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Sir Galahad – die Unbekannte von der Donau

Das Leben auf dem Lande

 


 

Eine Rundfunkbearbeitung für den SW-Funk

 

SIR GALAHAD - DIE UNBEKANNTE VON DER DONAU

 

Wer war Sir Galahad?

Wer sich seiner Schulweisheit erinnert, weiß: Sir Galahad war der sagenhafte Sohn des ebenso sagenhaften Artusrunden-Ritters Lancelot und die englische Version des uns besser geläufigen Parzival - edel und ritterlich, auf der Suche nach dem Gral, jenem lichtverklärten Symbol göttlicher Gnade.

 

Doch nicht diese Sagengestalt ist es, nach der hier gefragt wird, sondern die Schriftstellerin Sir Galahad, die unter ihrem Namen Bertha Eckstein-Diener bis in die dreißiger Jahre hinein als Dame der Wiener Gesellschaft weitaus bekannter war als unter ihrem wohlgehüteten Pseudonym. - Wer sich des Ritters Galahad noch zu erinnern vermochte - bei der Schriftstellerin Sir Galahad wird er wohl passen.

 

Während sie in Österreich noch dem einen oder anderen ein Begriff sein mag - wenn auch wohl kaum jemand ahnt, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt -, ist sie in Deutschland gänzlich unbekannt. Ihre Bücher sind vergriffen, und nur zögernd beginnen deutsche Verlage, sich wenigstens für eines ihrer Hauptwerke, die unter dem Titel "Mütter und Amazonen" erschienene Kulturgeschichte der Frau, zu interessieren. Die Schriftstellerin Bertha Eckstein-Diener oder Sir Galahad wird in keiner Literaturgeschichte erwähnt, ihre Bücher sind bis auf das eben genannte nur antiquarisch zu erhalten - hat es da einen Sinn, den Versuch zu machen, dreißig Jahre nach ihrem Tod sie in Erinnerung zu bringen oder - genauer gesagt - überhaupt erst vorzustellen?

Ich meine: ja.

In einer Zeit, wo die Buchproduktion fast ins Gespenstische ansteigt und der Gehalt eines Buches nach dem Informationswert für Schnelleser eingestuft wird, ist es ein zwar undankbares, aber um so wichtigeres Unterfangen, die wenigen wesentlichen Bücher vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Sir Galahads "Mütter und Amazonen" gehört zu diesen Büchern.

 

Aber wenden wir uns zunächst der Autorin selbst zu. Die erreichbaren Daten sind spärlich, die folgende Vita das Ergebnis von drei Jahren intensiver Forschungstätigkeit.

 

Bertha Diener wurde 1874 als Tochter eines aus Süddeutschland eingewanderten Fabrikanten in Wien geboren. Um 1900 (oder früher) heiratete sie den bekannten Polyhistor Friedrich Eckstein, von dem Friedrich Torberg in seinem Buch "Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten" u.a. die folgende Begebenheit erzählt:

 

"...stand der alte Eckstein im Ruf, einfach alles zu wissen. Es gab keine Frage, die er nicht unverzüglich beantworten konnte, ja manchmal nahm er die Antwort ahnungsvoll und kenntnisreich vorweg, ohne die Frage ab­zuwarten. Man raunte sich zu, daß der große Brockhaus, wenn er etwas nicht wußte, heimlich aufstand und im alten Eckstein nachsah. Als einmal die 'Presse` eine Meldung brachte, in der von einem neuen Werk des Dichters Kun-Han-Su die Rede war, konnte der alte Eckstein seinen fragenden Jüngern sofort mit genauen Auskünften über das Schaffen dieses bedeutenden chinesischen Lyrikers aufwarten, der als einziger versuchte, eine unter den letzten Kaisern der Ming-Dynastie zur Hochblüte gelangte Versform wieder zu beleben. Zwar stellte sich am nächsten Tag heraus, daß es sich bei Kun-Han-Su lediglich um einen Übermittlungsfehler von Knut Hamsun handelte, aber der alte Eckstein hatte wieder einmal alles gewußt, und man respektierte ihn so sehr, daß man geneigt war, auch weiterhin an die Existenz eines chinesischen Lyrikers namens Kun-Han-Su zu glauben."

 

Die Ehe mit Professor Eckstein soll harmonisch, ja ideal gewesen sein, und in einem Nachruf auf Sir Galahad heißt es so­gar:

 

"Selten nur verließ sie das Haus und freute sich insgeheim, wenn ihr seelenguter, liebenswürdiger Gemahl an ihrer Stelle gerühmt wurde."

 

Trotzdem wurde die Ehe, aus der ein Sohn hervorgegangen war, 1905 oder 1906 geschieden - die Gründe dafür sind unbekannt.

 

1913 erschien Sir Galahads erstes Buch: "Im Palast des Minos". Dieses Buch, das die Ausgrabungen Arthur Evans in Knossos auf Kreta schildert, ist weit mehr als ein Sachbuch über Ar­chäologie. Dazu die Münchener Zeitschrift "Kritische Rundschau":

 

"Das besondere Charakteristikum dieses Werks, das über alle Seiten hinleuchtet und alle Gedanken durch­dringt, ist der freie, selbständige und unbeeinflußte Geist des Verfassers, der aufrecht bleibt, allen Traditionen und Liebhabereien unseres Zeitalters zum Trotz, der eine Ironie findet, die so feingeschliffen ist und so treffend ist, daß an ihr alles Plumpe, Ungeistige und Unkünstlerische verbluten muß, eine Ironie der Ge­nialität."

 

Bereits in diesem Erstlingswerk beweist sich Sir Galahad als Augenmensch, der alles bewundert, das "Form" hat. Sie sucht hinter allem - Kunst wie Leben - das Echte, Ungekünstelte, die Essenz - und erspürt sie mit dem feinen, sicheren Instinkt, der ihr eigen ist. Dabei ist das Buch "Im Palast des Minos" so geistreich, wie man selten eines findet schon gar nicht bei
einer so trockenen (oder vielmehr: bis dahin so trocken behandelten) Materie wie der Archäologie.

 

Während des ersten Weltkrieges hielt sich Sir Galahad - zumindest zeitweilig - in München auf. Elisabeth Castonier erwähnt ihre Tatsache in ihren "Memoiren einer Außenseiterin". Der Krieg bedeutet für Sir Galahad nach ihren eigenen Worten den materiellen Ruin. In einem Brief schreibt sie über diese Zeit:

 

"Zwei Winter lief ich den ganzen Tag im Wald herum, Holz zu stehlen, weil mit der Torfheizung keine 'schreibfähigen' Temperaturen zu erreichen waren. Mit einem riesigen Chinchillamuff bewaffnet ging ich bei Feldafing 'so für mich hin' und füllte ihn heimlich mit Scheiten, dürren Zweigen etc., um abends ein paar Stun­den die Gedanken beim warmen Ofen auftauen zu können (unter 16 Grad sind sie nämlich bei mir eingefroren)".

 

Während des Krieges begann Bertha Eckstein-Diener ihren Roman "Die Kegelschnitte Gottes", an dem sie sechs Jahre lang arbeitete. Dieser Roman ist heute - trotz seiner expressionistischen Züge - noch genauso lesbar wie vor 60 Jahren und hätte uns wohl heute noch mehr zu sagen als zu jener Zeit, da ein Kritiker sich äußerte:

 

"Dies Buch, das europäische Buch - trotz Spengler - wurde für uns das literarische Ereignis der Zeit. Nie noch hat jemand so klar gesehen und so treffend gesagt: was uns fehlt und was uns not täte."

 

"Die Kegelschnitte Gottes" schildern die Reise eines unermeßlich reichen anglo-indischen Fürsten und seiner Gattin, die in Schönheit und Freiheit ihrer von den konventionellen Dogmen europäischer Erziehung und jedem Zwang europäischer Sitten fernen Heimat aufgewachsen sind, durch Frankreich, Deutschland, die Schweiz und Österreich. Das Ehepaar, das bisher keine Beschränkungen äußerer Form gekannt hat, nicht einmal weiß, was Zoll­stationen, Zeitungen, Polizei, amtliche Verfügungen in Wirklichkeit bedeuten, erfährt im fortdauernden Zusammenstoß mit den vorgeschriebenen Paragraphen der von der Obrigkeit festge­setzten Lebensordnung unzählige grimme und grausame Enttäuschungen, strauchelt ununterbrochen in den Schlingen der ihm unverständlichen gesetzlichen Vorschriften und wird von wachsender Verachtung des sich vor seinen Augen spiegelnden nur scheinbar glücklichen Daseins erfüllt, die in romantischen Formen, ideologisch und phantastisch bis zum Extrem, fast bis zur Karikatur bestätigt und infolge der gesteigerten Abneigung der natürlichen Anlagen und Triebe des Paares zu einem tragischen Ende führt.

 

In diesem Rahmen sind nacheinander die einzelnen Länder und ihre Bewohner mit ihren vielen schlechten Eigenschaften Ziele einer mit Beobachtungen von größter Feinheit und Klugheit ansetzenden polemischen Darstellung, die sich nicht scheut, von einer gestrengen, aber gerechten Gläubigkeit an eine für die gesamte Menschheit gültigen Moral auf religiöser Grundlage ausgehend, die Lauge bitteren Spotts als Tadel und Warnung der Völker über sie ausgießen.

 

1925 erscheint dann der "Idiotenführer durch die russische Literatur", ein Buch, das Sir Galahad "dem Rückgrat" der Welt widmet und in dem sie die Vorliebe der Deutschen für russische Romane scharf angreift. Die Schweizer Zeitung "Die Tat" schreibt über dieses Buch:

 

"Es mag aus einer besonderen Gereiztheit gegen die genial untergründige Dostojewski-Welt entstanden sein, übertreibend wie jede Karikatur, aber vom festen Standpunkt einer Überzeugung aus gesehen: formloses inneres Überquellen, gemessen an den Formbewältigungen westlicher Griechentradition. Was ihr von dorther gefährdet erscheint, ist das Ideal der Kalokagathie, des schönen vornehmen Menschen:

'Dieser Russe (Dostojewski) bleibt ewig Leibeigener seiner dürren Dualität; schnappt über von Atheismus zu Dogmatik, von Wut zu Demut, von blindem Ja zu taubem Nein, bricht in leere Gegensätze entzwei und kreischt: Ich hasse die Harmonie! - Nichts aber hat seinem Ruf der Größe so genützt wie eben dies, daß ein Geröllfeld stets größer erscheint als der Parthenon...'

 

Nietzsche hat Dostojewski sehr bewundert; Sir Galahad, die Nietzsche bewunderte, hat mit Idealsetzungen aus seinem Erbe gegen das geschichtlich noch unausgeformte Rußland und namentlich eine gewisse staunende Unterwürfigkeit des Westens ihm gegenüber angekämpft und es eine 'ungeheure Fötalmasse' genannt. Kämpferisch und höhnisch herausfordernd bäumte sich in dieser kühnen Frau, die für Europa eine fortschreitende 'Verköterung' befürchtete, ein heftiges, das Maß bewußt preisgebendes Gefühl auf gegen ein angewesteltes und doch in seinem Ursprungsgesetz verharrendes Rußland und seine Missionsträume - die sich seit damals freilich politisch entwickelt haben."

 

Sehr viel Aufmerksamkeit erregte Sir Galahad mit ihren Übersetzungen - oder besser: Nachdichtungen - des populären amerikanischen Philosophen Prentice Mulford. Zwischen 1919 und 1928 wurden ihre Übersetzungen "Der Unfug des Lebens", "Der Unfug des Sterbens" und "Das Ende des Unfugs" veröffentlicht. Die Texte entsprechen in Form und Inhalt so sehr Sir Galahads eigenen Werken, daß noch heute Zweifel laut werden, ob es Prentice Mulford überhaupt je gegeben hat und ob dieser Name nicht nur eine weitere Maske ist, hinter der die Autorin sich verbarg.

 

Um diese Zweifel ein- für allemal auszuräumen, hier einige kurze Anmerkungen zum Leben Prentice Mulfords:

Er wurde 1834 auf Long Island geboren und schlug sich als Seemann, Schiffskoch, Walfischjäger und Goldgräber durchs Le­ben, bis er - 29jährig - sein Talent zum Schriftsteller entdeckte. Er arbeitete für die verschiedensten Zeitungen, brachte es aber nie zu Reichtümern. Sein Glaube an den "unendlichen Geist des Guten", der alles Leben durchdringt, ist das Hauptthema seines Werkes. Mulfords kühnster Gedanke, an dem er mit der Inbrunst eines Monomanen hing, war der Gedanke von der Aufhebung des körperlichen Todes - dem "Ende des Unfugs".

 

Sir Galahad selbst nennt Prentice Mulford einen Heiligen "full of go" und ein Genie der Pietätlosigkeit. Mulfords tiefe und in manchen Passagen gleichzeitig umwerfend komischen Anleitung zur Selbstvervollkommnung schlug mit Sicherheit verwandte Saiten in ihr an - nannte Sir Galahad sich selbst doch einmal einen Menschen, "der an der Neurose der Vollendung leidet". Das von ihr übersetzte Hauptwerk Prentice Mulfords ist übrigens seit einiger Zeit wieder greifbar: bei Goverts Krüger Stahlberg unter dem Titel "Der Unfug des Lebens und des Sterbens".

 

Nach zwölfjähriger Arbeit wurde 1932 Sir Galahads wohl wichtigstes Buch gedruckt: "Mütter und Amazonen" bei Langen Müller (dem Verlag, der seinerzeit auch die Originalausgabe herausbrachte) neu verlegt, und für Herbst 1980 plant Ullstein eine Taschenbuchausgabe dieses Titels. Und wieder erscheint dieses wichtige Buch zu einer Zeit, wo man befürchten muß, daß es keinen Erfolg hat.

 

Denn "Mütter und Amazonen" ist sicherlich kein Buch für militante Feministinnen. Niemals nämlich ist von Gleichheit die Rede, immer nur von Besonderheit. Und niemals werden zündende Thesen postuliert, laute Parolen ausgegeben oder unabdingbare Forderungen gestellt. Es ist eher ein Buch, das der Gefahr, die eigene Mitte (als Frau) im Emanzipationsgetümmel zu verlieren, auf geistreiche und gleichzeitig wissenschaftlich fundierter Art begegnen könnte.

 

Mit bestechender Eleganz werden hier die Grundlagen gelegt für ein ganz neues, an historischen Fakten orientiertes Selbstverständnis der Frau. Nur wer seine Vergangenheit kennt, weiß ja seine Gegenwart zu bewältigen und seine Zukunft zu begründen. Mit Akribie werden die Spuren verfolgt, die bis weit in die Vorgeschichte hinein führen - in eine Vorgeschichte, die nur deshalb dunkel genannt wird, weil wir von ihr keine schriftlich fixierten Nachrichten besitzen. Dabei ist jeder Historiker sich dessen bewußt, wie trügerisch gerade solche Nachrichten sein können!

 

Sir Galahad spannt den Bogen ihrer Kulturgeschichte nicht nur weltweit, sondern auch über sehr weite Zeiträume. Und dabei erweist sich, daß die Vergangenheit der Frau nicht bloße Unterdrückung ist - dieses Fehlurteil hat eine rein maskuline Geschichtsschreibung sich selbst eingehandelt. Nur ein ganz kleines Stück weiter zurück müssen wir gehen - und wir sehen, was Frau-Sein schon einmal bedeutete.

 

Einen Hauptteil des Buches stellen die verschiedenen Theorien über das Mutterrecht dar, die zwischen astrologischer und soziologischer Begründung alle wesentlichen Strömungen aufzeigen. Wenn die modernen Gesellschaftswissenschaften - oder besser: die Gesellschaftswissenschaften à la mode - das revolutionierende Werk des großen schweizer Rechts- und Mythenforschers Johann Jacob Bachofen als unwissenschaftlich weil intuitiv abtun, so ist dies eine contradictio in adjecto: sind nicht die besten Ergebnisse der Wissenschaft aus der Intuition heraus entstanden?

 

Sir Galahad selbst schreibt über Bachofen:

 "Bachofen entdeckte...das weibliche Weltalter am unteren Saum der Geschichte, mit priesterlicher, politischer und ökonomischer Vormachtstellung der Frau. Für vierzehn Länder und Stadtgemeinden hat er es selbst nachgewiesen, für den größten Teil der restlichen Erde diesen Nachweis - wie sich jetzt zeigt - mit Recht vorausgesagt."

 

Bachofen, der 1861 sein großes Werk über das Mutterrecht veröffentlichte, dem er in langen Jahrzehnten nachgespürt hatte, ist eine der wichtigsten Quellen in Sir Galahads Buch - doch bei weitem nicht die einzige. Und alles, was die Autorin an Quellen- und Beweismaterial anführt, wird auch wiederum von ihr in Frage gestellt, wird so lange untersucht und abgeklopft, bis ein brauchbarer Kern übrigbleibt.

 

"Nur jene Menschen haben nie etwas begriffen, denen alles ganz und gar begreiflich erscheint."

Diesen Satz, den Sir Galahad als Motto über ihre Behandlung der Theorien des Mutterrechts setzt, möchte man sowohl Anhängern als auch Gegnern der Emanzipationsbewegung ins Stammbuch schreiben. Die Wurzeln dessen, was wir heute erleben, liegen sehr viel tiefer als die meisten auch nur ahnen.

 

Wir sind durch soziologische Thesen in eine Art Fachidiotie abgedrängt worden, die das Wesentliche oft unberücksichtigt läßt: die reine und unfehlbare (aber verschüttete und verkümmerte) Intuition. Denn Frau-Sein ist weder eine Wissenschaft noch ein Programm, sondern die Gesamtheit des Da-Seins und So-Seins der Frau.

 

"Die Tat" schreibt zu diesem Buch:

"Mütter und Amazonen" war das nächste Buch Sir Galahads, eine Betrachtung der Kulturgeschichte vom weiblichen Standpunkt aus und auf ihre weiblichen Seiten hin. Bachofen hat darin ja mit großartigen Intuitionen eine Bahn freigelegt; es ist aber das Verdienst dieser Frau, ungebeugt durch vielschichtige Kenntnisse, mit leicht und graziös hinfahrender Hand jene frühen oder europafremden Weib-Komplexe der Geschichte aufzuzeigen, für die der heutige Mann als Geschichtskonstrukteur, -fabrikant und Protokollführer nur mäßig erschlossenen Sinn hat. Es ist ein anthropologisches Buch, aufgebaut auf Ergebnissen moderner Erforschung primitiver Völker und untergegangener Kulturen; der Bogen zieht sich vom malaiischen Archipel über Tibet nach Europa und über Amerika nach China: Religionen, Riten, Bräuche, Gesetze, Moden, Legenden, Kunstgewerbe, allem wird mit feinem Spürsinn Aussage abgelockt. Und mit welcher Gabe eigener Sprachforschung, spielender Freude an den Reizen des Satzbaus, am Vergleich, am heiteren Einfall!"

 

Und C.W. Ceram bemerkt in seinem Buch "Götter, Gräber und Gelehrte":

"Wir können hier den sehr modernen Versuch der Sir Galahad hinzufügen, die in dem Buch 'Mütter und Amazo­nen' nicht als diskutierbare These, sondern als kategorische Behauptung vorträgt, daß bei den Ägyptern in schon geschichtlicher Zeit ein ausgesprochenes Matriarchat bestanden habe. (Sir Galahad führt übrigens ihre Beweise mit einem so bestechenden Feuerwerk des Stils und der Sprache vor, daß man nur wünschen kann, es möge diese Kraft des Vortrags ein einziges Mal einem Archäologen gegeben sein.)"

 

In der Tat: die Sprache des Buches ist ungewohnt - weder wissenschaftlich noch agitatorisch noch das, was heute so gerne als "populär" bezeichnet wird. "Mütter und Amazonen" ist im besten Sinne ein anspruchsvolles Buch.

 

Sir Galahad selbst leitet "Mütter und Amazonen" folgendermaßen ein:

"Dies ist die erste weibliche Kulturgeschichte. Sie bemüht sich, so einseitig wie möglich zu bleiben, auf jener Seite nämlich, deren plastische Durchgestaltung bisher gefehlt hat. Auf der anderen Seite weiß jeder geistig halbwegs Interessierte längst so ziemlich Be­scheid, denn stets aufs neue werden an den Kulturabläufen gerade solche Phasen gründlich geschildert, in denen der Mann sein Weltbild geprägt hat, das Weibliche somit gar nicht oder nur indirekt, durch ihn hindurch, zur Verwirklichung gelangen konnte. Bewußt oder unbewußt bleibt die männliche Bühne Lieblingsobjekt historischer Betrachtung.

Dagegen: wie sieht die Welt denn überall dort aus, wo sie die Frau gerichtet hat, ihrem Naturwesen allein gemäß, ihrerseits mit Ausschaltung des Mannes als Persönlichkeit? Wieder einseitig. Gewiß. Doch gerade das "Hälftenhafte" hier wie dort mag dann, überblickt, sich im Ganzen fügen, denn: "Die Wahrheit liegt in den Gegensätzen zugleich". Entstellung des Weltbildes durch das Vorurteil der Paternität kann im Bewußtsein der Menschheit zwanglos kompensiert werden, wenn ihr genügend reine Frauenreiche mit ihren matriarchalen Grundgesetzen aufs neue bildhaft vor der Seele auferstehen. Und der Frau sollen sie die Tradition geben, auf daß sie sich mit dem, was sie auf einmal kann und tut, nicht abkunftslos erscheine."

 

Am Ende ihres Buches skizziert Sir Galahad den Frauentyp der Zukunft:

 

"Worauf es aber ankommen wird, das sind die zeitlosen Frauen. Genauer: solche im zeitlosen Alter, in dem sich's ebensogut leben wie sterben läßt. Eine Strecke schon beinahe fessellosen Dahinschwebens in einer wundervollen Brechung des Gefühls, wo alle Farben klarer, doch nicht schwächer werden. Zeitlose Frauen sind Wesen im Abschnitt jener Jahrzehnte, die das sprunghaft ver­längerte Leben jetzt jenseits der Jugend jenen Erwähl­ten fast ungebeten zumißt. Innerhalb dieses Abschnitts wird sich ein entscheidender Typus bilden, zu vielem berufen, mit der angeborenen Autorität und wärmenden Weisheit des Urweibes, doch körperlich wie geistig unvergleichbar überlegen, fixiert im Stadium geschmeidiger Vollendung, so persönlich wie nur Mut und Wohlgera­tenheit, als Schicksal kompromißlos ausgelebt, persönlich macht, doch abgelöst genug bereits für dieses letzte Über-allem-Stehen, das jedem das Seine zu geben vermag."

 

Sir Galahads Buch "Mütter und Amazonen" wird vielen Frauen, die sich heute emanzipiert fühlen oder sich erst emanzipieren wollen, ein Dorn im Auge sein. "Emanzipation", so spottet Ambrose Bierce, sei "der Übergang eines Sklaven aus der Unterdrückung eines anderen zur Unterdrückung durch sich selbst". Und dieses Extrem scheint die Emanzipationsbewegung inzwischen erreicht zu haben. Sir Galahads Forderungen sind dagegen weit radikaler: was sie vertritt, ist die Emanzipation von sich selbst, das heißt zu einer Vervollkommnung und Vollendung, die jeder einzelne nur allein und für sich selbst erreichen kann.

 

Daß die Frauenbewegung in den letzten Jahren zu einem "Aufbrechen der Fronten" geführt hat, steht außer Frage. Mit einer "weichen Welle" hätte sie dies sicherlich nicht erreicht. Die massiven Proteste gegen Ungerechtigkeiten aller Art waren und sind notwendig. Aber allmählich ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, daß die Befreiung von etwas - in diesem Fall von der männlichen Vorherrschaft und Bevormundung - nur der erste Schritt ist. Die Freiheit von etwas hinterläßt ein Vakuum. Nachdem etwas zerstört ist, muß aufgebaut, etwas Besseres an die Stelle des Vorherigen gesetzt werden. Es ist nicht nur ein modernes Buch, sondern - gerade heute und vielleicht mehr als vor fünfzig Jahren - ein brandaktuelles Buch.

 

Vollendung in jeder Form war - nach den eigenen Worten der Autorin - ihre "Neurose". Ging es in "Mütter und Amazonen" um die Vollendung des Weiblichen, so geht es in ihrem kulturgeschichtlichen Werk über Byzanz, das 1936 erschien, um die Vollendung von Schönheit und Harmonie zu einem alle Lebensbereiche durchströmenden Ganzen. "Byzanz" - von der Sprache her wohl das kreativste und "musikalischste" Buch Sir Galahads - trug ihr von Seiten der Kritiker den Vorwurf des Ästhetizismus ein. In allen ihren Büchern findet man Spuren ihrer Nietzsche-Bewunderung. "Der vornehme Mensch", der "Einzelne", "Rasse" in einem sehr viel umfassenderen und höheren Sinn als einzig an Blutmischungen gebunden, sind ihre Ideale, die in diesem Buch ebenso brillant wie intelligent geschildert werden.

 

"Die Tat schreibt dazu:

"Die Autorin ist bezaubert von einer sinn- und augenfällig so reinen Kultur, in der die Schönheit von Mensch und Dingen ihre sanfte, beseligende Gewalthaberschaft zugestanden erhielten, vom Zusammenlauf der Völkerschaften an der westöstlichen Grenze, vom Zusammenfließen der Religionen, wobei das Christentum durch Konstantin aus den anderen erhoben wurde, die Freude am Hof, am Zeremoniell, an der höchsten Verfeinerung der Sitten bis in die sinnlichsten Bereiche von Leben und Kunst, sie hat die späte Zeugin durchdrungen und erfüllt, so daß sie mit wahrer Schwelgerei davon berich­tet.

Keyserling hat unterschieden zwischen Wahrheitskulturen und Schönheitskulturen: Sir Galahad hat sich völlig entzückt der byzantinischen Schönheitskultur zugewendet, hat sie mit nervenfeiner Spürgabe aufgenommen, vorgestellt, verherrlicht - nicht ohne den heimlichen Willen, den Barbaren des technischen Zeitalters eins auszuwischen, ihnen zum mindesten eine besondere, hochgezüchtete Spielart Mensch vorzuhalten, vor der eventuell einige Punkte ihres genormten Fortschrittsgerede nachzuprüfen wären."

 

Mit "Byzanz" endet die Reihe der "wesentlichen" Werke Sir Galahads. 1938 erscheint noch der Kreuzfahrer-Roman "Bohemund", 1940 - nach ihrer Emigration in die Schweiz - eine Kulturgeschichte der Seide, 1943 der Richard-Wagner-Roman "Der glückliche Hügel". Alle drei Bücher sind geistreich und lesenswert wie alles von Sir Galahad, aber man vermißt den großen Schwung und die tiefe Durchdringung des Stoffes, die - abgelöst vom Thema - mit intuitivem Gespür den elementaren Tatsachen des Lebens nachgeht.

 

1948 starb Sir Galahad in Genf. Die Frau, die - wie der "Tagesspiegel" schrieb - "nach dem ersten Weltkrieg eine der merkwürdigsten literarischen Erscheinungen" war, ist heute vergessen. Die meisten ihrer Zeitgenossen hatten keine Ahnung, wer sich hinter dem Pseudonym des Gralsritters verbarg. Die Camouflage war geglückt und ist noch heute wirksam. Die wenigen Spuren, die sich von Bertha Eckstein-Diener noch finden lassen, verlaufen im Sande.

 

In einem Nachruf auf Sir Galahad heißt es:

"Nachdem sie die Rüstung abgelegt hat, die sie ehrenvoll getragen hat, muß dafür gesorgt werden, daß man ihr gewähre, was sie nicht begehrte: den Ruhm einer freien und redlichen literarischen Persönlichkeit. Sie hat Tennysons Verse in seinem Gedicht 'Sir Galahad' vorzüglich bewahrheitet: 'Die Kraft in mir ist zehnfach Kraft, ich berg' ein reines Herz'."

 

"Eine freie und redliche literarische Persönlichkeit"... die schönen Worte haben wenig genützt. Warum aber soll ein guter Autor vergessen werden, nur weil er unbekannt ist? Wir haben heute genug und übergenug Schriftsteller, die wohl bekannt sind. Aber die wenigsten von ihnen sind "gute" Autoren - gut im Sinne von zeitlos, sowohl was die Form als auch den Inhalt ihrer Bücher angeht. Die Frage ist nur, inwieweit Qualität heute noch interessiert. Denn die hohe Qualität eines Buches setzt eine ebenso hohe Qualität des Lesers voraus. Und Sir Galahads Bücher verlangen in der Tat einen hohen Standard an geistiger Beweglichkeit und Aufnahmebereitschaft. So wird die Schriftstellerin Sir Galahad denn wohl auch für die meisten (für die sie ohnehin nicht geschrieben hat) das bleiben, was sie immer war: die Unbekannte von der Donau.

 

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EINE RUNDFUNKBEARBEITUNG FÜR RADIO BREMEN


DAS LEBEN AUF DEM LANDE

Zwei Dutzend heitere Geschichten von einer Großstadtfamilie, die aufs Land zog und dort allerhand erstaunliche Erfahrungen machte.

 

Erlebt und erzählt von Heidelore Kluge

 

INHALT

Wie alles anfing...

Wie wir nach dem Weg fragten

Wie ich den Garten umgrub

Wie wir Hühner bekamen

Wie uns die Schwalben Glück brachten

Wie wir Kartoffeln pflanzten

Wie wir einen Schatz fanden

Wie Nachbars Schwein ausriß

Wie unsere Enten uns in Atem hielten

Wie wir Plattdeutsch lernten

Wie wir die Schafe auf die Weide brachten

Wie unsere Ferkel fotografiert werden sollten

Wie Henne Sieben kein Ei legte

Wie unsere Katze das Fürchten lernte

Wie unsere Schweine die Wanderlust bekamen

Wie unser Bocklamm ein Bock blieb

Wie wir Entenbraten essen wollten

Wie wir die Schafe schoren

Wie wir den Kirschbaum fällten

Wie ich melken lernte

Wie der Alte Fritz Schützenkönig wurde

Wie unser Schafbock vor den Richter kam

Wie der Käpt'n heimkam

... und wie es weitergeht

* * *

WIE ALLES ANFING...

Wir hatten das lärmende hektische Stadtleben gründlich satt, und so beschlossen wir eines Tages, aufs Land zu ziehen und Bauern zu werden. Wir: das sind der Alte Fritz, Mamachen und ich. Zu mir gehört auch noch der Käpt'n, aber der schippert meistens auf dem Meer herum und kommt deshalb selten vor.

 

Als Städter hatten wir es natürlich nicht immer ganz leicht, mit den Problemen des ländlichen Alltags fertigzuwerden. Und Probleme gab es in unserer neuen Umgebung genug. Wie wir alle Schwierigkeiten doch noch bewältigten und was uns sonst noch alles zustieß, das habe ich in den folgenden Geschichten zusammengetragen - den Lesern zur Erheiterung und uns zur Erinnerung an die Zeit, wo alles anfing.

 

WIE WIR NACH DEM WEG FRAGTEN

"Bitte, entschuldigen Sie", sprachen wir höflich den alten Bauern an, der am Gartentor lehnte. "Wir wollen nach Kleinenborstel. Müssen wir hier entlang fahren oder dort entlang?"

Der alte Mann nahm bedächtig seine Pfeife aus dem Mund und sagte: "Hä?"

Vielleicht war er schwerhörig?

Also fragten wir noch einmal und diesmal lauter: "Müssen wir nach Kleinenborstel hier entlang oder dort entlang fahren?"

Der alte Mann klemmte seine Pfeife wieder zwischen die Zähne und rückte seine Mütze zurecht. Dem sprachkundigen Käpt'n ging ein Licht auf. Er griente verschmitzt und Fragte: "Geiht dat na Lütjenbössel hier längs oder dor längs?"

"Dor längs", sagte der Alte und griente auch.

 

WIE ICH DEN GARTEN UMGRUB

Der Alte Fritz drückte mir einen Spaten in die Hand und schickte mich in den Garten mit dem Auftrag, diesen umzugraben. Daß ein Spaten ein gefährliches Instrument ist, stellte ich schon sehr bald fest, als dieser nämlich statt in den Erdboden in meine große Zehe fuhr, die vorwitzig aus der Sandalette hervorlugte. Von Mamachen mitleidsvoll verarztet, tauschte ich die Sandaletten gegen Stiefel aus und machte weiter.

Das war die erste Lektion.

 

Ich hatte schon ein schöner Stück Arbeit hinter mich gebracht, als der Alte Fritz dazukam und mich fragte, ob denn kürzlich eine Wildsau durch den Garten gelaufen wäre. Ich hatte eine solche nicht gesehen, aber als er mir den Spaten aus der Hand nahm, um mir zu demonstrieren, wie eine gut gegrabene Furche auszusehen hatte, kam ich der rätselhaften Wildsau auf die Spur.

Das war die zweite Lektion.

 

Bald bildeten sich auf meinen Handflächen die ersten Wasserblasen. Aufhören? Niemals! Schließlich wollte ich beweisen, daß ich auch etwas von der Landwirtschaft verstand. Also zog ich mir dicke Winterfäustlinge über und grub unverdrossen weiter.

Das war die dritte Lektion.

 

Endlich ware es geschafft. Mit krummem Rücken zwar, ansonsten aber stolzgeschwellt, betrachtete ich wohlgefällig mein Werk. So im leichten Sommerkleid, dafür aber mit Stiefeln und Handschuhen angetan, muß ich wohl recht wunderlich ausgesehen haben. Denn zwei Bauern, die gerade vorbeikamen, blieben stehen und starrten mich an. "Ne, ne, diese Städters!" sagte der eine und der andere nickte dazu.

Und das war die vierte Lektion.

 

WIE WIR HÜHNER BEKAMEN

Zu einem richtigen Bauernhof gehören Hühner - wegen der ländlichen Atmosphäre und vor allem wegen der Eier. So bekamen wir bald zwölf schwarzbraune Hennen. Sie saßen in einer Drahtkiste und beäugten uns mißtrauisch. Als wir sie herausnehmen wollten, drängten sie sich ängstlich in einer Ecke zusammen. Aber der Alte Fritz machte nicht viel Federlesens und zog eine Henne nach der anderen aus der Kiste. "Aua! Aua!" schrien die erschreckten Hühner. Es war herzzerreißend - so menschlich hörte sich das an. Aber schon nach kurzer Zeit glätteten die Hennen ihr gesträubtes Gefieder und scharrten interessiert im Sand.

 

Am anderen Morgen schlich ich erwartungsvoll in den Hühnerstall. Der Alte hatte zwar gesagt, daß die Hennen erst in einigen Wochen mit dem Legen beginnen würden, aber "Wer weiß..." dachte ich. Sachte schob ich eines der Hühner beiseite, um in das Nest sehen zu können - und sofort hackte es mit spitzen Schnabel zu. "Aua! Aua!" schrie ich. "Was tust du denn den Hühnern?" fragte der Alte Fritz, den das Geschrei herbeigelockt hatte. "Ich? Den Hühnern? - Nichts", sagte ich kleinlaut und versteckte die blutende Hand hinter meinem Rücken. Mit spöttisch geneigtem Kopf spähte die Henne aus ihrem Nest.

 

WIE UNS DIE SCHWALBEN GLÜCK BRACHTEN

"Schwalben bringen Glück", sagte ich. Aber Mamachen machte "Püh!" und betrachtete mißbilligend den weißen Fleck auf ihrer linken Schulter. Fröhlich zwitschernd flog eine Schwalbe über die Tenne. Der Käpt'n pfiff mit Ausdauer "Wenn die Schwalben heimwärts ziehen" und der Alte Fritz hatte einen Regenmantel übergezogen, denn überall auf der Tenne fielen Schwalbenkleckse. Es war eben Frühling.

 

Ein großer, böse aussehender Mann trat herein.

"Ich verlange von Ihnen, daß Sie sofort..." schrie er.

"Klacks", machte es von oben.

"Ich verlange von Ihnen, daß..." setzte er noch einmal an.

"Klacks", machte es wieder.

"Ich verlange..."

"Klacks!"

Fröhlich zwitschernd flogen die Schwalben aus und ein.

"Igittigitt!" rief der große, böse aussehende Mann und verschwand.

Wir haben nie erfahren, was er Unangenehmes verlangen wollte. Schwalben bringen Glück.

 

WIE WIR KARTOFFELN PFLANZTEN

"Es ist Zeit", sagte der Alte Fritz, "Kartoffeln zu pflanzen. Und zwar zwei Morgen. - Du", er zeigte auf mich, "besorgst Pflanzkartoffeln". Ich kletterte gehorsam ins Auto und fuhr davon.

 

Aber das Frühjahr war wohl schon zu weit fortgeschritten, denn überall, wo ich nachfragte, befanden sich die Pflanzkartoffeln bereits dort, wo sie hingehörten: in der Erde. Endlich wurde ich an einen Bauern verwiesen, der das begehrte Saatgut noch in genügender Menge vorrätig hätte. Der Hof des Bauern war schnell gefunden, der Bauer selbst allerdings nicht. Auf dem und dem Feld werde er sein, meinte die Bäuerin, und ich fuhr zu dem und dem Feld. Kein Bauer weit und breit. Nach längerem Nachdenken erklärte die nachmals befragte Bäuerin, wenn der Bauer nicht auf dem und dem Feld sei, dann könne er nur auf dem anderen Feld sein, und beschrieb mir den Weg. Um dort hinzugelangen, waren grausliche Feldwege zu überwinden, wobei das Autochen, an gepflegte Stadtstraßen gewöhnt, mißtönig protestierte. Den Bauern sah ich gerade noch quer Acker Richtung Hof verschwinden.

 

Dort war er glücklicherweise noch, als ich wieder eintraf.

"Wir brauchen Saatkartoffeln", murmelte ich erschöpft und betrachtete die Stellagen. Die Kartoffeln waren recht klein, als würde ein Sack wohl genug sein. "Ein Zentner wird wohl reichen für einen Morgen", fügte ich deshalb großspurig hinzu.

"Na, dann man to", griente der Bauer und füllte mir einen Sack ab.

 

"Dann man zu", sagte der Alte Fritz, nahm den Sack und schickte mich gleich wieder los. Vorher zeigte er mir noch, wie groß zwei Morgen sind.

 

WIE WIR EINEN SCHATZ FANDEN

Beim Gartenumgraben stieß ich plötzlich auf etwas Hartes. Es gab einen metallischen Klang und eifrig grub ich weiter, den Kopf voller abenteuerlicher Ideen von vergrabenen Schätzen. Endlich hatte ich einen kleinen, eisenbeschlagenen Kasten freigelegt. Klopfenden Herzens betrachtete ich ihn und rief dann aufgeregt die Familie zusammen: "Alle mal herkommen! Ich habe einen Schatz gefunden!"

Mamachen und der Alte Fritz kamen herbeigeeilt und nahmen die Schatztruhe in Augenschein.

"Scheint ziemlich alt zu sein", meinte der Alte Fritz ernsthaft und kniff fachkundig die Augen zusammen, während Mamachen und ich uns in Mutmaßungen darüber ergingen, was der geheimnisvolle Kasten wohl enthalten könnte. Inzwischen hatte sich der Alte Fritz eingehend mit dem verrosteten Schloß beschäftigt.

"Wir werden den Kasten aufbrechen müssen", sagte er und wir folgten ihm gespannt in die Werkstatt. Dort stellte sich allerdings heraus, daß die soliden Beschläge dem Brecheisen durchaus standhielten.

"Da ist bestimmt etwas Wertvolles drin", sagte ich und hielt den Atem an, als der Alte Fritz nun die Axt zur Hand nahm. Einige krachende Schläge und das Holz zersplitterte.

"Dann seht euch euren Schatz mal an!" rief der Alte Fritz und brach in dröhnendes Gelächter aus.

Wir traten begierig näher und beugten uns über den Kasten. Auf verschossenem roten Samt waren da die Überreste eines kleinen Vogels zur letzten Ruhe gebettet worden.

Enttäuscht und ein bißchen beschämt sahen Mamachen und ich uns an und versenkten dann die Schatzkiste samt Inhalt stillschweigend unter einem Rhododendronbusch.

 

WIE NACHBARS SAU AUSRISS

Ich lag mitten auf der Frühlingswiese und träumte vor mich hin. Schweine sollten wir haben - schöne, rosafarbene, zufriedene Schweine. Aber dafür langte im Moment das Geld wohl noch nicht. Später einmal... Plötzlich stubste mich jemand am Bein und als ich die Augen öffnete, stand doch tatsächlich und in Lebensgröße ein schönes, rosafarbenes und zufriedenes Schwein vor mir. Ich sah mich ganz verwirrt um. Schweine fielen doch nicht einfach vom Himmel! Gant vorsichtig, um das Schwein nicht zu erschrecken, stand ich auf. Es war aber ganz zutraulich und als ich langsam vorausging, kam es - wie selbstverständlich - hinterhergetrottet. Ich glaubte, noch zu träumen. Denn so prompt wurden Wünsche im täglichen Leben doch nicht erfüllt!

 

Im Stall streute ich eine Bucht dick mit Stroh ein. Das Schwein schien sich ganz zu Hause zu fühlen, und ich konnte mein Glück kaum fassen. Da hörte ich eine Stimme vor dem Haus, die mich schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbeförderte. Es war der Nachbar. Ihm sei ein Schwein ausgerissen, sagte er, und er könne es nirgends finden. Schweigend öffnete ich die Stalltür.

 

Dreimal wiederholte Nachbars Schwein seinen "Fluchtversuch". So gaben wir alle das Rauchen auf, und nun gehört das schöne, rosafarbene, zufriedene Schwein uns.

 

WIE UNSERE ENTEN UNS IN ATEM HIELTEN

"Gib! gib! gib! gib!" forderten zwei Dutzend kleine Schnäbel und die Entenküken - goldgelbe kleine Federknäule - wuselten aufgeregt in ihrem Karton herum, den sie nachtüber bewohnten. Sofort liefen wir nach Brennesseln und hartgekochten Eiern, um die hungrigen Gemüter zu beruhigen. Kleine Enten können ganz unheimlich futtern.

 

Eines Morgens war der Karton, der in einem Abstellraum stand, leer. Unser erster, schrecklicher Gedanke war: die Katze! Aber alle Türen und Fenster waren fest verschlossen. Wo waren die armen Entchen nur hingekommen? Da hörten wir aus der Ecke, wo wir unsere Arbeitsschuhe aufbewahrten, ein leises Piepsen. Und richtig: da saßen die goldgelben Schelme - in jedem Schuh drei, vier - und reckten vergnügt ihre kleinen Hälse. Aber als wir sie wieder einsammeln wollten, marschierte der Großteil einfach davon durch die offenstehende Tür und gingen auf Kundschaft aus. Unter Betten, hinter Gardinen, in Blumentöpfen, kurzum: an allen möglichen und unmöglichen Orten mußten wir unsere Entenküken zusammensuchen. Endlich saßen alle wieder in ihrem Karton und wir glaubten, uns ein kräftiges Frühstück redlich verdient zu haben. Aber "gib! gib! gib!" forderten zwei Dutzend kleine Schnäbel. Und so liefen wir nach Brennesseln und hartgekochten Eiern und fütterten erst einmal unsere Ausreißer, denen ihr kleines Abenteuer ebenfalls Appetit gemacht hatte.

 

WIE WIR PLATTDEUTSCH LERNTEN

"Ihr habt einen Bauernhof, wie schön!" sagten die Leute in der Stadt. "Wir werden euch besuchen."

"Aber gewiß doch", sagten wir, denn wir sind höfliche Menschen.

Hupende Autos, Transistorradios, Leute die zu laut lachten und zu viel redeten - um davon auch hier verfolgt zu werden, waren wir nicht aufs Land gezogen. Nein, ganz bestimmt nicht.

Aber: "Gewiß doch, kommen Sie gern", hatten wir gesagt.

"Wie heißt denn der Ort, in dem ihr wohnt?" fragten die Leute in der Stadt.

Der Alte Fritz hatte einen kostbaren Einfall.

"Lütjenbössel", sagte er, ohne eine Miene zu verziehen, "wir wohnen in Lütjenbössel".

Was ja auch stimmt, obwohl auf dem Ortsschild "Kleinenborstel" steht.

Inzwischen lernen wir alle begeistert Plattdeutsch, denn uns ist der Nutzen dieser Sprache aufgegangen: bisher haben nämlich die Leute aus der Stadt Lütjenbössel noch nicht auf ihren Straßenkarten entdecken können.

 

WIE WIR DIE SCHAFE AUF DIE WEIDE BRACHTEN

Bevor wir aufs Land zogen, hatte ich irrtümlich angenommen, Schafe seien friedliche, sanfte und geduldige Kreaturen. Nun aber gewann ich einen tieferen Einblick in die durchaus nicht friedliche, sanfte und geduldige Natur dieser wolligen Geschöpfe. Zwei umfangreiche Mutterschafe waren in unserem Stall eingetroffen und verlangten lautstark nach Auslauf. Dieser sollte ihnen nicht vorenthalten werden, aber die Schwierigkeit bestand darin, daß der für sie vorgesehene Weideplatz am anderen Ende des Geländes lag und die Schafe bis dorthin geführt werden mußten.

 

Mit Riemen und Stricken ausgerüstet, betraten wir den Stall. Mißtrauisch drängten sich die Schafe in einer Ecke aneinander, und nur mit Mühe gelang es uns, die Riemen um ihre Hälse zu legen und die Stricke daran zu befestigen. Als den Tieren aber mit einem sanften Ruck bedeutet wurde, daß sie sich doch - bitte! - in Bewegung setzen möchten, stemmten sie die Beine fest in den Boden und blieben stur. Wahrscheinlich hatten sie beschlossen, unter diesen Umständen auf ihren Weidegang zu verzichten. Indem Mamachen und der Alte Fritz vorne zogen und ich von hinten nachschob, gelang es uns schließlich doch noch, die Schafe an die frische Luft zu bugsieren.

 

Jetzt wurden die beiden richtig rabiat, bockten und zerrten, stellten sich auf die Hinterbeine, wälzten sich im Gras und waren kaum noch zu bändigen. Auf diese Art und Weise, die mehr einem Rodeo als einem harmlosen Schäferspiel glich, gelangten wir kugelnd und rollend in die Nähe der Koppel. Hier änderten die Untiere wiederum ihre Meinung und fanden unsere Art, sie auf die Weide zu befördern anscheinend zu zeitraubend, denn sie zerrissen mit ihren starken Halsmuskeln die Riemen und sprangen kurzerhand über den Zaun, obwohl das Weidetor einladend offenstand. Daß das arme Mamachen dabei ebenfalls über den Zaun geschleudert wurde und auf der anderen Seite stöhnend zu Bauche ging, kümmerte sie nicht. Unsere Schafe steckten ihre Nasen tief ins Gras und boten den trügerischen Anblick tiefsten Friedens.

 

WIE DIE FERKEL FOTOGRAFIERT WERDEN SOLLTEN

Schweine, wenn sie noch sehr jung sind, sind unwiderstehlich. Und sehr lebhaft. So auch unsere Ferkel, die ich seit drei Tagen vergeblich für meine Chronik bäuerlichen Lebens zu fotografieren versuchte. Die kleinen Biester wollten einfach nicht stillhalten. So kam ich denn auf den Gedanken, mit einem der Glücksschweinchen auf dem Arm für ein Foto zu posieren und beredete den Alten Fritz so lange, bis er - wenn auch knurrend - einwilligte, die Aufnahme zu machen.

 

Nach langem Suchen glaubte ich, das schönste Ferkel herausgefunden zu haben. Es ließ mich auch ganz zutraulich herankommen, aber als ich es hochheben wollte, sträubte es sich energisch und schien von der ganzen Sache noch weniger zu halten als der Alte Fritz. Das Tierchen quiekte und zeterte zum Erbarmen, und es half auch nichts, daß ich ihm gütlich zuredete und ihm ein langes Leben versprach. Das Ferkelchen strampelte und wand sich, bis es mir schließlich entwischte und dem Alten Fritz, der soeben mit dem Fotoapparat zur Stalltür hereinkam, stracks zwischen die Beine rannte, sodaß dieser Gleichgewicht und Apparat verlor und der Länge nach hinschlug. Das erschreckte Ferkel trottete umgehend und ganz sanftmütig in seine Bucht zurück, wo es von seinen Artgenossen neugierig beschnuppert wurde.

 

Ich half dem Alten Fritz auf die Beine, der Fürchterliches vor sich hinbrummte und mich keines Blickes würdigte. Den Gedanken, ihn nochmals für ein solches Unternehmen gewinnen zu können, gab ich als hoffnungslos auf.

 

WIE HENNE SIEBEN KEIN EI LEGTE

Unsere Hennen heißen Eins bis Zwölf. Wir hatten sie als Junghennen gekauft uns warteten nun voll Ungeduld darauf, daß sie ihren Daseinzweck, nämlich frische Frühstückseier zu produzieren, erfüllten. Morgen für Morgen sah ich gespannt in allen Nestern nach, aber alle Nester waren Morgen für Morgen leer. Ich fand es allmählich deprimierend, zwölf Hennen zu füttern, ohne dafür eine Gegenleistung in Gestalt von auch nur einem einzigen Ei zu erhalten.

 

Einer Morgens aber gackerte mit Henne Sieben von ihrem Nest aus bedeutungsvoll entgegen. Hatte sie...? Sie hatte. Ein wirklich prachtvolles Ei lag im Nest. Ich nahm es vorsichtig heraus und legte es triumphierend auf den Frühstückstisch. "Henne Sieben hat das erste Ei gelegt", verkündete ich strahlend und konnte nicht begreifen, warum die ganze Familie in Gelächter ausbrach.

 

Erst als ich mir - sozusagen als Finderlohn - das Ei in die Pfanne schlagen wollte, erkannte ich meinen Irrtum und legte kleinlaut das Tonei in Henne Siebsn's Nest zurück.

 

WIE UNSERE KATZE DAS FÜRCHTEN LERNTE

Mamachen liebt Tiere. Allerdings unter einem Vorbehalt: Mamachen liebt Tiere bloß, wenn sie sich dort befinden, wo sie hingehören. Und in die Wohnung gehören Tiere nun ganz bestimmt nicht, findet Mamachen. Denn das sei unhygienisch.

 

Solche Ansichten allerdings teilte Mauz, unsere Katze, nicht. Da hatten ihre Menschen nun stundenlang auf der Tenne mit ihr gespielt, und dann gingen sie plötzlich fort und schlugen die Tür vor ihrer Nase zu. Es wollte nicht in Mauzens hübsches Köpfchen, daß sie draußen zu bleiben hatte. Also nutzte sie jede Gelegenheit und jede offenstehende Tür, um zu ihren Menschen zu gelangen. Jedesmal wurde sie ebenso sanft wie bestimmt wieder hinausbefördert. Aber Mauz begriff immer noch nicht.

 

Eines Tages schlüpfte sie durch die offenstehende Küchentür und saß, als Mamachen hereinkam, behaglich schnurrend auf dem Kühlschrank. Mamachen ging sogleich mit erhobenem Schrubber auf die erschrockene Mauz los. Eine Katze in der Küche! Wahrscheinlich sah Mamachen schon die ganze Familie, an verschluckten Katzenhaaren laborierend, daniederliegen.

 

Mauz, die das Bedrohliche des erhobenen Reinigungsinstruments wohl schon aus Erfahrung kannte, wollte ihr Heil nun in der Flucht versuchen. Aber - jetzt war die Küchentür geschlossen. So verkroch sie sich unter dem Tisch, wo sie jedoch sogleich wieder hervorgestöbert wurde. Auch auf dem Schrank war ihr Bleibens nicht lange. Endlich vermeinte ihr nun vollends verwirrtes Katzenhirn im Fenster eine Fluchtmöglichkeit entdeckt zu haben. Mit einem todesmutigen Sprung sprang Mauz in die Gardine und krallte sich dort fest. Aber der dünne Stoff riß unter ihrem Gewicht und pardauz! landete das Kätzchen in Mamachens liebevoll gehegter Kakteensammlung.

"Krawau! Krawau!" schrie Mauz in panischem Entsetzen, fühlte sich am Nackenfell hochgehoben und an die frische Luft befördert. In der Wohnung ließ Mauz sich nach dieser dornenreichen Erfahrung nicht wieder blicken. Und wenn sie Mamachen auch nur von ferne auftauchen sieht, rennt sie um ihr Leben. Dabei liebt Mamachen Tiere. Aber eben nur dort, wo sie hingehören.

 

WIE UNSERE SCHWEINE DIE WANDERLUST BEKAMEN

Aus unseren hübschen kleinen Ferkeln waren ebenso hübsche Läuferschweine geworden, die einen beängstigenden Betätigungsdrang entwickelten. Ihr Tagesablauf sah etwa so aus: Erst einmal sahen sie nach, ob Wäsche auf der Leine hing und ob diese erreichbar war. Denn Wäschestücke jeder Art waren ihr liebstes Spielzeug. Dann ärgerten sie beiläufig Pascha, den Herrn des Hühnerhofes, der geduckt und wütend am Zaun entlang lief und die rosa Ungetüme von ganzem Hahnenherzen haßte. Als nächstes wurde die Katze gejagt, und wenn diese nicht mehr mitspielen wollte, hielten die Schweine Ausschau, ob sich nicht einer der Menschen sehen ließ, den man ein bißchen stupsen und um einen Apfel anbetteln konnte. Waren alle diese Möglichkeiten ausgeschöpft, gingen die Schweine auf Wanderschaft. Kein Zaun war ihnen zu fest, keine Tür war ihnen ein wirkliches Hindernis. Sogar ins Haus drangen sie in unbeobachteten Augenblicken ein, und mehr als einmal mußten wir sie aus der Halle oder aus dem Badezimmer vertreiben, wo sie neugierig herumschnoberten.

 

Eines Tages hörten wir von der Schweinekoppel her ein verzweifeltes Quieken. Nur eines der Schweine war zu sehen. "Wo sind denn deine Brüder?" fragte ich, und das Schweinchen trottete zum Stall, quiekte einmal kurz und anklagend auf, und trabte dann zum Zaun. Dort blieb es stehen und sah uns erwartungsvoll an. Und richtig: auf der angrenzenden Weide grasten die übrigen Schweine friedlich inmitten unserer Schafherde. Das kluge Schweinchen, das brav daheim geblieben war, erhielt einen freundlichen Klaps und eine Mohrrübe. Dann sortierten wir die anderen Schweine aus der Schafherde heraus. Mit hängenden Ohren und sichtlich schlechtem Gewissen trotteten sie zurück auf ihre Koppel. Das kluge Schweinchen, das sie "verpetzt" hatte, würdigten sie allerdings keines Blickes.

Dieses aber, seit es wußte, daß seine Aufmerksamkeit mit Sonderrationen belohnt wurde, hielt uns auch weiterhin über die Fluchtpläne seiner Artgenossen auf dem laufenden.

 

WIE UNSER BOCKLAMM EIN BOCK BLIEB

"Eigentlich", sagte der Alte Fritz eines Tages, "eigentlich ist es unzweckmäßig, für eine so kleine Herde einen Bock zu halten". Dabei betrachtete er nachdenklich unser Bocklamm Max, das - nach Halbstarkenmanier alles über den Haufen stoßend, was sich ihm in den Weg kam - auf der Weide herumtollte. "Na, dann soll der Tierarzt kommen und einen Hammel aus ihm machen".

 

Bevor es aber so weit war, mußte Max erst einmal eingefangen werden. Und das war nicht ganz einfach. Wir versuchten, ihn mit Hafer zu locken, aber Max interessierte sich mehr für das Gras am anderen Ende der Koppel. Wir versuchten, ihn einzukreisen, aber Max fand eine Lücke und entwischte. Wir trieben die Schafe in den Stall und versuchten, Max dort herauszugreifen, aber er sprang elegant über alle Hürden und verkroch sich hinter einem Holzstoß. Dort konnten wir den kleinen Wildling endlich dingfest machen. Max wurde bis zum Eintreffen des Tierarztes in eine leere Bucht des Schweinestalles gesperrt.

 

"Böh!" rief seine Mutter Suse von der Weide her. "Bäh!" antwortete Max mit seiner dünnen Halbstarkenstimme aus dem Stall. Das "Böh!" - und "Bäh!" - Geschrei hielt eine Zeitlang an. Dann herrschte plötzlich Ruhe. Mutter und Sohn schienen ihren Trennungsschmerz überwunden zu haben. Der Tierarzt kam und wurde in den Stall geführt. Aber - Max war nicht mehr da. Er grast schon längst wieder mit den anderen Schafen auf der Koppel. Ein Sprung über die Mauer seiner Bucht hatte ihn für heute vor dem schmählichen Hammeldasein bewahrt.

Für heute?

 

"Eigentlich", sagte der Alte Fritz mit einem nachdenklichen Blick auf die offene Stalltür, "eigentlich ist es ganz zweckmäßig, einen eigenen Bock zu haben".

 

WIE WIR ENTENBRATEN ESSEN WOLLTEN

Aus den kleinen goldgelben Entenküken waren in wenigen Wochen behäbig watschelnde, voll ausgewachsene Enten geworden. Immer häufiger wurde nun im Familienkreis das Thema "Sonntagsbraten" im Zusammenhang mit unseren gefiederten Freunden besprochen, und uns allen lief bereits bei diesem Wort das Wasser im Munde zusammen.

 

Eines Sonntagsmorgens griff der Alte Fritz ein Beil und dann eine der arglos schnatternden Enten. Bangen Herzens und mit abgewandtem Blick warteten wir anderen auf den Fortgang der Ereignisse. Aber es gab keine Ereignisse, denn aufseufzend ließ der Alte Fritz Beil und Ente sinken. "Ich bringe es nicht fertig", knurrte er grimmig und versuchte vergeblich, den Käpt'n zu der schlimmen Tat zu bereden. Aber dieser sah auf einmal ganz blaß aus und fand, daß Entenbraten ohnehin zu fett und damit der Gesundheit abträglich sei.

 

Frohen Herzens genossen wir zum Mittagessen fleischlose Kost, bestehend aus Rotkohl und Kartoffeln. Und wenn es bei uns einmal Entenbraten gibt - dann nur tiefgekühlt aus dem Kaufhaus.

 

WIE WIR DIE SCHAFE SCHOREN

"Ein- bis zweimal im Jahr müssen die Schafe geschoren werden", stand in dem landwirtschaftlichen Handbuch. Der Alte Fritz kaufte eine Schafschere, klemmte sich eines der Schafe zwischen die Knie und sah mich erwartungsvoll an. Gehorsam durchblätterte ich das Buch. "Auf Seite 311 steht: Die Wolle wird als ganzes Vlies abgeschoren." "Aha", sagte der Alte Fritz und begann zu scheren. Aber das Schaf wollte nicht stillhalten und so kam durchaus nichts Vliesartiges zustande. Als das Schaf halb geschoren war, hatte es den eingeklemmten Zustand satt und entwischte. Schimpfend versuchten wir, den Ausreißer wieder einzufangen, aber es gelang uns nicht. Jappend lehnten wir am Zaun und berieten, wie wir das Tier, das dort halb schlicht, halb kraus auf der Weide herumlief, zur Fortsetzung der Prozedur bewegen könnten. Da bemerkten wir, daß das Schaf beim Grasen stets die wollige Seite gegen den Wind kehrte. "Oh" sagte ich und "Ah" sagte der Alte Fritz.

 

Seitdem scheren wir immer erst die eine Seite des Schafes, und erst, wenn die Wolle hier nachgewachsen ist, auch die andere Seite. Auf diese Weise brauchen unsere Schafe nie mehr zu frieren.

 

WIE WIR DEN KIRSCHBAUM FÄLLTEN

Zuckersüße, saftigrote Kirschen hingen an dem Baum. Aber leider nur an seiner Spitze, denn der Kirschbaum war krank und schon halb abgestorben. Deshalb beschlossen wir, da der Baum sowieso fallen mußte und außerdem die Spatzen und die Stare ein allzu großes Interesse an seinen Früchten zeigten, ihn abzusägen und so der verbleibenden Kirschen auf leichter Art habhaft zu werden.

 

Wir waren mitten im schönsten Ernten, wobei mehr Kirschen ihren Weg in den Mund als in den Korb fanden, als der Nachbar vorbeikam. Mit erstaunten Augen betrachtete er unser Tun und Treiben. "Ja", lachte ich, "so geht das Ernten leichter!" und bot ihm eine Handvoll Kirschen an. Kopfschüttelnd trottete er von dannen und am Abend schüttelten bereits sämtliche Dorfbewohner ihre Köpfe: "Ne, ne, disse Städters! Nu fällt se den Kirschboom, um lichter ernten to können!"

 

WIE ICH MELKEN LERNTE

Meine Hände waren angewärmt und rochen angenehm nach Melkfett. Der Melkeimer strahlte vor Sauberkeit und mein Gesicht vor Eifer. Marie-Luise wandte mißtrauisch den Kopf und betrachtete mich mit ihren unergründlichen Kuhaugen.

"Wird schon gehen", nickte ich ihr überzeugend zu und demonstrierte in der Luft die eingeübten Melkgriffe. "Siehst du? Ich kann's."

Zweifelnd rasselte Marie-Luise mit der Kette. Ich nahm Platz und tastete nach ihrem Euter.

"Schlapp!" fuhr mir Marie-Luise nicht sehr reinliche Schwanzquaste übers Gesicht.

"Na, na", sagte ich besänftigend und griff energischer zu. Zudrücken, loslassen, zudrücken, loslassen... herrlich weiße Milch schäumte in den Eimer. Melken war ein Kinderspiel!

"Schlapp!" machte Marie-Luises Schwanzquaste und ihre braunen Augen funkelten. "Schlapp! Schlapp!"

"Du Rindvieh!" sagte ich und "Schlapp!" antwortete mir die Schwanzquaste der solchermaßen Angeredeten.

"Na warte", dachte ich, ergriff den Kuhschwanz und band ihn mit einem Bindfaden an ihr Hinterbein. Nun war Schluß mit dem Schwanzwedeln. Marie-Luise schaute mich unverwandt an und ihr Blick schien mir etwas Hinterlistiges zu haben, aber sie stand still und ich konnte meine Arbeit mühelos beenden. Aufatmend band ich ihren Schwanz los, sagte "Brav, brav" und wollte aufstehen. Ganz sachte setzte Marie-Luise ihren Hinterfuß vor, stieß sanft gegen den Eimer, dessen Inhalt sich ins Stroh ergoß, versetzte mir "Schlapp!" noch rasch eins mit der Schwanzquaste und wandte sich dann mit einem zufriedenen "Muhuh!" ihrem Heu zu.

 

WIE DER ALTE FRITZ SCHÜTZENKÖNIG WURDE

Richtig anerkannt - zwar nicht gerade als Landwirt, aber wenigstens als Mensch - wird man auf dem Dorf erst, wenn man mit den Bauern zusammen gegessen und getrunken hat. Ein ausgiebiges Schützenfest gab uns endlich Gelegenheit, uns diese Anerkennung zu verdienen.

 

Das ganze Dorf hatte sich zusammengefunden mit dem festen Vorsatz, sich nach Strich und Faden zu amüsieren. Nachdem man herzhaft gegessen und noch herzhafter getrunken hatte, verlagerte sich der Schwerpunkt des Interesses auf die Schießhalle. Der Alte Fritz tat sich hier zum Erstaunen aller - nicht zuletzt seiner selbst - ganz besonders hervor, obwohl auch er nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stand. Und ehe das händeringende Mamachen es noch verhindern konnte, wurde er zu vorgerückter Stunde begeistert als neuer Schützenkönig begrüßt.

"W-war doch nicht sch-schwer, aus den vielen Sch-scheiben eine zu treffen", wehrte er bescheiden ab, worauf der Jubel noch größer wurde.

 

Eine reine Freude war dieses Ereignis allerdings nicht. Das ganze Dorf mußte nun mit Freibier versorgt werden, weshalb wir die bereits bestellten neuen Zäune wieder abbestellten und der Alte Fritz uns feierlich versprechen mußte, nie wieder Schützenkönig zu werden.

 

WIE UNSER SCHAFBOCK VOR DEN RICHTER KAM

Ein Richter war es eigentlich nicht, sondern eine ganze Kommission von Schafzuchtexperten, der wir unseren Schafbock vorzuführen hatten. Max war mittlerweile erwachsen geworden und sollte vor der Körkommission beweisen, daß er das Zeug dazu hatte, Urheber einer neuen Generation von Schafen zu werden.

 

Schon Wochen vor dem Großen Tag hatten wir damit begonnen, Max die nötige Etikette beizubringen. Endlich war es soweit, daß er sich willig führen und auf das Vorteilhafteste vorstellen ließ. Seine Hufe waren geschnitten und sein Fell von jedem anhaftenden Strohhälmchen befreit worden. Das Auto stand bereit. Der Alte Fritz wollte Max auf dem Rücksitz verstauen, wo er ihn während der Fahrt festzuhalten gedachte. Aber Max war mit dieser Maßnahme nicht einverstanden und weigerte sich entschieden, auch nur einen seiner zierlichen Hufe in den Wagen zu setzen. Wir steckten ihn deshalb kurzerhand in einen großen Sack, so daß nur noch sein dicker Kopf herausschaute. Auf diese Weise war er wenigstens einigermaßen zu bändigen, und die Fahrt verlief ohne Hindernisse.

 

Aber kaum hatten wir, am Ziel angekommen, Max aus seiner Zwangsjacke befreit, als sein bockiges Temperament mit ihm durchging. Er riß sich los und war mit wenigen Sätzen in der Menschenmenge verschwunden, die den Richtertisch umstand. Poltern, wehklagende und erschreckte Schreie - der Tisch stand nicht mehr und die Herren von der Körkommission saßen nicht mehr. Wir hätten am liebsten so getan, als ginge uns diese peinliche Aufführung nichts an, aber Max kam freudig blökend zu uns zurückgesprungen und drängte sich an uns.

 

Wie es kam, daß weder wir noch Max vom Platz gewiesen wurden, ist mir unbegreiflich. Als man uns zur Vorführung aufrief, wurden wir von den Zuschauern sogar noch mit lang anhaltendem Beifall begrüßt. So blieb auch den Richtern nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

 

WIE DER KÄPT'N HEIMKAM

Nach langen Monaten auf See sollte der Käpt'n endlich nach Hause kommen. Wir putzten die Fenster, weißten die Ställe, harkten die Wege - kurzum: wir bereiteten alles für einen gebührenden Empfang vor.

 

Aber dann ging alles schief. Gerade als der Käpt'n eintraf, fiele es unserem Nachbarn ein, Jauche zu fahren. Vom Fliederduft aus unserem Garten war nichts mehr zu bemerken. Unsere Schweine, die wir stolz vorzeigten, waren eben aus der Suhle gekommen und rieben sich nun zutraulich an des Käptn's frischgebügelter Uniformhose. Zischend und mit drohend gespreizten Flügeln ging der Ganter auf ihn los, und Max, der Schafbock, stieß den Käpt'n nachhaltig in die Kehrseite. Die Schwalben setzten einen Klecks auf seine Mütze und dann stolperte er auch noch über die Ranken des Himbeerstrauches.

 

"Na", sagte der Käpt'n, als er sich von den Himbeerranken befreit, den Klecks von seiner Mütze entfernt und seine Hosen halbwegs abgeklopft hatte, "na, und ich dachte immer, wir wären aufs Land gezogen, weil es hier so ruhig und friedlich ist".

"Das ist es doch auch!" riefen wir voll Überzeugung und eilten davon, um die Schweine aus dem Gemüsegarten zu vertreiben und der Kuh beim Kalben zu helfen.

 


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