehr.

In meinem Büchlein streiche ich die Sieben durch:

jetzt ist es einer mehr.

 

Im Kerzenschein,

im sanften Kerzenschein

tauf ich ihn auf René

und trinke glücklich meinen Lindenblütentee.

 

Am Tag bin ich das,

für was man mich hält,

doch erst in der Nacht

dreht für mich sich die Welt.

 


 

INTERMEZZO IM MONDSCHEIN

 

Ich tanz mit meinem Schatten Tango,

bedenklich schaut der Mond uns zu,

und übern Graben hinterm Zaun

muht schläfrig eine Kuh.

 

Mein Schatten findet keine Ruh,

und seine Hand ist hart und kalt.

Vergebens ruft das Käuzchen

mich in den Schattenwald.

 

Der Tanz geht weiter, weiter; bald

bin ich erschöpft und matt.

Ich will den Schatten halten;

er ist so kühl und glatt

 

und eh ich ihn ergreife, hat

er mich fester schon gefaßt

und reißt mich immer weiter fort

mit seltsam wilder Hast.

 

Und nirgends macht er Rast.

Auf einmal ist mein Schatten ich

und ich... ich bin mein Schatten.

Ich sehe ihn und sehe mich

 

und seh mir selber ins Gesicht

- und schwöre mir im Vollmondlicht:

nie, niemals wieder tanze ich

mit meinem Schatten Tango.

 


 

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