GESCHICHTEN

 

Inhaltsverzeichnis dieser Seite:

Dienstagmorgen einer Walküre

Familientag

Schwimmen lernen

Gestrandet in Halle

 


 

DIENSTAGMORGEN EINER WALKÜRE.

 

Es war der verrückteste Dienstagmorgen, den ich je erlebt habe. Dabei gab es in meinem Leben schon ein paar wirklich chaotische Dienstage...Aber dieser hier stellte alles in den Schatten.

Eigentlich fing der Tag ruhig und geradezu gemütlich an. Hannes war am Abend vorher nach Hamburg abgereist, um dort, wie er sagte, mit seinem Verleger über sein neuestes Buch zu verhandeln. So hatte ich das Haus für mich allein. Es ist ein großes Haus, und wir gehen uns darin durchaus nicht auf die Nerven, aber irgendwie ist es doch ein ganz besonderes Gefühl, sozusagen unumschränkter Herrscher zu sein.

Ich war spät aufgestanden, hatte gebadet und mir dabei Wagner-Platten angehört. Ich stellte mir vor, eine der Walküren zu sein, und genoß es, einmal ganz ungestört in meiner Vorstellungswelt verweilen zu können. Hannes hat eine so irritierende Art , mich mit seiner Nüchternheit von meiner jeweiligen Wolke herunter zu holen und mich wieder auf die Füße zu stellen, daß ich meine Ausflüge in die Phantasiewelt schon erheblich reduziert habe. Er ist so klug und hat sicherlich recht damit, daß man den Realitäten ins Auge blicken muß. Aber ich stelle mir nun einmal gerne Dinge vor - daß ich fliegen kann zum Beispiel oder daß ich eine Tarnkappe habe oder eben daß ich eine Walküre bin.

Der opulente Ohrenschmaus hatte mir Appetit auf ein ebenso opulentes Frühstück gemacht. Ich legte die nächste Schallplatte auf.

"Nun zäume dein Roß, reisige Maid!" forderte Wotan stimmge­waltig, und ich lief durchs Haus, um sämtliche Fenster und Türen zu öffnen. Jetzt konnte die Frühsommersonne überall hereinströmen. Der Gedanke, daß sie warm und golden über meinem Bett schien, tausend Sonnenstäubchen über meinen Zeichentisch tanzen ließ und gleichzeitig meine nackten Zehen kitzelte, machte mich fröhlich. Ich stand vor dem Herd und brutzelte Speck und Eier, während der Kakao behäbig blubberte und der Toaster in elegantem Bogen ein Brotstück nach dem anderen herausschleuderte. Fricka klagte indessen Wotan des Ehebruchs an. Fasziniert lauschte ich dem göttlichen Ehekrach.

Ich hatte den Mann nicht kommen hören - dafür waren Musik und Küchengeräusche zu laut. Da ich mit dem Rücken zur Tür stand, hatte ich ihn auch nicht gesehen. Und ich hatte nicht einmal etwas gespürt, denn ich bin von Natur aus weder ängstlich noch mißtrauisch und besitze deshalb auch keinen siebten Sinn für sich nähernde Gefahren. So bemerkte ich erst, daß ich nicht mehr allein war, als eine Männerhand mir ein Messer an die Kehle hielt und eine tiefe Stimme mir ins Ohr knurrte: "Du bist also die kleine Schlampe, in die Sibylle sich verguckt hat."

Beinahe hätte ich gelacht, denn sein Atem kitzelte an meinem Ohr, und außerdem hatte mich noch nie jemand eine "kleine Schlampe" genannt. Aber ich mußte Speck und Eier von der Herdplatte nehmen, damit sie nicht zu kroß wurden. Wenn es etwas gibt, das ich nicht ausstehen kann, dann ist das zu lange gebratener Frühstücksspeck, der einem von der Gabel springt und zwischen den Zähnen knirscht - einfach abscheulich! Vorsichtig, um den messerschwingenden Fremden nicht zu irritieren, zog ich die Pfanne von der heißen Herdplatte.

"Setzen Sie sich", sagte ich dann. "Das Frühstück ist fertig." Ich weiß nicht, welche Reaktion der Mann erwartet hatte. Vielleicht dachte er, ich würde schreien. Oder weinen. Oder weglaufen. Jedenfalls machte er, wie er nun so dasaß auf dem Küchenstuhl, die Augen aufgerissen und den Unterkiefer heruntergeklappt, den Eindruck äußerster Verblüffung.

"Nehmen Sie dieses Besteck", riet ich ihm. "Der Speck läßt sich damit bestimmt besser schneiden."

Stumm legte er sein Messer weg, und ebenso stumm begann er, den ihm vorgesetzten Teller zu leeren. Ich hatte das Gefühl, daß er ziemlich froh darüber war, erst einmal gar nichts sagen zu müssen.

Während wir frühstückten und - "Heiaha! Hojotoho!" - Brünnhilde ihrem Vater nahte, betrachtete ich den Fremden. Er war groß und blond und hatte Augen von einem geradezu unwahrscheinlichen Blau. Ich nahm an, daß er unter normalen Umständen etwas intelligenter dreinschaute. Dann sah er sicherlich umwerfend aus, ein richtiger Siegfried. Mich überfiel schon wieder der Lachreiz. Man konnte wohl nicht ungestraft Walküre spielen...

Jung Siegfrieds Teller war leer.

"Hungrige Männer sind zornige Männer", sagte ich und räumte ab. "Zornig dürften Sie nun nicht mehr sein - nach allem, was Sie vertilgt haben. Wenn Sie mir nun freundlicherweise erzählen wollen, wer diese Sibylle ist, warum ich eine kleine Schlampe bin und was Sie überhaupt hier in meinem Haus zu suchen haben?"

Unsicher sah er mich an. Die Verlegenheit färbte seine Ge­sichtshaut rosa. Er sah zu reizend aus. Ich schob meinen Stuhl näher zu ihm hin und setzte mich dicht neben ihn. Er roch nach Juchten und ein bißchen auch nach Lavendel. Jung Siegfried schien ein recht altmodischer Mann zu sein.

"Es ist wegen Sibylle", platzte er schließlich heraus. "Aber wenn Sie sagen, daß Sie sie nicht kennen... Oder vielleicht tun Sie auch nur so, um mich auf eine falsche Spur zu locken? Ihr Weiber seid doch eine gerissener als die andere! Wer soll sich da noch auskennen?"

* * *

Seine unwahrscheinlich blauen Augen blitzten mich an, und ich mußte an mich halten, um nicht noch dichter an ihn heranzurücken.

"Was ist denn nun mit Sibylle?" fragte ich sanft.

"Sie hat ein Verhältnis." Alles Leid der Welt stand in seinem Gesicht geschrieben, als er dies sagte.

Ich hauchte: "Ein Verhältnis? Oh..."

"Wenn es wenigstens noch ein Verhältnis mit einem Kerl wäre! Aber... aber..." Er brachte das Furchtbare kaum über die Lippen: "Aber sie hat eine Freundin - Sie verstehen, was ich meine?"

Schweißtröpfchen standen auf seiner Stirn.

"Und dieses Frauenzimmer legt es darauf an, mir meine Sibylle abspenstig zu machen. Es ist einfach... es ist einfach unnatürlich!"

Nun rückte ich doch näher zu ihm heran.

"Das ist ja sehr, sehr schlimm, was Sie da erzählen, Siegfried. Aber ich bin nicht 'dieses Frauenzimmer'."

"Ich würde es ja gerne glauben! Aber sehen Sie, da ist dieser Detektiv... na ja, kein richtiger Detektiv, nur jemand, der solche Jobs erledigt... und der hat Sie so genau beschrieben, daß es gar keinen Irrtum geben kann! Er sagte, sie sei hiergewesen - hier bei Ihnen."

Ich sah ihm in die Augen.

"Aber ich interessiere mich doch gar nicht für Frauen."

"Wie wollen Sie das beweisen? Verstehen Sie mich doch! Sibylle - ich liebe sie und ich will nicht, daß sie in so etwas verwickelt wird. Ach, ich kenne mich schon gar nicht mehr aus..."

"Es ist nicht schwer zu beweisen", sagte ich und stand auf. "Kommen Sie, Siegfried."

Auf dem Weg zum Schlafzimmer wechselte ich rasch die Platte.

 

* * *

 

"Hojotoho! Hojotoho!" sangen Gerhilde und Helmwige.

"Heiaha! Heiaha!" antworteten Waltraude und Schwertleite.

Mir war zum Mitsingen zumute, aber ich wollte Jung Siegfried nicht erschrecken. Die Sonne hatte das Bett angenehm durchwärmt und schaute nun voll und breit durchs Fenster herein.

"Willst du nicht das Fenster zumachen?" fragte Siegfried. "Oder wenigstens die Gardinen zuziehen?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Tun wir etwas, das das Tageslicht scheuen müßte?"

"Ich... ich weiß nicht..."

Ich beeilte mich, ihm seine Zweifel zu nehmen.

"Hörst du mich Klage erheben, und birgst dich bang dem Klä­ger, daß feig du der Strafe entflöhst?" donnerte Wotan.

Es war Zeit, die Platte umzudrehen. Jung Siegfried war eine Enttäuschung gewesen, hatte schnaufend und rabiat nur an sich gedacht und war sich dabei offensichtlich noch großartig vorgekommen.

"Glaubst du mir nun, daß ich nichts mit deiner Frau habe?" fragte ich kühl.

"Klar", sagte er und grinste.

Er sah jetzt nicht mehr sehr intelligent aus.

"Hier bin ich, Vater: gebiete die Strafe!" forderte Brünnhilde.

"Ich mache dir noch einen Kaffee", sagte ich, um ihn schon ein bißchen auf Abschied einzustimmen.

Als ich die Küchentür öffnete, blickte ich genau in die Mün­dung einer Pistole. Die Frau, die damit auf mich zielte, war sehr jung, fast noch ein Mädchen, mit einem Puppengesicht, runden Kulleraugen und einer rundlichen Figur. Ich hatte sie schon einmal gesehen - vor ein paar Wochen, als sie an meiner Tür klingelte und mich zum Abonnement einer Zeitschrift überreden wollte.

"Sibylle! Was tust du hier?"

Jung Siegfried war neben mich getreten und starrte fassungslos seine Frau an.

"Bleib stehen!" zischte Sibylle. "Komm mir bloß nicht zu nahe, sonst geht das Ding hier los."

"Aber Sibylle! Du kannst doch nicht..."

"Und ob ich kann! Ich hab' dich nicht geheiratet, damit du mit anderen Frauen rumpoussierst! Jetzt ist Schluß damit"

"Aber... aber..."

"Du bist jetzt ganz ruhig. Geh, setz dich dorthin."

Sie deutet mit der Pistole auf einen Küchenstuhl. Folgsam verzog sich Jung Siegfried aus der Schußlinie.

"Und jetzt zu Ihnen!"

Sibylle wandte nun mir ihre volle Aufmerksamkeit zu. Ich lächelte verbindlich.

"Wehe! Wehe! Schwester, ach Schwester!" klagten die Walküren.

"Wie lange geht das schon mit Ihnen beiden" wollte das aufgebrachte Mädchen wissen.

"Denken Sie nicht auch, daß sich so etwas bei einer Tasse Kaffee besser bespricht?" fragte ich sanft und ging an ihr vorbei zum Herd, um Wasser aufzusetzen.

"Glauben Sie ja nicht, daß ich es nicht ernst meine!" fauchte sie und fuchtelte mit der Pistole vor meinem Gesicht herum.

Ein liebenswertes Pärchen, dachte ich.

Laut sagte ich: "Wissen Sie eigentlich, was Ihr Mann hier wollte?"

"Kommen Sie mir bloß nicht auf die Tour! Ich kann es mir schon denken!"

"Wirklich?"

"O ja! Und was Sie wollen, weiß ich auch: Sie wollen meinen Mann einfangen, jawohl! Aber das lasse ich nicht zu, verstehen Sie mich? Er gehört mir, und eher würde ich ihn erschießen als..."

Sie zielte auf den zitternden Siegfried, der bleich auf seinem Stuhl saß und sich nicht zu rühren wagte.

"Ihr Mann interessiert mich nicht", sagte ich. "Mich interessieren überhaupt keine Männer."

Ich senkte meine Stimme noch um einige Tonlagen und sah ihr tief in die Augen.

"Mich interessieren nur Frauen."

"Igittigitt, so eine sind Sie?" Sibylle zog die Nase kraus und trat einen Schritt zurück.

"Aber... aber... was wollte denn er dann hier?" Sie wies mit der Pistole lässig über die Schulter.

"Er dachte, ich hätte ein Verhältnis mit I h n e n."

"Mit mir?" Sibylle riß die Augen auf.

Sie hatte eine wirklich prächtige Mimik.

"Mit mir?" rief sie noch einmal aus - nun zu Jung Siegfried gewandt: "Das ist aber wirklich sehr häßlich von dir, so etwas zu denken"

Er hatte offensichtlich die Sprache wiedergefunden und begann sich zu rechtfertigen.

"Du warst so abweisend zu mir in der letzten Zeit. Und dann, dann hast du dauernd von dieser Freundin von dir geschwärmt. Ich war schon ganz krank vor Eifersucht"

"Aber Schatz! Ich wollte dich doch bloß ein bißchen heiß machen!"

Sie legte die Pistole auf den Tisch und setzte sich auf Siegfrieds Schoß. Das Wasser kochte.

"Möchte jemand eine Tasse Kaffee?" fragte ich. Aber die beiden lagen sich bereits in den Armen. Ich hatte das Gefühl, meine gute Tat für diesen Tag getan zu haben.

"Wir gehen jetzt", verkündete Sibylle und bedachte mich mit einem giftige Blick.

"Tja, dann..."

Jung Siegfried sah an mir vorbei und ging brav an ihrer Seite hinaus.

"Du folgtest selig der Liebe Macht folge nun dem, den du lieben mußt!" schmetterte Wotan.

"Nebbich", sagte ich und schlürfte zufrieden meinen Kaffee. Ich war froh, daß ich die beiden los war.

Außer Atem kam Jung Siegfried zurück. Es mußte ihm noch etwas sehr Wichtiges auf der Seele liegen, daß er es wagte, der ge­strengen Sibylle zu entwischen.

"Ich muß gleich wieder weg", flüsterte er. Ich nickte verständnisvoll.

 

* * *

 

"Ich wollte nur... also, warum haben Sie vorhin die ganze Zeit Siegfried zu mir gesagt?"

Sein Gesichtsausdruck hatte nicht an Intelligenz gewonnen. Ich lächelte freundlich.

"Es war ein Irrtum."

"Ach so. Das hatte ich mir auch schon gedacht. Und noch was: vorhin... mit uns beiden... also das habe ich nur aus Liebe zu meiner Frau getan!" Er sah mich wild an.

"Aber ja. Schon gut."

Er grinste halb verlegen, halb erleichtert.

"Schönen Dank noch fürs Frühstück!"

Dann war er endgültig fort. Nur sein Messer lag noch auf dem Tisch und daneben Sibylles Pistole.

Ich nahm die kleine Waffe in die Hand, um sie zu betrachten. Welch ein naives Wesen mußte dieses Mädchen sein, wenn sie glaubte, mit diesem Spielzeug einen erwachsenen Menschen erschrecken zu können. Ich zielte auf den Kirschbaum hinter der rechten Fensterscheibe.

"Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind!" schmetterte Wotans Stimme.

 

* * *

 

Das ist meine Lieblingsstelle - so rührend und so heroisch. Laut sang ich mit.

"Leb wohl! Leb wohl! Leb wohl!"

Jemand ging am Küchenfenster vorbei - so rasch, daß ich nur einen Schatten wahrnahm. Mit einem ohrenbetäubenden Knall löste sich der Schuß. Mir war gar nicht bewußt gewesen, daß ich die Pistole noch in der Hand hatte. Und es war gar keine Spielzeugpistole... Zum ersten Mal an diesem Morgen bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich hatte möglicherweise einen Menschen erschossen!

Hastig sprang ich auf. Polternd fiel die Waffe auf den Flie­senboden. Im Flur stieß ich mit Hannes zusammen. Er packte mich und preßte mich fest an sich.

"Ich ahnte nicht, daß ich dich so liebe", stöhnte er. "Und ich wußte nicht, daß du mich so liebst. Dabei dachte ich immer, du wärest nicht eifersüchtig!"

Ich machte mich vorsichtig los und lächelte still. Ich war mir nicht ganz sicher, worauf er hinauswollte.

"Du wußtest, daß ich nicht nach Hamburg gefahren bin?" Ach so. Ich nickte.

Vor einigen Wochen hatte ich durch Zufall entdeckt, daß Hannes eine Geliebte hatte - wieder einmal. Nachdem ich die fragliche Dame unbemerkt in Augenschein genommen hatte, war mir klar, daß das Verhältnis nicht von allzu langer Dauer sein würde, und so hatte ich Hannes gewähren lassen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Natürlich hatte ich auch gewußt, daß er gestern nicht nach Hamburg gefahren war. Aber wozu sollte ich mich aufregen? Es würde alles seinen Gang gehen und sich von selbst lösen.

"Ich bin es nicht wert, so geliebt zu werden!" klagte Hannes sich an und schwenkte dabei seinen durchschossenen Hut. Mit donnernden Akkorden endete das Drama der Walküre.

 

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FAMILIENTAG

Konversationsstück für fünf Frauen und ein kleines Mädchen.

 

Diese vertrauliche Atmosphäre, die beim Abwaschen entsteht. Bis an die Ellenbogen im warmen, fettigen Wasser, habe auch ich das Bedürfnis, Geständnisse zu machen. Der Geruch von kalten Salzkartoffeln, von Soßenresten und Bohnensalat provoziert geradezu die Selbstentblößung, zumal wenn sich fünf Frauen gleichzeitig in der Küche drängen. Weil ich aber nichts zu gestehen habe, fühle ich mich den anderen wieder einmal unterlegen. Meiner Mutter sowieso, aber auch meiner Schwester und ihren Töchtern. Mal abgesehen davon, daß sie allesamt besser aussehen als ich. Nicht weil sie wirklich hübscher sind - sie verstehen es einfach, mehr aus sich zu machen. Den Lippenstift passend zum Kleid, Clips an den Ohren, und Styling Cream und Highlighter immer zur Hand.

 

Und auch, was Männer betrifft, kann ich nicht mithalten. Seit zwölf Jahren verheiratet und immer noch glücklich - da stimmt doch was nicht?! An solchen Familientagen habe ich immer das Gefühl, daß mir das peinlich sein müßte. So eine Art von Defizit, das mich von der Teilnahme am allgemeinen Abwaschpalaver mehr oder weniger ausschließt. Deshalb wäre ich auch lieber bei den Männern geblieben, die nun - übersättigt und mit gelockerten Krawatten - die Beine unter den abgeräumten Eßtisch strecken und friedlich Innenschau halten.

 

"Da sitzen sie nun", sagt Minka, die jüngere Nichte. "Da sitzen sie nun und produzieren Pepsin und Kathepsin, um ihre Kohlehydrate abzubauen. Sie ist Krankenschwester, deshalb gehen die Fachausdrücke ihr so leicht über die Lippen. Angewidert leert sie den Knochenteller in den übervollen Mülleimer. "Da sitzen sie - wieso eigentlich? Sitzen wir vielleicht?"

Ihr Barbiepuppengesicht mit den großen Kulleraugen und dem kleinen entrüsteten Mund ist ganz Mißbilligung. Trotzdem weiß ich bei Minka nie, ob das, was sie andere sehen läßt, auch das ist, was sie fühlt.

 

Mit derlei spitzfindigen Überlegungen hält Karin sich nicht auf. Solange sie sich in ihren eigenen Grübeleien bestätigt fühlt, ist es ihr egal, was ihre jüngere Schwester wirklich denkt. Es ist schwer genug, die Männer zu begreifen, da stärkt ihr schon gemeinsames Nicht-Begreifen den Rücken. Gern schlägt sie in Minkas Kerbe: "Sitzen da und sind mit sich und der Welt zufrieden. Und den Abwasch dürfen wir alleine machen - wie immer"

 

So ein Blödsinn. Hat Bernd etwa nicht das ganze Geschirr alleine abgeräumt und in die Küche getragen? Und hat er etwa nicht vorgeschlagen, daß die Männer den Abwasch machen - so wie das bei uns zu Hause üblich ist? Aber Mutter und meine Schwester Irene haben ihn ja gleich aus der Küche gedrängt.

"So weit kommt das noch!"

Unisono haben sie das gerufen, fast mit einem Unterton von Panik.

So ein Blödsinn! sollte ich jetzt sagen. Aber ich sage gar nichts, lächle bloß vieldeutig, wohl wissend, daß mein Lächeln als Zustimmung genommen wird.

Wenn sich schon die Perioden von Mädchen, die über längere Zeit zusammen in einem Raum schlafen, synchronisieren - warum soll es nicht auch zu einer Übereinstimmung von Gefühlen kommen bei Frauen, die gemeinsam abwaschen? Jedenfalls findet irgend so etwas Archaisches auch jetzt und hier statt, denn die Gefühle der anderen vier wirken wie ein Sog auf mich.

 

"Laßt sie", sagt Mutter. "Männer sind große Kinder. Wenn sie satt sind, sind sie wenigstens zufrieden."

Das hat sie schon gesagt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Sie hat auch gesagt: Ein schlechter Koch verhungert. Und: Männer dürfen alles essen, aber nicht alles wissen.

Sie hält ein eben abgetrocknetes Glas gegen das Licht. "Schön", sagt sie und freut sich.

Sie mag glänzende, fleckenlose Dinge. Wenn sie ihre Fenster, Spiegel und Fußböden geputzt hat, ist ihr immer, als sei sie selbst nun auch ganz und gar fleckenlos.

 

Irene gießt den Weinrest aus der Flasche in ein Wasserglas.

"Na dann."

Gurgelnd verschwindet währenddessen bräunliches Abwaschwasser im Sieb des Ausgusses.

"Aber das ist der Kochwein!"

Das scheint Mutter mehr zu irritieren als Irenes offensichtlicher Hang zum Alkohol.

"Macht nichts."

Mit geschlossenen Augen, den Kopf in den Nacken gelegt, leert sie das Glas.

"Wohl bekomm's", seufzt Mutter. Solange ihre Tochter nicht torkelnd und lallend durch die Küche wankt, kann sie ihren Alkoholismus ignorieren. "Papa hat auch immer das letzte Gläschen Kochwein getrunken."

Papa ist seit zehn Jahren tot, aber in ihrem Augenwinkel glitzert eine Träne. Ob die echt ist? Bei Mutter bin ich mir auch nie ganz sicher.

 

"Ich möchte Limo", sagt Suse.

Suse ist Karins kleine Tochter, meine Großnichte also, wie ich mir mal ausgerechnet habe.

Wir haben sie gar nicht bemerkt, Sie muß die ganze Zeit unter dem Küchentisch gespielt haben.

 

In weißem Strahl läuft dampfend frisches Wasser in das Spülbecken. Aus einer Flasche mit dem aufgedruckten Versprechen

NOCH REINER NOCH GLÄNZENDER gebe ich eine zitronengelbe, zitronenduftende Flüssigkeit dazu. Ein schillernder Schaumberg entsteht. Faszinierend... Ein Schaumbläschen nach dem anderen zerplatzt ganz lautlos. Viele kleine glitzernde Illusionen, die sich in Nichts auflösen.

"Kaputt. Aus. Vorbei", sagte Irene.

Meint sie den Schaum?

Oder meint sie sich selbst?

Immer sei ihr alles schief gegangen, erzählt sie oft genug. Die Kerle hätten sie bloß ausgenutzt, angefangen mit dem Vater von Minka und Karin. Und jetzt mit Rolli ist das nicht anders. Der säuft, und was bleibt ihr da anderes übrig als auch...?

"Na dann!"

Aber der Kochwein ist alle, das Glas ist leer.

 

"Ich möchte Limo", sagt Suse.

 

Nicht nur den Kochwein hat Vater getrunken. Ich weiß noch, wie die ganze Familie immer gezittert hat, wenn er nicht pünktlich von der Arbeit nach Hause kam. Wenn er getrunken hatte, mußte man mit ihm umgehen wie mit einem rohen Ei. Man durfte ihn ja nicht reizen, sonst brüllte er los: Ihr glaubt wohl, ich bin ein Hampelmann?"

Erst heute wird mir klar, daß er nie bösartig wurde. Es war immer Mutter, die die Angst vor ihm schürte, die ihn uns als Schwarzen Mann darstellte.

Damals begriff ich auch nicht, wie für Mutter am nächsten Tag alles vergeben und vergessen sein konnte. Aber: Männer sind große Kinder - das muß es wohl sein, das sie alles vergeben und vergessen ließ. Ihren Töchtern vergab sie nichts.

Es war immer unsere Mutter, die uns schlug. Nie der Vater. Mutter nahm den Teppichklopfer und drosch auf uns ein. Einmal ging der Teppichklopfer dabei kaputt. Das empfand ich als einen Triumph über sie.

 

Im Spülbecken sind nun keine hübschen kleinen Schaumblasen mehr. Nur noch schmutziges Geschirr ist durch die Wasseroberfläche zu sehen. Gleich werden meine Hände hinab tauchen, um es zu bergen, an die Oberfläche zu bringen, zu reinigen.

"Alles kaputt", sagt Irene.

Ich wünschte, jemand würde ihr etwas zu trinken geben.

Aber Mutter betrachtet sie nur, wie sie uns alle ansieht: mit boshafter Zuneigung und liebevollem Widerwillen. Irene, ihre Älteste, ihr Schmerzenskind. Vierundvierzig, eine Schnapszahl natürlich, aber sie trinkt schon viel länger. Fragt Mutter jemals, weshalb sie damit anfing? Sie fragt immer nur, warum sie nicht aufhört. Dreimal war Irene schon zum Entzug. "Im Sanatorium", sagt Mutter dann, sie müßte sich ja zu Tode schämen sonst. Genug schämen mußte sie sich ja damals schon, als Irene geschieden wurde. Hat sie wohl jemals darüber nachgedacht, warum Irene so früh heiratete, warum sie von einer Abhängigkeit in die andere flüchtete? Und nach der Scheidung auch keine Freiheit. Wie denn auch, mit zwei kleinen Kindern? Männer kamen und gingen, nie der Richtige. Rolli blieb. Auch er nicht der Richtige. Ein Trinker, der selbst Halt suchte.

Sind Männer eben doch Kinder?

Hat sie denn recht, unsere Mutter?

 

Ich kann das nicht glauben. Ich bin doch glücklich, ich bin doch frei. Habe ich denn den einen unter tausend gefunden

Ein bißchen unsanft stelle ich den Teller auf das Abtropfbrett.

Schon gut, schon gut, Mutter. Ich passe auf.

 

"Ich möchte Limo", sagt Suse.

Rosig und blondlockig steht sie da und blickt aus Kniehöhe zu uns auf.

Warum gibt denn dem Kind niemand zu trinken?

 

Aber alle sind beschäftigt, auch Karin, Suses Mutter. Die erzählt gerade, wie Peter ihr heute morgen den Arm umgedreht hat, weil es keine frischen Brötchen gab. Dabei hatte er nichts davon gesagt, daß er zum Frühstück auftauchen würde. Sie streift den Ärmel hoch, zeigt anklagend und doch irgendwie stolz ihren Arm, auf dem man blau und braun die Fingerspuren erkennt.

Ts, ts, machen alle mitfühlend.

In was für einer Gesellschaft sind wir hier eigentlich? frage ich mich.

Aber ich frage das nicht laut. Und auch den Teller stelle ich diesmal sehr sachte ins Abtropfbrett. Ich will keinen Ärger.

 

"Jetzt will ich aber Limo!" schreit Suse.

Karin, immer noch mit der Präsentation ihres marmorierten Oberarms beschäftigt, korrigiert automatisch: "Ich möchte".

"Wenn ich möchte, krieg ich aber keine! Ich w i l l Limo!"

Mutter gibt ihr die Limonade aus dem Kühlschrank. Kinder und Männer muß man füttern, damit sie friedlich sind. Aber man sieht ihr an, daß sie ihr Urenkelkind nicht für besonders gut erzogen hält. Ihre eigenen Töchter hätten niemals "Ich will" gesagt.

 

"Das hätten wir mal sagen sollen, was, Irene?"

Irene nickt. Mißmutig blickt sie auf die leere Kochweinflasche und auf Karin, die das einzige Enkelkind so miserabel erzieht.

Suse schlürft ihre Limonade extra laut.

Mit trotziger Genugtuung betrachtet Karin ihre Tochter.

Wenigstens eine, die weiß, was sie will. Und es sagt. Und es durchsetzt.

 

"Minka, mein Liebling!"

Minka macht ihren Mund womöglich noch spitzer und ihre Augen noch runder und eilt ins Eßzimmer.

"Hans fragt, ob er nicht einen Kaffee haben kann", sagt sie gleich darauf.

Sofort setzt Mutter den Wasserkessel auf.

"Peter trinkt Tee", sagt Karin und nimmt die Teekanne aus dem Schrank.

"Tee für mich!" ruft Peter aus dem Eßzimmer.

"Ja, mein Schatz."

In Karins Stimme ist das Lächeln, das man auf ihrem Gesicht nicht sieht.

Irene schiebt ein Pfefferminzbonbon in den Mund und hastet nun ebenfalls davon, um ihren Rolli nach seinen Wünschen zu befragen.

 

"Wieso eigentlich?" fragt Minka, die das große Fleischmesser poliert und noch immer mit dem gleichen Problem beschäftigt ist. "Wieso eigentlich sind es immer die Männer, die sitzen und nach Kaffee rufen?"

Dabei schwingt sie das Messer wie eine Machete. Als wenn sie sich durch einen Dschungel kämpft. Oder durch eine Welt von Feinden. Und hat gar nichts Puppenhaftes mehr an sich, sondern ist stark und schön wie eine Amazone.

"Leg doch das Messer weg", sage ich. "Das sieht ja gefährlich aus!"

Ich habe Angst vor scharfen Messern. Ich habe auch Höhenangst, Angst vor Spinnen, Schnecken und Fröschen. Und eine milde Art von Agoraphobia.

"Sieht nicht nur gefährlich aus!" Daß Minkas spitzer kleiner Mund so breit grinsen kann! "Wenn ich mir vorstelle, mit so einem scharfen Messer" - sie wirft einen vielsagenden Blick durch die offenstehende Küchentür in Richtung Eßzimmer - "mitten hinein ins Ventriculus dexter - oder sinister, je nachdem - also, das müßte doch eigentlich sehr schnell und schmerzlos sein."

"Mitten ins - was?" fragt Karin.

"Mitten ins Herz", sagt Minka.

"Aha. - Aber so schmerzlos ist auch nicht gut." Gedankenvoll stellt Karin die abgetrocknete Terrine auf den Tisch. "Wenn ich sowas machen würde - also, ich tus ja nicht, aber wenn - ich würde schon wollen, daß Peter was merkt. Wegen nichts macht man sowas ja nicht."

"Wie würdest du es denn machen?" frage ich, beinahe gegen meinen Willen - denn eigentlich finde ich dieses ganze Gespräch ekelhaft -,aber doch mit einer gewissen morbiden Neugier.

"Im Fernsehen gabs mal einen Film über Voodoo", sagt Karin. "Also, man macht eine Puppe aus Wachs, die stellt denjenigen dar, den man - na, du weißt schon. Man muß ein paar von seinen Haaren oder abgeschnittenen Fingernägeln oder sowas unterkneten - sonst wirkt es nicht. Und in diese Puppe piekt man dann mit Nadeln, da, wo es dem richtigen Menschen wehtun soll. Man kann ihm auch den Tod anwünschen. Wenn man nur stark genug wünscht, kann man das."

Meine Hände sind naß, sonst würde ich mich an den Kopf fassen. Voodoo-Zauber in deutscher Mittelstandsfamilie. Du lieber Himmel.

 

"Ich würde es noch anders machen." Den Zeigefinger am Kinn starrt Irene träumerisch ins Leere. "Ich würde... ja, ich würde ein paar Schrauben losmachen am Auto. Ganz unverdächtig natürlich. Und natürlich vorher eine Lebensversicherung abschließen für ihn."

Irene und Rolli haben kein Auto. Und eine Lebensversicherung werden sie sich wohl nie leisten können.

 

Mutter stellt Geschirr in den Schrank. Beim Klappern der Teller versteht man nicht recht, was sie sagt. Sie dreht sich um und sagt es noch einmal: "Totfüttern. Totfüttern ist die beste Methode."

Meint sie das ernst? Wenn man bedenkt, wie sie Vater immer gedrängelt hat: Nun iß doch noch was... Und all die fetten Soßen und die süßen Torten...

 

"Ich will noch mehr Limo!"

Suse trommelt mit ihrem leeren Glas auf dem Tisch. Das Glas zerbricht. Es ist eines von den guten Gläsern.

Mutter schreit auf.

"Kannst du denn nicht aufpassen?"

"Ich will aber noch mehr Limo! Und wenn mich keiner hört?"

Mutter gibt ihr ein anderes Glas. Sie ist zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um sich allzu sehr aufzuregen.

"Totfüttern", sagt sie noch einmal. "Totfüttern ist die beste Methode."

 

"Nee", sagt Minka und legt endlich das Fleischmesser beiseite. "Viel zu viel Aufwand." Sie kocht nicht gerne. "Aber Schlaftabletten. Wie wär's mit Schlaftabletten?"

Als Krankenschwester hätte sie da immerhin Möglichkeiten.

Ich verstehe Minka nicht. Irene und Karin - nun gut, die sind halt an den Falschen geraten. Aber Hans würde Minka doch lieber heute als morgen heiraten, das weiß ich genau. Aber sie will nicht - was weder Mutter noch Irene verstehen und Karin schon gar nicht. Vielleicht ist da eine Angst in ihr, daß es dann vorbei ist mit dem ganzen Kleinmädchen-Getue, mit der Barbie-Puppen-Welt. Dieses Hilflos-Sein gefällt ihr ganz gut. Es ist so praktisch, ihre Stärke zu verstecken, bis Hans ihr den Rücken dreht. Ihm gefällt das auch, offensichtlich.

Und trotzdem das Messer? Trotzdem die Tabletten?

Minka zuckt die Schultern.

 

"Man könnte auch Arsen nehmen", sagt Karin. "Ich hab mal einen Krimi gelesen - also, wenn man selbst über längere Zeit Arsen nimmt, in ganz kleinen Mengen, dann schadet einem später auch eine größere Dosis nicht mehr. Die Frau in dem Roman hat das also gemacht, die war dann quasi immun. Und dann hat sie in eine Mahlzeit Arsen gegeben, und sie und ihr Mann aßen davon. Der Mann starb natürlich, aber ihr wurde bloß ein bißchen schlecht. Und keiner konnte ihr was nachweisen, weil sie ja auch davon gegessen hatte."

 

"Aber letztlich", sage ich und versuche, nun wieder ganz vernünftig zu sein, "letztlich ist das natürlich alles Unsinn. Man muß doch miteinander leben können. Man muß sich doch gegenseitig akzeptieren. Man muß eben miteinander reden. Man muß..."

Die Nichten winken ab.

"Reden bringt nichts."

Stimmt. Man kann genauso gut einer Betonwand predigen.

"Und warum trennt ihr euch dann nicht?" frage ich.

"Viel zu kompliziert, so eine Trennung", sagt Karin. "Überleg doch mal - alle diese Diskussionen, wer Schuld hat und wem was gehört. Sollen wir denn den Wellensittich durchsägen und das Surfbrett? Und was ist mit den neuen Töpfen?"

"Und dann die Fragen", sagt Minka. "Von Nachbarn, von Kollegen. Sie hätten es ja schon lange gewußt. Oder: Sie hätten ja nichts geahnt. Je nachdem. Nee, wenn schon - dann lieber so."

Irene nickt versonnen.

"Und wenn man dann noch eine Lebensversicherung hätte..."

"Wenn Arsen bloß nicht so schwer zu kriegen wäre...", sagt Karin. "Dabei wäre es so praktisch. Man könnte es zum Beispiel bei so einem Familientag ins Essen geben. Das wäre dann ein Abwasch."

 

Ich kann es nicht glauben. Hier stehen sie - Frauen, Mütter - und denken darüber nach, wie sie ihre Männer umbringen können. Ob im Ernst oder nicht - was macht das schon?

 

Ich hasse es, diese verkrusteten, fettstarrenden Töpfe abzuwaschen. Warum kann Mutter nicht einfach einen Eintopf kochen, wenn Familientag ist? Aber nein - Vorsuppe, Nachtisch, zwei Gemüse, sogar drei, Soße. Und dann noch die Bratenschüssel. Widerlich, einfach widerlich. Ich hasse diesen Abwasch.

Und warum sehen m i c h alle an.

An ihnen mag ja die ganze Frauenbewegung vorbeigegangen sein. Gerade meine Nichten - die junge Generation, von der man glaubte, daß ihnen das Erreichte selbstverständlich sei - gerade die wärmen ihren Macho- Kerlen doch schon wieder die Pantoffeln. Mutter hätte das nie getan, auch wenn sie Vater immer wieder seine Räusche verzieh. Für Mutter sind Männer eben Kinder, nicht ernst zu nehmen.

 

Ich kann es nicht glauben. Und dann höre ich mich sagen: "Muskatnuß. Muskatnuß hat man immer im Haus."

Du lieber Himmel - wo führt mich das hin! Mich mit meiner intakten Beziehung. Mich mit meinem kühlen Intellekt. Aber der emotionale Sog, der von den anderen ausgeht, hat mich längst erfaßt. Nun gehöre ich dazu, nun bin ich eine von ihnen.

"Ja", sage ich. "Muskatnüsse. Sie enthalten Myristicin. Das ist ein ganz starkes Gift. Schon eine einzige Nuß ist tödlich."

Ich weiß das genau. Ich habe gerade eine Monographie geschrieben über die Toxidität von Küchengewürzen. Ich weiß, daß man mit Petersilie abtreiben kann, auch Wacholderbeeren sind dazu geeignet. Und Muskatnüsse - in kleinen Dosen Liebeszauber und Rauschmittel - können eben tödlich sein.

"Muskat..."

Respektvoll sehen die Nichten mich an.

Mutter lächelt beifällig: Dann hatte das ganze Studieren also auch eine praktische Seite.

Minka grinst wieder, mit breitem Mund.

"So einfach. Exitus."

 

Endlich ist dieser Abwasch erledigt. Gleich werde ich mich hinsetzen, mit einer Tasse Kaffee und mit einer Zigarette. Die andern ordnen Bestecke ein, räumen Töpfe und Teller in die Schränke. Mir bleibt es überlassen, nun auch noch die Spüle sauberzumachen. Mit spitzen Fingern fische ich Gemüsereste aus dem Abflußsieb.

"Schade irgendwie", sagt Minka gedankenvoll , und ihr Mund zieht sich schon wieder zusammen.

"Ja, wirklich", sagt Karin.

Und Irene nickt.

"Schade - was?" frage ich.

"Na, daß wir es ja doch nicht machen!"

Ich streue Scheuerpulver ins Spülbecken, viel zu viel, aber der Salmiakgeruch suggeriert Sauberkeit und Frische.

 

"Was ist los? Wollt ihr uns vergiften oder was?"

Rolli steht in der Küchentür und streckt uns anklagend die Kaffeetasse entgegen. Neben ihm Hans, der bestätigend nickt.

Wir sehen die beiden an, wir sehen einander an und brechen in ein geradezu erschreckendes Gelächter aus. Ein oder zwei Minuten sehen die Männer sich das an, dann ziehen sie sich zurück - unter Hinterlassen ihrer Kaffeetassen.

Wir schnuppern und kosten, unsere Augen werden größer, unsere Gesichter blasser.

Muskat. Ja, das ist eindeutig Muskat.

Aber...wer?

Wir waren doch alle die ganze Zeit in der Küche.

Oder nicht?

Doch, wir waren.

Und wer hat den Kaffee gemacht?

Mutter.

Aber sie hätte doch nie Gelegenheit gehabt...

Und wer hat die Kanne ins Eßzimmer getragen?

Wir sehen uns an, schütteln die Köpfe.

Nein, keine von uns.

 

"Ich will Limo!" schreit Suse.

Alle Augen richten sich auf sie.

Suse...

"Was hast du in deiner Hosentasche"

Karin zieht die Muskatreibe aus Suses Tasche und zwei übriggebliebene Nüsse. Entsetzt und stolz starrt sie ihre Tochter an.

Minka weiß nicht, ob sie ihren Mund breit oder spitz machen soll.

"Ob er wohl gereicht hätte?" fragt Irene. "Der Muskat, meine ich."

Ach verdammt, denke ich. Mutter sollte sich endlich einen Geschirrspüler zulegen.

Wütend reibe ich die Spüle mit einem trockenen tuch blank - so, wie sie es liebt.

Mutter sagt gar nichts. Sie stellt den Kuchen auf das Tablett. Jede Menge süßen, fetten Kuchen.

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SCHWIMMEN LERNEN.

 

Gleich werde ich Angst haben, denkt sie.

Und unverzüglich stellt die Angst sich ein.

Sie steht am Rand des Schwimmbeckens und weiß: Nie im Leben werde ich imstande sein, in dieses tiefe Wasser zu springen. Je länger sie dasteht, desto größer wird ihre Angst. Die Angst liegt im Magen wie ein schwerer Stein. Die Angst nimmt ihr die Luft zum Atmen, lähmt ihr die Glieder.

Die Angst ist ihre Feindin.

Sie will ihre Angst besiegen; deshalb ist sie hier. Aber bisher sieht es nicht so aus, als könnte sie gewinnen. Bis in alle Ewigkeit wird sie hier am Rand des Beckens stehen, fest gebannt, denn sie weiß das Zauberwort nicht mehr, das sie erlöst.

 

Ich bin ganz ruhig, denkt sie.

Sie richtet ihre Aufmerksamkeit darauf, ruhig zu sein.

Ich bin entspannt, ganz entspannt. Mein Atem geht ruhig, ganz ruhig...Ach, zum Teufel! Dieses ganze Autogene Training ist das Papier nicht wert, worauf es gedruckt ist.

 

* * *

 

Fünf Monate lang macht sie diese Übungen jetzt schon, und wenn`s darauf ankommt, nützen sie doch nichts. Aber sie will gerecht sein. Immerhin kann sie einschlafen, schreckt auch nicht mehr bei jedem Geräusch atemlos und mit jagendem Puls hoch. Und das alles ganz ohne die groben pharmazeutischen Ge­schütze, mit denen ihr Arzt sie gerne traktieren würde.

Dieser Erfolg hat sie ja überhaupt erst ermutigt, sich ihrer Angst zu stellen, ihr Paroli zu bieten gewissermaßen, nachdem sie sich ein Leben lang von ihr hat beherrschen lassen.

 

Immer hat irgend etwas sie geängstigt: Spinnen und Frösche, der Tod, das Leben, und manchmal ihr eigener Schatten.

Als sie ein Kind war, hatte die Mutter alle Ängste wegge­streichelt, hatte sie schützend in den Arm gehalten gegen die Schrecken der Nacht und des Tages. Dann kam Julius, übernahm die Pflichten der Mutter, schützte und streichelte sie.

Es war schön gewesen mit Mutter, und es war schön gewesen mit Julius.

Nun waren beide tot.

Die Ängste waren geblieben. Und niemand war mehr da, der streichelte und schützte.

Aber schon stand ihr Arzt bereit, hielt ihr mit helfender Hand die verlockend bunten Kapseln und Pillen entgegen. Nur zugreifen mußte sie - und sie würde schlafen können ohne Herzklopfen und ohne Atemnot, würde jeden neuen Tag furchtlos und ganz gleichgültig entgegensehen. Sie würde ihre Ängste verlie­ren und ihre Freuden und Aufregungen aller Art. Nichts würde mehr von Belang sein. In dumpfer Heiterkeit würde sie schlafwandelnd durch ein Leben gehen, in dem nichts mehr sie wirklich berührte.

Nein, dachte sie, dann arrangiere ich mich doch lieber mit ihr, irgendwie, mit meiner Angst.

 

Yoga schien ihr der Weg zu sein, einen wenigstens einigermaßen festen Stand der Angst gegenüber zu behaupten - und sei es im Kopfstand. Sie zwang ihre Glieder in den Lotussitz, in die Stellung des Kamels, in die der Schlange und vor allem in die umgekehrte Stellung, den Kopfstand.

Ihr Guru - dunkelhäutig und schmächtig, mit einem boshaften Affengesicht - konnte fordern, was immer er wollte: sie tat es. Tat es froh, sich einem stärkeren Willen zu unterwerfen zu können, der an ihrer Stelle den Kampf aufnahm.

Er sagte: "Du hast keine Angst mehr - denn ich erlaube es nicht." Und ihre Angst verschwand, wich zurück vor seiner Beschwörung.

Er sagte: "Du hast keine Gedanken - außer denen, die ich dir erlaube." Und ihr Kopf füllte sich mit einer wohligen Leere, in der nur gelegentlich sein Bild vorüber glitt, überdimensional und von leuchtender Intensität.

Er sagte: Du betest mich an, du verehrst mich, du bist mir ganz und gar verfallen." Und willenlos sank sie in seine Arme.

Sein Kuß schmeckte bitter wie eine Schmerztablette, die man versehentlich zubeißt. Dieser Kuß war es, der ihr ihren Arzt in Erinnerung brachte, wie er ihr freundlich lächelnd chemisches Vergessen offerierte. So lange hatte der Guru denn doch nicht seinen auflösenden Einfluß auf sie ausgeübt, daß sie nun nicht erkannt hätte, in welcher Gefahr sie sich befand: ganz in seine Macht zu geraten wie in die einer Droge.

Die bunten Pillen und der affengesichtige Yogi hatten eines gemeinsam: Beide hatten es darauf abgesehen, mit ihren Ängsten zugleich ihr Ich weg zu radieren.

 

Von nun an holte sie sich ihre Helfer in Form von Büchern ins Haus. Die - so hoffte sie - würden keinen unkontrollierbaren Einfluß auf sie gewinnen. Bücher konnte man zuklappen und in die Ecke stellen, Büchern würde es schwerfallen, sie zu etwas zu überreden, was sie nicht wirklich tun wollte.

Trotzdem war sie auf der Hut vor den Ratschlägen, die ihr da zwischen zwei Buchdeckeln erteilt wurden. Alles, was auch nur einen entfernten Anstrich von Mystizismus hatte, sonderte sie als gefährlichen Unsinn aus. Der Rest ließ sich zum größten Teil als ungefährlicher Unsinn klassifizieren. Übrig blieb einzig das Buch über Autogenes Training, dem sie sich mit wachsa­mer Ernsthaftigkeit zuwandte.

Daß sie selbst es war, die in ihren Gliedern nach Belieben die Empfindungen von Schwere und Wärme hervorrufen konnte, stärkte ihr Selbstbewußtsein. Und daß sie nach einiger Übung imstande war, Puls und Atemfrequenz zu beeinflussen, erfüllte sie geradezu mit Triumph. Wenn sie nun mitten in der Nacht auffuhr, weil ein - wirkliches oder eingebildetes - Geräusch sie erschreckt hatte, toste der Herzschlag nur noch kurzzeitig in ihren Ohren, und ihr flatterhafter Atem wurde unter der wundersamen Formel alsbald wieder zu einem ruhigen, regelmäßigen Luftholen.

Mein Herz schlägt ruhig, ganz ruhig...

Mein Atem geht ruhig, ganz ruhig...

Ich bin ganz ruhig...

Zauberworte, die man nur zu denken brauchte, um sie wirksam zu machen.

"Na, meine liebe Angst - was sagst du nun?"

 

Mutig geworden, suchte sie sich immer neue Situationen, denen sie früher ängstlich ausgewichen wäre.

Alleine essen zu gehen in einem ihr fremden Lokal beispielsweise.

Ihrer Schwester, die sie einmal im Monat besuchte, nach all den Jahren endlich zu sagen, daß sie ihren Sherry nicht mochte.

Einen Krebstest machen zu lassen.

Und jedesmal stellte sie fest, daß ihre Ängste unbegründet gewesen waren. In dem Lokal starrte niemand sie an. Ihre Schwester war nicht gekränkt, sondern hatte sogar auch trockenen Sherry zur Hand. Der Krebstest fiel negativ aus. Und selbst mit einem positiven Ergebnis, so glaubte sie jetzt, hätte sie leben können.

Sie fand heraus, daß die Angst um so größer wurde, je mehr man sich von ihr einschüchtern ließ. Wagte sie es, sich zu stellen, ihr gewissermaßen ins Auge zu sehen, fiel sie in sich zusammen, verschrumpelte wie ein perforierter Ball zu einem unansehnlichen Häufchen mißfarbener Materie, das niemand mehr zu beeindrucken vermochte. So also war das mit der Angst.

 

Oder vielmehr: mit manchen Ängsten.

Denn Spinnen fürchtete sie immer noch und geriet in Panik, wenn sie eines dieser widerwärtigen, mit vielen behaarten Beinen (waren es acht oder zehn oder noch mehr Beine?) versehenen Un­geheuer auch nur erblickte. Und der bloße Gedanke, die Spinne könne ihr im Schlaf oder sonst in einem unbewachte Augenblick über Hände und Gesicht laufen, ließ sie nicht eher ruhen als bis sie sie mit Hilfe eines Schuhs oder einer Zeitung zur Strecke gebracht hatte.

Eine Freundin machte den Versuch, sie von ihrer an Phobie grenzenden Spinnenangst zu befreien. Mit dem besten Erfolg - so versicherte sie - hielt sie sich Spinnen als Fliegenfänger. Und stolz führte sie sie durch die Wohnung, wo in Ecken und Winkeln - hinter dem Fernsehsessel, über der Badewanne, neben dem Bett Spinnen aller Größen in gefährlich aussehenden Netzen auf Beute lauerten. In einem der Netze erblickte sie eine zuckende Fliege. Seither zog sie es vor, sich mit der Freundin in einem Café zu treffen oder sie zu sich nach Hause einzuladen.

Manchen Ängsten war so einfach nicht beizukommen.

Auch nicht der Angst vor tiefem Wasser.

Im Nichtschwimmerbecken fühlte sie sich sicher. Da schwamm und tauchte sie - zu ihrer Zufriedenheit und der des Schwimm­lehrers. Aber schon das Wissen, daß die Tiefe des Wassers ihre eigene Körperhöhe überschritt, ließ sie vergessen, wie man atmete und wie man sich bewegte. Sowie sie den Boden unter den Füßen verlor, begann sie, hilflos und unkontrolliert mit den Armen um sich zu schlagen. Mit beiden Händen klammerte sie sich an die rettende Angel und ließ sich zum Beckenrand ziehen.

Der Schwimmlehrer half ihr aus dem Wasser und, da ihre Knie sichtbar zitterten, führte er sie zu einer der beheizten Ruhe­bänke.

Dankbar nahm sie die Härte der Bank unter ihren Schenkeln wahr und die Festigkeit der Fliesen unter ihren Füßen.

Der Schwimmlehrer beugte sich zu ihr herunter und legte seine Fingerspitzen an ihre Halsschlagader. Das Pulsieren ihres Blutes übertönte alle Geräusche, und nur von ferne hörte sie seine Stimme.

"Ach herrje", sagte er.

Da stand er, die Finger an ihrem Hals, und sah sie besorgt an. Seine Augen waren von einem sehr hellen, sehr leuchtenden Blau.

 

Mein Herz schlägt ruhig... Mein Atem geht ruhig... Konnte diese Formel auch nicht verhindern, daß die Tiefenangst kam, so trug sie doch nun immerhin dazu bei, daß sie nicht allzu lange blieb.

Ich bin ganz ruhig...

Auch das gelang ihr.

Nur dort, wo die Fingerspitzen des Schwimmlehrers ihren Hals berührt hatten, empfand sie eine leichte Unruhe. Aber das war nicht unangenehm, durchaus nicht unangenehm.

 

Während die anderen schwammen und tauchten - außer ihr waren noch vier Frauen sowie zwei Männer mittleren Alters in diesem Kurs -, betrachtete sie den Lehrer. Sein Körper sah jung aus, aber in seinem Gesicht gab es tiefe Linien und in dem kurzen, dicht anliegenden Haar war schon etwas Grau.

Er sah zu ihr herüber.

"Alles in Ordnung?"

Sie nickte.

Dann ging sie zum Nichtschwimmerbecken. Sie wußte, daß sie eigentlich ins tiefe Wasser gehen sollte, aber sie brachte es nicht über sich.

"Okay, Angst. Diesmal hast du gewonnen."

Sie schwamm zehn Minuten lang, ohne sich auszuruhen. Das wenigstens mußte sie tun.

 

Im Duschraum roch es nach Chlor und Urin und Shampoo. Sie ließ abwechselnd heißes und kaltes Wasser auf sich niederprasseln. Dabei musterte sie die anderen Frauen und fand, daß sie eine gute Figur hatte.

In der Vorhalle des Schwimmbades traf sie den Lehrer. Er trug nun weiße Shorts über seiner Badehose.

"Wirklich alles wieder in Ordnung?"

Sie lachte ein bißchen.

Er hatte eine lange Narbe auf der Brust, die ihr vorher nicht aufgefallen war.

"Muß ich mir keine Sorgen machen?" fragte er.

"Natürlich nicht".

 

***

 

Hätte ich als Kind schwimmen gelernt, denkt sie jetzt, dann wäre mein Leben vielleicht etwas weniger schwierig gewesen.

Aber als in ihrer Klasse der Schwimmunterricht begann, hatte sie Mumps gehabt, danach bekam sie die Masern, und dann hatte sie den Anschluß verloren.

In ihrer Familie hatte Schwimmen nicht zur Tagesordnung gehört.

"Wenn das Kind sich vor dem Wasser fürchtet, hat es sowieso keinen Sinn", hatte ihre Mutter gesagt und sie schützend in die Arme genommen.

Wenn sie nun darüber nachdenkt, scheint ihr, als hätte sie seitdem Angst vorm Wasser gehabt.

 

Und unwiderruflich stellt diese Angst sich ein, auch jetzt. Sie wünscht sich, daß der Schwimmlehrer sagt, sie müsse nicht springen, wenn sie solche Angst habe. Gleichzeitig weiß sie, wie bedrückt sie dann sein würde über ihre Unfähigkeit, diese Angst zu überwinden. Aber der Schwimmlehrer sagt, daß sie es schaffen werde. Sie steht und zittert, und Tränen laufen über ihr Gesicht , Tränen der Angst und der Wut.

Er sagt, sie müsse keine Angst haben. Er sei da und passe auf.

Sie will springen und sie will es nicht.

Sie will ihre Angst besiegen, und sie will ihrer Angst nachgeben.

Sie will stark sei, und sie will schwach sein.

Wie ein Riß geht es mitten durch sie hindurch.

Ein schmerzhafter Riß, und sie springt, um ihm auszuweichen.

 

"Sehen Sie nicht ins Wasser!" ruft er ihr zu.

"Sehen Sie auf mich!"

Sie sieht nicht ins Wasser. Sie sieht auf ihn. Sie sieht in seine Augen, läßt sich fallen in dieses Blau.

So fällt man in Träumen, fällt und fällt, wie in eine unendliche Umarmung. Um dann zu erwachen, voller Trauer und voller Verlangen zurückzukehren in diesen Zustand, in dem das Fallen seinen Schrecken verliert und zum Schweben wird, zum Fliegen. Wo man sich nicht über das Paradoxon verwundert, daß aus dem Fall in die Schwere die Leichte des Fluges entsteht.

Für unsere Träume haben die Gesetze des Raumes und der Schwerkraft keine Bedeutung. Wohl aber für den hellen Tag. Und klatschend prallt sie auf die Oberfläche des Wassers, durchdringt sie, versinkt. Und denkt: Das ist das Ende, das ist nun das Ende.

Sie will Luft holen. Einmal will sie noch Luft holen. Wasser läuft ihr in den Mund, in den Hals.

Das war`s dann also...

Aber auf einmal ist sie dann wieder oben, mit brennenden Augen, brennenden Lungen.

Nur jetzt nicht wieder versinken, nur jetzt nicht wieder in diese gräßliche Tiefe versinken.

Dabei weiß ein Teil ihrer selbst auch jetzt, daß diese gräßliche Tiefe gerade einen Meter achtzig beträgt. Aber das ist ein nutzloses Wissen, über das hinweg das Pansgesicht ihrer Angst sie angrinst.

Mit wilden Armbewegungen versucht sie, sich über Wasser zu halten.

"Nicht auf das Wasser sehen! Sehen Sie auf mich!"

Sie sieht ihm in die blauen Augen.

Ihr Atem wird ruhig. Ihre Arme und Beine wissen von selbst, was zu tun ist.

Es ist ihr Kopf, in dem die Angst entsteht.

Aber sie braucht nur in dieses Blau zu sehen, und sie verliert ihre Angst und sie verliert sich selbst.

"Ich bin ja da", sagt er. "Nichts kann passieren, nichts."

Sich diesem Gefühl hingeben, loslassen, sich tragen lassen, ohne jede Schwere, ohne jede Angst...

"Warum nicht? Warum eigentlich nicht?"

 

* * *

 

Und dann sind es nicht nur seine Augen, an die denkt.

Auch seine Hände sind es und seine Stimme. "Ich bin da", sagt seine Stimme. "Ich bin bei dir. Du brauchst keine Angst zu haben."

Die Entscheidungen jemand anders überlassen...

Loslassen...

Und was kümmert es sie, was die Leute sagen. Gut, er ist jung. Aber ist sie denn alt?

Und schöne Augen hat er und einen schönen Körper, den sie gerne berührt.

Nachts, wenn sie aufwacht mit wildem Herzklopfen, hält er sie im Arm, beruhigend, besänftigend.

"Ich bin da, ich bin bei dir, du brauchst keine Angst mehr zu haben."

Er ist an ihrer Seite, wann immer sie ihn braucht.

Er tötet Spinnen und begleitet sie in Lokale. Er nimmt ihr alle Sorgen ab und stellt sich zwischen sie und ihre Ängste.

Die Welt bleibt draußen.

Die Welt mit ihren Schrecken, mit ihren Freuden, mit ihrer Wirklichkeit.

 

* * *

 

Aber dann ist sie plötzlich am anderen Ufer.

Und weiß nicht: Wie hat sie es angestellt, vom einen Ende des Wasserbeckens zum anderen zu gelangen? Sie ist geschwommen. Sie ist wirklich geschwommen.

Der Schwimmlehrer lacht sie an.

Er hilft ihr aus dem Wasser und hält sie am Arm.

Er sieht sie an mit seinen blauen Augen, daß sie weiß: alles ist möglich.

Er sagt, daß sie es gut gemacht hat.

Daß sie tapfer ist.

Daß er stolz ist.

Sie hat ihm in die Augen gesehen, hat alle Angst vergessen - und ist geschwommen.

Er kann stolz auf sich sein.

 

Sachte macht sie sich los. Lächelt in diese blauen Augen.

Und springt.

Springt wieder ins tiefe Wasser. Sinkt wieder unter, taucht wieder auf.

Und schwimmt.

 

Durch die Glaswand der Schwimmhalle sieht sie hinaus in die Welt, sieht Bäume, Büsche, Wolken, Menschen, das Leben, er­schreckend und schön.

Sie kann schwimmen.

 

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GESTRANDET IN HALLE

ODER LIEBESBRIEF AN EINEN TAXIFAHRER

 

Von der Saale hellem Strande seh ich nichts. Vier Uhr morgens ist es und stockdunkel. Ich steh in der Händelstraße und weiß nicht einmal, in welcher Richtung der Bahnhof liegt. Mußte ich mich denn auch mit diesem blöden Theatermenschen anlegen, anstatt ein braves Mädchen zu sein und ins Bett zu gehen? Müde genug war ich ja nach zwei Lesungen an einem Tag. Jetzt bin ich zu aufgedreht zum Schlafen, und um sieben geht sowieso mein Zug. Also werde ich eine Telefonzelle suchen, ein Taxi rufen und am Bahnhof ein mächtiges Frühstück essen.

 

Das mit der Telefonzelle ist einfach, das mit dem Taxi auch. Jetzt ist ein anderes Problem aufgetaucht: Ich habe kein Geld bei mir.

Das habe ich nämlich meinem Kollegen Wilhelm geliehen. Der hatte mich nach der letzten Lesung zum Essen eingeladen. Aber sein Portemonnaie war im Mantel, sein Mantel im Leseraum – und der war inzwischen abgeschlossen. „Geb ich dir zuhause wieder“, hat er gesagt. Über diesen Theaterfritzen haben wir beide es dann vergessen. Mein Kassensturz ergibt, daß ich noch ein Fünfzigpfennigstück und zehn schwedische Kronen besitze. Außerdem eine russische Kopeke, doch mit der könnte ich nicht mal in Rußland was anfangen. Aber wozu gibt es Bankkarten?

„Zum nächsten Geldautomaten“, sage ich zu dem spitzmausgesichtigen Taxifahrer. „Und dann zum Bahnhof – ich muß dringend frühstücken“. Der Geldautomat muß kaputt sein, er rückt nichts raus. Ist eben Dunkeldeutschland, denke ich. Erst beim dritten Automaten wird mir klar, daß – wieder mal – mein Bankkonto gesperrt ist. Dabei müßte eigentlich eine dicke Überweisung von meinem Verlegen drauf sein. Klar, und der hat – wieder mal – nicht pünktlich gezahlt. Na, immerhin habe ich noch meine VISA-Card. „Also zu einem Hotel, das VISA nimmt“, sage ich. Mit einem beruhigenden Lächeln begleitet der Taxifahrer mich ins Hotel.

„Frühstück gibt`s erst ab sechs“, sagt der Portier. Und Bargeld könne er nicht auszahlen. Aber es sein VISA-Automat vorhanden, dort drüben.

Ja, Scheibenkleister – wo ich meine Geheimnummer zu Hause gelassen habe.!

Draußen heule ich los. Ein langer Tag, eine kurze Nacht – und nun so etwas. Der Taxifahrer reicht mir sein Taschentuch.

„Nun mach dir keine Sorgen“, sagt er. Er heißt Uwe und wir duzen uns inzwischen.

„Du bist gut – und wie kommst du zum deinem Geld?“ frage ich

„Kannst es mir ja schicken“. Ganz einfach

 

„Danke“, sage ich am Bahnhof „Mensch Uwe, danke!“

Und muß schon wieder heulen. Ich will meine Tasche nehmen, aber er schüttelt den Kopf. „Erstmal gibt`s Frühstück“. Als Kaffe und Brötchen vor mir stehen, kann ich nur ein tief empfundenes „Uwe, ich liebe dich“ seufzen, ehe ich mich aufs Essen stürze. Weiß der Himmel, was die anderen Gäste denken, die sich neugierig zu uns umdrehen. Ist auch egal. Uwe hat das sowieso nicht mitgekriegt. Der hat mir inzwischen Zigaretten aus dem Automaten geholt. „weil – in der Packung sind doch bloß noch zwei drin.“

Tatsächlich. Schnell ziehe ich eines meiner Bücher aus der Tasche und schreibe ein Dankeschön hinein.

Zuhause fällt mir ein, daß ich weder seine Adresse noch seine Kontonummer habe. Von der Auskunft lasse ich mir die Telefonnummer aller Taxi-Unternehmen in Halle geben. Schon beim dritten werde ich fündig. Es gibt dort einen Uwe. Aber ob es der Richtige ist?

„Hallo, bist du der Mann von letzter Nacht?“ „Bin ich. Und du bist die Frau mit dem Buch“. Er gibt mir seine Adresse, und ich sage noch einmal: „Uwe, ich liebe dich.“

Als ich mich umdrehe, steht mein Liebster in der Tür.

„Schön, daß du wieder zuhause bist“, sagt er und gibt mir einen Kuß.

„Muß ja ein toller Kerl sein – dieser Uwe“.

„Klar“, bestätige ich, „ist er auch.“

 


 

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