Kinder/Jugend

Für die Kinder:

 

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Tilla mit dem bunten Auge

Was wäre wenn...

Pro Europa Nova

 


 

Buchtitel:  Das wissensdurstige Gespenst

 

Buchform: Kinderbuch mit Illustrationen, Karton

© by 1978 Zweipunkt-Verlag KG, Neu Isenburg

ISBN 3-88168906-0

 

 

 

 

Leseprobe

...

Eine richtige kleine Bibliothek haben die beiden schon; und jedes Buch steht ordentlich an seinem Platz, so daß Katja und Markus es gleich finden können.

Eines Tages stellen die beiden fest, daß ein Buch spurlos verschwunden ist.

...


 

Buchtitel: Der Engel, der immer zu spät kam

Buchform: Kinderbuch mit Noten, Karton

© by Dr. Heinrich Buchner Verlag, Krailling

 

 

 

 

 

Aus dem Inhalt

Ein musikalisches Weihnachtsspiel für Kinder in vier Szenen.

Musik: Johannes Hirt

(auf Liedertexte und Noten verzichte ich in diesem Fall)

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Tilla mit dem bunten Auge

1.Geschichte

..in der ihr Tilla kennenlernt.

 

Eigentlich ist an Tilla gar nichts Besonderes dran. Wie alle anderen Kinder spielt und lacht sie gern, und wie alle anderen Kinder ist sie immer zu übermütigen Streichen aufgelegt. Aber wenn man Tilla genau ansieht - ganz genau, meine ich - dann bemerkt man, daß doch etwas Besonderes an ihr ist. Tilla hat nämlich rechts ein blaues Auge, und das linke Auge leuchtet in allen Regenbogenfarben. Die anderen Kinder finden Tillas buntes Auge mächtig interessant und können gar nicht genug darüber staunen. Wie würden sie aber erst staunen, wenn sie wüßten, daß Tilla mit ihrem bunten Auge zaubern kann! Aber das erzählt Tilla den Kindern nicht, denn die würden es ja doch nicht glauben. - Mit Tillas Auge ist das so: Wenn sie ihr blaues Auge zuhält oder zusammenkneift und nur durch ihr buntes Auge blinzelt, dann erlebt sie unglaubliche Dinge. Mit einem bunten Auge kann man nämlich vieles sehen, was mit einem blauen, grauen, grünen oder braunen Auge unsichtbar bleibt. Deshalb hat Tilla auch nie Langeweile. Sie braucht nur ihr blaues Auge zuzumachen - und schon ist sie mittendrin in einem kunterbunten Abenteuer!

* * *

5.Geschichte

...in der Tilla auf den Jahrmarkt geht.

 

Jahrmarkt! Gibt es etwas Herrlicheres als einen Jahrmarkt? Dieses wunderbare Gedränge und Gewühle, diese vielen zauberhaften Düfte und Gerüche, diese lustige Musik und dieser ohrenbetäubende Lärm!

Tilla weiß gar nicht, wo sie zuerst hinsehen soll. Sie darf in vielen Karussells fahren, sogar in der Achterbahn. Dort wird einem so schön komisch im Magen, wenn es mit rasender Geschwindigkeit plötzlich ganz tief hinuntergeht, und man muß vor Aufregung ganz laut schreien. Am schönsten aber ist das Kinderkarussell mit den hübschen Holzpferdchen. Immer wieder bettelt Tilla: "Noch mal! Noch mal!" Dann setzt der Vater sie lachend auf den geschnitzten Sattel des Schimmels, und die Fahrt beginnt von neuem.

"Ach, wenn es doch nicht immer nur im Kreis herumginge", denkt Tilla. "Wie schön müßte es sein, mit diesem wunderschönen Pferdchen mitten durch die Stadt zu reiten!"

"Hallo!" ruft Tilla. "Warum nicht?"

Und schnell kneift sie ihr blaues Auge zu. Ein Satz - der Schimmel springt vom Karussell herunter und trabt lustig wie­hernd quer über den ganzen Jahrmarkt. Die Leute schlagen erstaunt die Hände zusammen und sehen der fröhlichen kleinen Reiterin nach.

Tilla lenkt ihren Schimmel nun in die Stadt. Das ist ein Spaß, einmal alles von oben betrachten zu können!

Von ihrem Karussellpferdchen kann Tilla nun einmal auf die Erwachsenen herabsehen. Als sie an einem Schutzmann vorbeireitet, nimmt sie ihm übermütig die Mütze vom Kopf und setzt sie sich selbst auf. Darüber staunt der Polizist so sehr, daß er den Mund aufklappt und ihn erst wieder zumacht, als Tilla und ihr Schimmel schon längst wieder verschwunden sind.

Tillas Pferdchen bewegt sich auf einmal viel langsamer als zu Anfang des fröhlichen Rittes. Schnell macht sie ihr blaues Auge wieder auf. Wie schade, die Karussellfahrt ist schon zu Ende! Tilla setzt dem Holzpferdchen noch rasch die Polizistenmütze auf und springt dann herunter.

"War's schön?" fragt der Vater.

"Wunderschön!" sagt Tilla.

* * *

 

8.Geschichte

...in der Tilla auf große Fahrt geht.

 

In den Ferien fährt Tilla mit ihren Eltern an die Nordsee. Das macht Spaß: Jeden Tag baden, Sandburgen bauen, Muscheln sammeln. Am liebsten aber beobachtet Tilla die großen Schiffe, die weit am Horizont vorüberziehen. Einmal auf einem solchen Schiff zu fahren - nach Afrika oder Amerika -, das ist Tillas größter Wunschtraum. Deshalb drückt sie schnell ihr blaues Auge zu - und schon ist ihr Wunsch erfüllt. Ringsum ist weit und breit nur Wasser zu sehen, und mittendrin fährt Tilla auf einem wunderschönen weißen Schiff. "Wohin geht die Reise?" fragt sie den Kapitän. "Nach Ägypten, sagt der. "Prima!" freut sich Tilla. "Und wann sind wir da?" "Tja - das kann man nie so genau sagen." "Warum denn nicht?" wundert sich Tilla. Der Kapitän zeigt auf die dicken grauen Wolken, die immer größer werden. "Na, weil man zum Beispiel Unwetter bekommen kann", sagt er. Und richtig: Kurze Zeit später hat sich der ganze Himmel verdunkelt. Es beginnt zu regnen, und ein starker Sturm kommt auf. Das schöne weiße Schiff schaukelt von einer Seite auf die an­dere. Manchmal sind die Wellen so hoch, daß sie über das Deck des Schiffes schlagen. Tilla hält sich krampfhaft am Geländer des Schiffes fest. Sie hat große Angst, und fürchterlich schlecht ist ihr auch. "Herr Kapitän!" ruft sie. "Helfen Sie mir doch, Herr Kapitän!" Aber der Kapitän hat genug mit seinem Schiff zu tun. Da kann er sich nicht auch noch um seekranke kleine Mädchen kümmern. Wieder spült eine Welle über das Schiffsdeck. Tilla macht vor lauter Angst die Augen fest zu. "Aber Tilla, was hast du nur?" fragt die Mutter. "Du bist ja ganz blaß." "Mir ist so schlecht", jammert Tilla. "Ich bin richtig seekrank". Die Mutter lacht. "Ach was! Du hast wieder zuviel Eis gegessen!"

 

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Was wäre wenn...  (Kindertheater, geschrieben für eine Fernsehanstalt)

...wenn es kein Geld gäbe

...wenn es kein Fernsehen gäbe

...wenn Grantel nicht sehen könnte

...wenn es keine Zähne gäbe

...wenn es keine Kinder gäbe

...wenn es die Erde nicht gäbe

...wenn es keine Sonne gäbe

...wenn es keine Pflanzen gäbe

...wenn es Michel nicht gäbe

...wenn es keine Sprache gäbe

...wenn es keine Autos gäbe

...wenn es keinen Regen gäbe

...wenn es keine Türen gäbe

...wenn es keine Häuser gäbe

...wenn es kein Telefon gäbe

 

Personen: Michel (Junge, ca 10 Jahre)

Grantel (Kaninchen)

* * *

WAS WÄRE, WENN ES KEIN GELD GÄBE

(Michel zählt Geld)

Grantel: Was machst du da, Michel?

Michel : Ich zähle mein Taschengeld.

Grantel: Und wozu brauchst du Taschengeld?

Michel :Damit kaufe ich mir Soldaten für meine Ritterburg oder Bonbons. Und wenn du mal wieder alle Kohlköpfe aufgefressen hast, dann kaufe ich dir bei Gemüsehändler Krause Kohl von meinem Taschengeld.

Grantel: Gibt Herr Krause dir nur Kohl, wenn du ihm Geld dafür gibst?

Michel: Na ja, wenn ich kein Geld hätte, könnte ich ihm vielleicht was anderes geben...

Grantel: Was denn?

Michel:  Na, meinen Ball zum Beispiel.

Grantel: Aber was soll denn Herr Krause mit einem Ball?

(Michel bietet Herrn Krause den Ball an, der schüttelt mit dem Kopf)

Michel:  Dann vielleicht meine Ritterburg?

Grantel: Ich glaube nicht, daß er die gebrauchen kann.

(wie oben)

Michel: Das glaube ich auch nicht. Aber wenn ich ihn nicht mit Spielsachen bezahlen kann - was sollte ich ihm dann geben? Vielleicht kann er ja ein Kaninchen gebrauchen. Grantel: Was - du willst mich weggeben? Außerdem - mich will er bestimmt nicht haben. Ich würde ihm gleich seinen ganzen Laden leerfressen.

(Michel bietet Herrn Krause Grantel an, dieser wehrt heftig ab)

Michel : Ich habe auch nur Spaß gemacht, Grantel. Und ich habe ja auch noch was von meinem Taschengeld übrig. Geld kann Gemüsehändler Krause immer gebrauchen.

Grantel: Michel?

Michel : Ja, Grantel?

Grantel: Meine Kohlköpfe sind schon wieder alle. Und ich kriege kein Taschengeld. Willst du nicht...kannst du nicht...

Michel : Na, sag's schon: ich soll dir einen Kohlkopf spendieren!

(Grantel springt Michel auf den Arm)

Grantel: Michel, du bist wirklich mein bester Freund!

Michel : Und du bist das verfressenste Kaninchen, das ich kenne!

* * *

...

* * *

WAS WÄRE, WENN ES KEIN TELEFON GÄBE

(Das Telefon klingelt. Grantel hält sich die Ohren zu)

Michel : Hallo! - Nein, Sie sind falsch verbunden.

Grantel: Dieses Telefon bringt mich noch um den Verstand! Den ganzen Tag lang geht es Rrrr! Ich versteh' einfach nicht, wozu ihr Menschen so einen Spektakelkasten braucht!

Michel : So ein Telefon ist aber doch ganz nützlich, Grantel!

Grantel: Das glaube ich nicht.

Michel : Wenn man kein Telefon hat und will jemandem etwas mitteilen, dann muß man ihm einen Brief schreiben. Dazu braucht man Zeit und die meisten Menschen haben sowieso keine Lust zum Schreiben.

Grantel: Ich schreibe doch auch keine Briefe.

Michel: Du bist ja auch ein Kaninchen, Grantel. - Wenn ich mich mal langweile, kann ich einfach meine Freunde anrufen und sie zu mir einladen.

Grantel: Ja, deine Freunde! Meine Kaninchenfreunde haben alle kein Telefon. Mir nützt dieser alte Spektakelkasten überhaupt nichts. Ich erschrecke mich bloß immer, wenn er klingelt: Rrrr! Rrrr!

(das Telefon klingelt, Grantel hält sich die Ohren zu)

Michel : Hallo! - Ah, Gemüsehandlung Krause!

(Grantel nimmt die Pfoten von den Ohren)

Wie bitte? Sie haben frischen Kohl für meinen Grantel?

(Grantels Ohren spitzen sich)

Prima! Kohl haben wir nie genug. Wir kommen gleich vorbei!

Grantel: He, der Spektakelkasten ist ja doch ganz nützlich. Aber jetzt schnell zu Gemüsehändler Krause!

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Für die Jugendlichen:

 

Pro Europa Nova

 

WARUM EUROPA SEIN MUSS

Europa - das ist zunächst einmal ein geographischer Begriff: ein Halbkontinent der sang- und klanglos in das riesige Asien übergeht, ein Anhängsel sozusagen. Und doch ist dieses kleine Europa, dessen Staaten flächenmäßig und dessen Kulturen dem Alter nach wesentlich unbedeutender waren und sind als z.B. China und Indien, der Nabel der Welt. Noch nie zuvor war eine Kultur bedeutsam für den ganzen Erdball geworden (daß u.a. die Griechen oder die Römer zu ihrer Zeit die gesamte ihnen bekannte Welt beeinflußten, steht auf einem anderen Blatt). Und das, obwohl man sicherlich einen wissenschaftlichen Streit darüber entfachen könnte, ob es denn nun so etwas wie eine einheitliche gesamteuropäische Kultur überhaupt gibt.

Auf jeden Fall aber gibt es gesamteuropäische Interessen. Zwischen den gewaltigen Machtblöcken der USA und der UdSSR haben die einzelnen Staaten Westeuropas weder in wirtschaftlicher noch in politischer Hinsicht eine Chance, diese Interessen mit Nachdruck zu vertreten und wirksam zu wahren. Nur ein gemeinsames Auftreten und Handeln der einzelnen Staaten als "Europa" bietet die Möglichkeit, als gleichwertiger Partner in jeder Hinsicht anerkannt zu werden.

Noch ist Europa in der Hauptsache eine wirtschaftliche Inter­essengemeinschaft, in der es genug Querelen gibt, weil sich mal dieses, mal jenes Mitglied übervorteilt fühlt. Aber solche Schwierigkeiten gehören zur Praxis des demokratischen Alltags - im Gemeinderat von Hintertupfingen genauso wie im europäischen Parlament. Kein Grund also, an der Verwirklichung der europäischen Idee zu zweifeln (oder zu verzweifeln). Geben wir's doch zu: es ist gar nicht so leicht, über die eigene Nasenspitze hinwegzusehen, sprich: die eigenen den gemeinsamen Interessen hintanzustellen. Freiwillig tut man's eigentlich nur, wenn dadurch ein Vorteil herausspringt.

Sicher ist es sehr ehrenwert, einem Ideal Opfer zu bringen. Aber der Mann auf der Straße - dieses viel zitierte Wesen, daß gut 99,9 Prozent der Menschheit repräsentiert - ist mehr an Handfesterem interessiert. Das Interesse an Europa bleibt gering, obwohl wir unsere Einkaufskörbe mit italienischen Zitronen, französischem Käse und holländischem Gemüse füllen, obwohl alljährlich ganze Urlauberkarawanen über die Grenzen wechseln, obwohl täglich Berichte über gesamteuropäische Gespräche, Abmachungen und Aktivitäten durch die Presse gehen. Das alles ist so selbstverständlich geworden, daß man es kaum noch wahrnimmt.

Das Interesse an Europa muß geweckt und wachgehalten werden. Vielleicht (hoffentlich) werden die zur Wahl aufgerufenen Bürger sich mit Europa identifizieren oder zumindest auseinandersetzen. Vielleicht (hoffentlich) werden sie erkennen, daß Europa nicht nur eine schöne Idee, sondern zugleich eine Notwendigkeit ist.

Ein uneiniges Europa ist schwach. Ein schwaches Europa aber muß zwangsläufig ein politisches Anhängsel des einen oder anderen Machtblocks werden. Ein schwaches Europa ist - schlimmstenfalls unter Druck - leicht zu verführen - wie weiland die Europa der griechischen Mythologie.

europa + jugend

Heft 1,  1979

* * *

 

EUROPA REGIONAL - POLEMISCHES ZUR LAGE DER REGION

Je mehr Europa - will man den Worten wohlmeinender Politiker Glauben schenken - zusammenwächst, desto militanter gebärden sich die Separatisten. In der traurigen Bilanz der verübten Gewalttaten stehen die Basken und Iren an der Spitze. Aber Unabhängigkeitsbestrebungen sind auch anderswo zu verzeichnen - etwa in Wales, in Schottland oder in der Bretagne. Auf den ersten Blick scheinen regionale Unabhängigkeit und ein vereintes Europa zwei Dinge zu sein, die einander widersprechen oder sogar ausschließen. Bei näherem Hinsehen ist aber, wie ich meine, das Gegenteil der Fall.

Europas Krankheit ist der nationale Egoismus, an dem so viele fruchtbare Ansätze immer wieder scheitern. Es ist klar, daß nationaler Egoismus nicht durch regionale Egoismen ersetzt werden darf - wie es etwa durch die ETA und IRA praktiziert wird. Aber ein gesunder Regionalismus kann fast als unabdingbare Voraussetzung für ein gesundes Europa betrachtet werden.

Das Bedürfnis nach Überschaubarkeit seiner Umwelt scheint im Menschen anthropologisch verankert zu sein - nach Überschaubarkeit nicht zuletzt in politischen und sozialen Belangen. Es ist sowohl für den einzelnen Menschen als auch für Gruppen von Menschen deprimierend und demütigend, wenn nur über ihn oder sie verfügt wird, ohne daß die reale (oder sagen wir besser: realistische) Möglichkeit zur Einspruch, Mitbestimmung und Mitwirkung besteht. Wenn diese Möglichkeit de jure auch in vielen Fällen gegeben ist - de facto wird ihre Nutzung nur allzu oft durch den Apparat einer immer totaler werdenden Verwaltung blockiert. Die Müdigkeit an der perfektionierten Verwaltung führt aber durchaus nicht zur Mündigkeit des Bürgers, die von Politikern jeder Couleur dauernd beschworen wird.

Überschaubarkeit der Verhältnisse verursacht dem Menschen soziales Wohlbehagen, gibt ihm das Gefühl der Geborgenheit. Ich möchte diese Emotion als "Heimatgefühl" bezeichnen, das im Gegensatz zum künstlich erzeugten Nationalgefühl organisch gewachsen ist. "Heimatgefühl" ist eine Sache, mit der ein Mensch sich gar nicht erst zu identifizieren braucht - ebensowenig wie z.B. mit einem Dialekt. Eine Welt, im der man sich nicht nur behaust, sondern auch beheimatet fühlt, motiviert sehr viel stärker zum persönlichen Einsatz als ein immer uniformer und anonymer werdendes Staatensystem.

Ein gesunder Regionalismus gewährleistet eine direktere und wirksamere Vertretung der eigenen spezifischen Belange und damit bürgernähere Entscheidungen. Daß die einzelnen Staaten (oft über Jahrhunderte hinweg) in dieser Beziehung schwerwiegende Fehler gemacht haben, zeigen die verschiedenen Separatistenbewegungen. Würde Europa als Ganzes diese Fehler nolens volens übernehmen, käme es zu einer Potenzierung der Probleme.

Bei allen ihren Entscheidungen sollten sich die Verantwortlichen deshalb die Frage stellen, wem denn Europa letztendlich nützen soll. Ich meine: den Europäern. Und zwar nicht "den" Europäern als abstrakte Summe - also niemandem, sondern den einzelnen europäischen Bürgern - also jedem. Das ist aber nur möglich, wenn die Dimensionen für den einzelnen überschaubar bleiben und die ethnische und kulturelle Identität der Region nicht nur gewahrt, sondern gefördert wird. Die Vielfalt der europäischen Regionen ist ein unerschöpfliches Reservoir für fruchtbare Impulse, ohne die das Europa der Zukunft nichts weiter wäre als eine sterile, blutleere Verwaltungseinheit. Es ist müßig zu fragen, ob eine solche Entwicklung erstrebenswert ist.

europa + jugend

Heft 1/2    1981

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WEST-ÖSTLICHER DIWAN

Während es sich bei Goethes "West-östlichen Diwan" um eine meisterliche Synthese abend- und morgenländischer Weisheit handelt, zeichnet sich der "Diwan", von dem hier die Rede sein soll, gerade durch das Gegenteil - nämlich durch seinen geradezu grenzüberschreitenden Unverstand - aus. Was ich meine, sind die von Ost und West immer von neuem hochgespielten - um nicht zu sagen hochstilisierten - ideologischen Gegensätze zwischen den Blöcken. Wir wollen uns an dieser Stelle gar nicht um den Inhalt dieser Ideologien bekümmern, sondern um einige ihrer ganz konkreten Auswirkungen. Dabei stellen wir fest, daß beide Weltanschauungen so konträr gar nicht sein können, da sie doch beide - jedenfalls in der Form, wie sie sich heute darstellen - in den gleichen Abgrund münden: den Abgrund eines nicht nur unpersönlichen, sondern Person und Persönlichkeit geradezu verneinenden Materialismus. Einige Beispiele mögen dies belegen.

- Im Osten wie im Westen finden wir eine Bürokratie, die zunehmend zum Selbstzweck wird und sich immer mehr gegen jene richtet, denen sie doch dienen soll: die Bürger. Ob es sich um den militärischen oder den wirtschaftlichen Bereich handelt, um das Schul- oder Gesundheitswesen, um kulturelle oder soziale Belange: anstatt die Verwaltung dem Bürger und seinen Bedürfnissen anzupassen, geht die Tendenz dahin, den Bürger immer weitgehender der Verwaltung und ihren Bedürfnissen - nicht zuletzt der modernen Datenverarbeitung - anzupassen und ihm auch noch die letzten Reservate wegzurationalisieren.

- Im Osten wie im Westen haben die Auswirkungen der jeweiligen Ideologie einen mehr destruktiven als konstruktiven Charakter. Während auf der einen Seite Privateigentum noch immer dazu verwendet wird, den materiell Schwächeren zu unterdrücken und auszubeuten (was für die Beziehungen zwischen den meisten Arbeitgebern und ihren Arbeitnehmern genauso gilt wie die Beziehungen der Industriestaaten zur Dritten Welt), stehen auf der anderen Seite dem Schlagwort "Expropriation der Expropriateure" Korruption und soziales Kastenwesen. Auf beiden Seiten also ein Sozialdarwinismus, der das moralisch fragwürdige "Recht des Stärkeren" festzuschreiben versucht. Wie formulierte es doch ein unbekannter Spötter einmal: "Was ist Kapitalismus? Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Und was ist Kommunismus? Das Gegenteil."

- Im gleichen Maße, wie dem Bürger - hier wie dort - die Möglichkeit zur wirksamen Teilnahme an der Gestaltung öffentlichen - und damit doch auch wieder privaten! - Lebens entzogen wird, wird ihm durch eine Wissenschaft, die sich wertfrei nennt, aber schlichtweg unmoralisch ist, die Eigenverantwortung abgenommen, indem jede einzelne Handlung auf bestimmte Konstellationen von Umwelt, Vererbung und/oder biochemische Prozesse zurückgeführt wird. Aber eine Wissenschaft, für die Denken eine Absonderung des Gehirns ist (so wie Galle eine Absonderung der Gallenblase ist); eine Wissenschaft, die dem Menschen die Seele abspricht, weil sie bei der Sektion des menschlichen Körpers ein solches Ding nicht finden konnte; eine Wissenschaft schließlich, die Gott, weil sie ihn im Weltall suchte, nicht zu finden imstande war - eine solche Wissenschaft kann natürlich nicht anders als den Primat des Geistes über die Materie leugnen und das Vorhan­densein von Gewissen und freiem Willen verneinen.

Beispiele dieser Art ließen sich noch viele anführen. Daß sie für Ost und West gleichermaßen gelten, sollte uns zu denken geben. Können denn zwei Systeme, die sich doch offensichtlich als diametral entgegengesetzt verstehen, sich so ähnlich sein? Und man ist versucht zu fragen, was sich denn im Grunde wirklich ändern würde, wenn das eine System durch das andere ersetzt würde. Nach einer solchen Erkenntnis greifen natürlich auch die traditionellen Feindbilder nicht mehr, weil sie letztlich nur uns selber den Spiegel vorhalten. Gerade das aber sollte uns mißtrauisch machen gegenüber Ideologien aller Art. Ihre wesentlichen Merkmale sind immer Menschenverachtung und Persönlichkeits-zerstörung. Dagegen aber sollten wir uns verwahren. Die Zeit religiöser Menschenopfer ist vorbei. Soll sie mit ideologischen Menschenopfern neu beginnen? Lassen wir uns das Recht auf eigenes Denken nicht absprechen und halten es dabei mit der westöstlichen Weisheit Goethes oder vielmehr seiner adäquaten Co-Autorin Marianne von Willemer, die im "Buch Suleika" schreibt:

"Volk und Knecht und Überwinder

Sie gestehn, zu jeder Zeit:

Höchstes Glück der Erdenkinder

Sei nur die Persönlichkeit

 

Jedes Leben sei zu führen,

Wenn man sich nicht selbst vermißt;

Alles könne man verlieren,

Wenn man bliebe was man ist."

europa + jugend

Heft 4     1982

 


 

 

 

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