Reiseberichte

 

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Abenteuerland – eine Reise an die Wjatka

Insel-Impressionen

Polen ist nicht verloren

Hundert Gramm Wodka und hundert Gramm Hoffnung

 


 

ABENTEUERLAND – EINE REISE AN DIE WJATKA

 

Eine „Internationale Schriftsteller-Konferenz gegen Gewalt und Terrorismus“ sollte es werden in Kirow – mit Teilnehmern aus China, England, den USA, aus Tschechien und aus Deutschland. Grosse Ziele hatte man sich gesetzt, vielleicht könnte man sogar ein Pendant zum PEN-Club schaffen. Ein wenig anders kam es dann schon...

Aber von Anfang an...

 

Das Abenteuer beginnt

Wie, bitte, geht´s nach Kirow? Inzwischen habe ich herausgefunden, daß Kirow etwa 1.000 km östlich von St. Petersburg entfernt ist und mit dem Flugzeug selbst nach mehrmaligem Umsteigen nicht regelmäßig zu erreichen ist. Also beschließe ich, von St. Petersburg aus mit dem Zug zu fahren. Nun scheint es aber unmöglich zu sein, in Deutschland Fahrkarten und Informationen über innerrussische Zugverbindungen zu erhalten. Dabei weiß ich aus Erfahrung, daß Züge dort schon frühzeitig gebucht werden müssen. Aber wozu hat man Freunde? Also bitte ich alle mir bekannten Russen zwischen Kirow und St. Petersburg, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen.

Per E-Mail treffen daraufhin recht erstaunliche Informationen bei mir ein: An den von mir bezeichneten Tagen fahren je drei Züge. – Es fahren an diesen Tagen gar keine Züge. – Die Fahrt dauert acht Stunden, - Die Fahrt dauert 22 Stunden...Ich bitte darum, mir einfach eine Fahrkarte nach Kirow zu besorgen. Fliege ich doch einfach nach St. Petersburg und schaue mal, was weiter passiert. Wenn alle Stricke reißen, bleibe ich einfach dort. Meine Freunde würden sich sicherlich freuen, wenn ich – statt nur kurz zu übernachten - für längere Zeit bleibe.

Aber – siehe da: mein Platz ist gebucht und sogar die Abfahrtszeit weiß ich! Nur nicht, wann ich in Kirow ankommen werde. Darüber ist man sich auch im Zug nicht einig, rät mir aber, mich auf mindestens 24 Stunden einzustellen. Was übrigens gar nicht so erschreckend ist. Das Zweier-Abteil erster Klasse (120 Euro für 1.000 km) ist sauber und bequem, und Tatjana aus Jekaterinburg (das ist noch einen Tag weiter weg als Kirow) ist eine wunderbare Reisegefährtin, die sogar Englisch spricht. So schlafe ich dann auch in der Nacht wie ein sibirischer Braunbär.

Irgendwann erfahre ich, daß die Reise tatsächlich nur 22 Stunden wird. Ich werde etwas unruhig. Ob mich in Kirow wohl jemand erwarten wird? Natascha beruhigt mich – ich könne ja mit ihr nach Jekaterinburg kommen. Warum eigentlich nicht?

 

Drei sehr ernsthafte Herren

Gespannt sehe ich aus dem Fenster, als wir Kirow erreichen. Drei sehr ernsthafte Herren in dunklen Anzügen stehen dort, mit Fliedersträußen bewaffnet: Jewgenij Timofejewitsch, der stellvertretende Kulturminister, Jurij Wassiljewitsch, der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes und Sergej Iljitsch, mit dem ich seit Monaten per E-Mail korrespondiere und der fließend Deutsch spricht. Vergnügt verabschiede ich mich von Natascha. Und gleich werde ich mich im Hotel frisch machen und umziehen können – wunderbar...

Ach – weit gefehlt! Man bringt mich – zerknittert und verschwitzt wie ich bin – direkt in die Wohnung von Jurij Wassiljewitsch, wo bereits einige Autoren versammelt sind. Wie und wo auch immer in Rußland gibt es reichlich zu essen und zu trinken Vor allem aber gibt es viele Fragen und Informationen, die auf mich niederprasseln. Sergej Iljitsch gerät beim Übersetzen arg in Schwitzen...

Ich erfahre, daß die Wjatka-Region (Kirow hieß bis 1934 Wjatka nach dem gleichnamigen Fluß) ein Gebiet umfaßt, das halb so groß ist wie die frühere Bundesrepublik. Daß Kirow lange Zeit Verbannungsort war, in dem viele Künstler und Schriftsteller lebten. Auch war es bis vor wenigen Jahren – wegen der Rüstungsindustrie – eine geschlossene Stadt, zu der Ausländer keinen Zutritt hatten. Und daß es den Verband der russischen Schriftsteller seit drei Jahren gibt, in Kirow selbst seit einem halben Jahr. Im Gegensatz zum Schriftstellerverband von Rußland ist er unabhängig und unterliegt keiner Zensur. Dazu sagt Jurij Wassiljewitsch: „Früher wurden wir zensiert, heute nimmt man uns nicht zur Kenntnis.“ Gefragt werde ich, wie ich es mir vorstelle, die Welt durch Literatur zu verändern. Was ich tun könnte, damit die Kirower Autoren in Deutschland gedruckt werden. Was ich in Deutschland organisieren könnte...

Mir schwirrt der Kopf.

Aber bevor ich mich zurückziehe, will ich doch gerne noch wissen, welche Kollegen aus welchen Ländern morgen eintreffen werden. Das wird sich zeigen, ist die Antwort.

In der Wohnung von Walerij Jefimowitsch, eines Kollegen, werde ich für die Nacht einquartiert, weil offensichtlich alle Hotels wegen Renovierung geschlossen sind. Hier kann ich mich endlich frisch machen. Sehr frisch sogar – die Wjatka-Region hat seit längerer Zeit kein warmes Wasser.

 

Die Konferenz wird eröffnet

Am nächsten Tag sind wir vollzählig: etwa 30 Schriftsteller aus Kirow und umzu, dazu Vera, eine Fernseh-Journalistin aus Archangelsk – und ich. Somit ist der internationale Anspruch gewahrt. Alle anderen – aus USA, England, USA usw. – sind möglicherweise vor der langen Reise zurückgeschreckt. Und sicherlich war es den meisten zu teuer, denn der Schriftsteller-Verband konnte die Kosten nicht übernehmen. Heute abend soll es weitergehen zu unserem Ferienort Petropawlowskoe „nicht weit entfernt“. Aber zuvor muß die Konferenz eröffnet werden. Ich soll mit eröffnen. Nun gut, ein paar freundliche Grußworte vielleicht...

Aber: nichts da. Den Text, den ich als Diskussionsbeitrag für die Konferenz geschickt habe, soll ich verlesen. Aber das sind doch zehn Minuten plus Übersetzung...Nitschewo, macht nichts!

Im großen Museumssaal sind schon an die zweihundert Menschen versammelt. Ich fahnde erfolglos nach Mineralwasser. So muß ein Hustenbonbon genügen. Doch gerade jetzt will das Fernsehen ein Interview mit mir machen. Also schnell das Bonbon entsorgen und hoffen, daß mir niemand die klebrige Hand schütteln will. Doch genau das möchte die Stellvertretende Gouverneurin. Wir schütteln uns ziemlich lange die Hände. Peinlich, peinlich.

Die Reden sind gehalten, nur wenige und sehr kurz – sehr ungewöhnlich für Rußland. Vielleicht liegt das daran, daß sich noch ein (sehr schönes und auch qualitativ hochkarätiges) Konzert anschließt – mit drei Dirigenten, von denen einer der Stellvertretende Kulturminister ist. Nach drei Stunden ist Schluß. Für heute abend ist noch ein Bankett angesagt, es wird also Zeit. Und da steht auch schon unser Bus. Einsteigen bitte – mit Kind und Hund und Angelrute.

 

Njedaleko – Nicht weit weg

Es gibt ein russisches Sprichwort: „100 Grad – das ist nicht kalt. 100 Rubel - das ist nicht viel Geld. 100 Kilometer – das ist nicht weit weg.“ An den letzten Satz muß ich denken, als wir nun schon die dritte Stunde durch die Wildnis rumpeln. Denn nachdem wir die Autobahn verlassen haben, geht es nur noch über Strassen, die ich zunächst für Baustellen halte. Im Bus lerne ich meine beiden Olgas kennen, die mir in den nächsten Tagen wie zwei Schutzengel zur Rechten und zur Linken beistehen werden. Sie sind Studentinnen des Kirower Fremdspracheninstituts und mir als Dolmetscherinnen zugeteilt.

Irgendwann und irgendwo taucht Polizei vor uns auf. Aber das bedeutet keinen weiteren Aufenthalt, wie ich schon befürchte – man will uns nur sicher eskortieren. Das ist auch nötig, denn inzwischen ist es dunkel geworden, und da ist das Blaulicht vor uns schon eine große Hilfe.

Das Bankett findet im Kaminsaal statt. Lange Tische und Holzbänke ohne Lehnen stehen dort. An der Stirnseite allerdings auch ein langes rotes Sofa, in das ich dankbar sinke, nachdem ich – nach der abenteuerlichen Busfahrt durch Schlaglöcher ohne Zahl – meine Knochen gezählt habe. Es gibt Unmengen zu essen und zu trinken und ebenso viele Reden. Jeder bedankt sich bei jedem dafür, daß diese Konferenz zustande kommen konnte. Und wieviel Zeit aufgewendet wurde, um die Konferenz vorzubereiten, Zeit, in der man nicht arbeiten konnte. Aber, sagt Jurij Wassiljewitsch, „ein Schriftsteller lebt nicht für sich allein, sondern vor allem für andere“. Und der Minister meint, man wolle nicht nur für Rußland etwas tun, sondern für die ganze Welt.

Glücklicherweise muß ich nichts weiter sagen als „na sdarowje“, wann immer mir jemand zuprostet. Ansonsten lausche ich der Übersetzung, die eine meiner Olgas mir simultan ins Ohr raunt. Dann folgt das Musikprogramm mit sehr traurigen und gefühlvollen Weisen. Mir fallen die Augen zu.

 

Rettet Wjatka die Welt?

Die folgenden drei Konferenztage sind eine neuartige und bewegende Erfahrung für mich. Immer wieder frage ich mich: Wie kann ich dies alles meinen deutschen Kollegen erklären, ohne daß sie schreiend davon laufen oder – noch schlimmer – sich schlapp lachen?

Schriftsteller haben den Auftrag, die Welt zu verbessern, lautet der durchgängige Tenor. (Dabei hat schon Goethe gesagt, daß auf diese Art keine Literatur entstehen kann.)

Schriftsteller sollen ihre Arbeit Gott und dem Mutterland weihen, heißt es weiter. (Als deutsche Autoren „Für Gott und Vaterland“ auf unsere Fahnen schreiben?)

Ich glaube die russische Mentalität recht gut zu verstehen – aber mein eigener Kunstanspruch ist eben ein ganz anderer. So versuche ich auch in meinen Konferenzbeiträgen immer wieder den unterschiedlichen Standpunkt zwischen Ost und West herauszuarbeiten.

Kaum einer meiner deutschen Kollegen wird den spirituellen Anspruch, den die russischen Schriftsteller empfinden, nachvollziehen können. Und daß umgekehrt die russischen Kollegen schockiert wären von „unserer“ Art Literatur – worin manchmal tatsächlich (horribile dictu!) sex & crime vorkommt.

Was mir am meisten zu schaffen macht ist, daß ich keine westlichen Kollegen hier habe, mit denen ich meine Eindrücke austauschen kann...

Dabei hätten beide Seiten einander so viel zu geben! Aber um zu einem wirklichen Verständnis füreinander zu gelangen, braucht es lange Zeit. Gerade deshalb wäre es so wichtig, zu einem Austausch zu kommen.

An einem Abend stellen alle Autoren sich vor mit ihren Texten. Meine Olgas waren fast überfordert! Und was ich schon befürchtet hatte, bestätigt mir später mein St. Petersburger Freund, der seit Jahrzehnten ein renommierter Literaturkritiker ist: "Alles gute Menschen -– aber leider ist dies keine Literatur.“ Das mag daran liegen, daß die Kollegen von der Wjatka einen sehr hohen Anspruch an sich als Menschen stellen – aber weniger an sich als Künstler. Und daß sie beides nicht unterscheiden können.

Ein Runder Tisch zum Thema „Literatur und Macht“ findet statt. Die Macht sei von Gott gegeben, höre ich. Und: Die Literatur könne der Politik gute Ideen geben, könne Politikern Dinge erklären, die diese nicht verstehen. Autoren seien sehr aufrichtige Menschen – deshalb hören die Leute ihnen aufmerksam zu. Und: „Die Macht ist im Besitz von Geld. Autoren sind im Besitz von Gedanken. – Halten wir deshalb unsere Seele rein!“ Und: „Der Staat sollte den Menschen nicht nur die Chance zum wirtschaftlichen Überleben geben, sondern auch zur spirituellen Entwicklung."

Ich bin sehr angerührt. Ob ein „West-östlicher Diwan“ wohl eines Tages möglich sein kann zwischen so konträren Anschauungen?

 

Die wilden Männer von der Wjatka

Man kann sich ihrer einfach nicht erwehren – der wilden Männer. Am ersten Morgen bekomme ich einen Tulpenstrauß. Hier, am Ende der Welt, wo es keine Tulpen gibt und nicht einmal einen Laden. Das sei die Wjatka-Liebe, versichert mir der junge Mann, der gerade mal halb so alt ist wie ich. Sicherheitshalber trinke ich baldmöglichst Brüderschaft mit ihm – wie auch mit einigen anderen. Denn ich stelle fest, daß dies ein guter Trick ist, russische Männer auf Distanz zu halten, ohne sie zu verletzen. Nichtsdestotrotz schreibt der junge Mann mir später das schönste Liebesgedicht, das ich je erhalten habe. Aber das ist eine andere Geschichte...

Ansonsten sind die Wjatka-Männer handsam und hilfsbereit wie alle Russen. Wie haben sie sich für mich gefreut, als sie mir mitteilen konnten, daß in der Fußball-WM Deutschland gegen Kamerun gewonnen hatte! (Dabei hatte ich für Kamerun die Daumen gedrückt – was ich natürlich nicht verriet.) Nie mußte ich auch nur ein Gepäckstück tragen. Alle Wünsche wurden mir von den Augen abgelesen. „Wir sind nicht nur Träumer. Wir halten, was wir versprechen“. Ja, das glaube ich jedem einzelnen.

 

Die Wjatka ist ein langer ruhiger Fluß

So jedenfalls habe ich sie erlebt. Jeden Morgen, wenn ich nach dem Aufwachen aus dem Fenster sah. Jeden Tag, wenn wir den Grossteil unserer Konferenz am Wjatka-Ufer abhielten. Vor allem aber bei der wunderschönen Flußfahrt, die wir unternahmen. Die Gegend um Petropawlowskoe nennt man die Russische Schweiz, wird mir stolz erzählt. (Für mich sieht es eher nach sanften Hügeln aus.) Der Stellvertretende Kulturminister steht neben mir und fragt dauernd: „Charascho? – Schoen?“. Ich wechsele in meinen Antworten im Minutentakt zwischen „schön“, „sehr schön“, „wunderschön“ und stummem Nicken. Denn inzwischen habe ich Halsweh von all den Rachenlauten. Dabei ist es wirklich schön: ein warmer, sonniger Tag, fröhliche Menschen und eine unberührte Landschaft. Bären soll es hier geben, höre ich. Erst im letzten Jahr hätte man einen geschossen, weil er die Bienenstöcke ausraubte.

Auch daß die Wjatka ganz schön wild werden kann, erfahre ich. Im Frühjahr nämlich, nach der Schneeschmelze, werde sie reißend und trete über die Ufer. Deshalb hat man – nachdem vor vielen Jahren die Kirche ein Raub der Fluten wurde- das neue Gotteshaus auf höher gelegenes Terrain gebaut. Ich bin sogar zur Besichtigung mitgegangen, weil die Kirche angeblich „njedaleko“ war. Sie war weit entfernt.

Auch andere Dinge aus Petropawlowskoe werden mir berichtet. Daß man den deutschen Soldatenfriedhof herrichten möchte. Denn es gab beispielsweise einen Soldaten Hans, der sich sehr für eine russische Familie eingesetzt hatte. Deren Nachkommen würden sich nun gerne mit der Familie von Hans in Verbindung setzen, um ihre Dankbarkeit auszudrücken. Vielleicht gelingt es mir ja, die Familie ausfindig zu machen...

Unser Feriendorf ist auf dem Gelände des ehemaligen Gefängnisses errichtet („Hunderte von Leichen schwammen damals auf der Wjatka“). Nun will man diesen Ort durch die vielen kulturellen Veranstaltungen gewissermaßen entsühnen.

Wir alle sind gerührt, und der Wodka fließt. Um den Flußgott- und die wilden Männer – zu besänftigen, opfere ich den Rest der Flasche der Wjatka. Ein bißchen enttäuscht gucken die Männer schon  - aber meine Geste gefällt ihnen .

 

Nichts funktioniert – und alles klappt

Jeden Tag frage ich nach meinem Zug nach St. Petersburg. Bei meiner Ankunft hatte der Stellvertretende Kulturminister mir den martialisch uniformierten Bahnhofsvorsteher vorgestellt und gesagt: „Wenn es nicht klappt, wird er gefeuert“. Jeden Tag wird mir gesagt, daß es klappen wird. . Eigentlich würde es mir gar nichts ausmachen, noch länger in Kirow oder sogar hier am Ende der Welt, in Petropawlowskoe , zu bleiben. Aber leider läuft mein Visum bald ab... Endlich: am Vortag unserer Abreise erfahre ich, daß meine Fahrt gebucht ist. Wunderbar – ich entspanne mich. Abends erfahre ich, daß unser Bus am nächsten Tag um elf Uhr abfährt. Drei Stunden Fahrt – das schaffe ich nie! Ich schaffe es doch, erfahre ich, denn ich werde vorher mit dem Auto nach Kirow kutschiert. Wunderbar – ich entspanne mich. Und frage mich, warum ich mich eigentlich immer so aufrege. In Rußland ist das doch gar nicht nötig. Wenn auch das heiße Wasser nicht funktioniert (neben vielen anderen Dingen) – alles klappt.

 

Der Shooting Star, den niemand kennt

Nach einer sehr entspannten Fahrt in einem sehr bequemen Wolga komme ich in Kirow an. Ein englisches Frühstück mit dem obligatorischen Wodka wurde mir vorher serviert, und Alexander, ehemaliger Oberst und Geschäftsführer des Feriendorfes chauffiert selbst. Diesmal dauert die Fahrt nur gut eine Stunde. Und als wir abfuhren, stand ein großer Regenbogen über der Strasse...

Als wir vor dem Regierungsgebäude halten, erblicke ich als ersten den jungen Mann mit den Tulpen und dem Liebesgedicht. Der sorgt auch gleich für Kaffee, der mir auf die Suite gebracht wird, die Jewgenij Timofejewitsch mir im Regierungshotel reserviert hat. Und hier treffe ich endlich auch Alexander Ikonnikov, obwohl er gerade an seinem Roman für Rowohlt arbeitet, der nächstes Jahr erscheinen soll. In Deutschland ist er mit seinem Buch "„Taiga Blues" ein Shooting Star. In Rußland kennt ihn niemand. Er ist noch sehr jung, knapp dreißig Jahre alt, spricht aber als studierter Germanist ein perfektes Deutsch. Und: mit ihm kann ich mich endlich ein wenig über meine Eindrücke austauschen. Mich wundert jetzt nicht mehr, warum die Kirower Autoren ihn nicht kennen. Und mich wundert es auch nicht, daß er nicht an der Konferenz teilnahm. Ich frage ihn, wie er die Zukunft Rußlands sieht. Offensichtlich nicht sehr optimistisch, denn: „Die kriminellen Strukturen sind stabiler als die politischen Strukturen.“ Aber, obwohl Putin nur ein ganz kleines Rädchen im Spiel der Oligarchen ist, sei er doch der erste Präsident, der immer nüchtern ist. Als ich ihn – eigentlich unnötigerweise – danach frage, warum in seinen Geschichten so viel Alkohol vorkommt, antwortet er mit einer Anekdote:“ Ein Busfahrer macht Pause an einer Raststätte und bestellt 150 Gramm Vodka. Die Bedienung hat nicht genug Kleingeld, um ihm herauszugeben. Deshalb fragt sie, ob sie ihm nicht 200 Gramm geben könne. Darauf antwortet der Busfahrer: Njet – ich muß ja noch fahren. (Das ist Rußland in der Nussschale!)

 

Doswidanja! – Rußland war gut zu mir

 

Entspannt lehne ich mich in meinem Einzelabteil zurück. Der Bahnhofsvorstand wird also doch nicht gefeuert. Ein bißchen langweilig ist es schon, ganz alleine zu reisen. Erst später finde ich heraus, daß ich ein Dienstabteil benutze, da offensichtlich wegen der Ferien der Zug ausgebucht war. Ich mache mir auch keine Sorgen mehr darum, wer mich in St. Petersburg abholen wird. Alles klappt! Jetzt bin ich nur einfach traurig, weil es so wunderschön war bei den Menschen von der Wjatka...

Natürlich holt mich (diesmal nach 25 Stunden Fahrt) mein Freund in St. Petersburg am Bahnhof ab. Und „zu Hause“ wartet schon ein wunderbares Essen auf mich. Jetzt nur noch duschen und ausschlafen vor meinem Abflug morgen...

Nichts da. Ein anderer Freund hat mich eingeladen zu einer Bootstour auf der Newa zum Finnischen Meerbusen durch die Weißen Nächte von St. Petersburg. Auch gut. Wann hat man schon so eine Gelegenheit? Daß wir früh morgens auf Grund laufen und von einem Schlauchboot evakuiert werden – das ist eine andere Geschichte.

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INSEL-IMPRESSIONEN

So viel Meer und so viel Himmel, und alles ist schon gesagt - auch über die hundertste Muschel, nach der du dich bückst, weil sie noch schöner ist als die davor. Und es ist ja auch ihr Glanz einmalig und unwiederbringlich und gehört ganz allein dir.

 

So tapfer die kleinen Wellen. Kommen fröhlich gelaufen, immer wieder, immer wieder. Ist es ein Spiel? Oder ist ihr Ernst zu groß für mein Begreifen?  Tragen sie mit sich Urzeitwissen, so spülen sie's an den Strand als allzu leichte Beute, als offenbares Geheimnis.

 

Dieses insulare Gefühl: mit dem Einziehen der Gangway geht dich das Festland nichts mehr an. Die letzten Reste Besorgnis bläst der Fahrwind dir aus dem Sinn.

Den Fuß auf eine Insel setzen heißt: ein neues Leben beginnen - überschaubar, streng gegliedert, voller Bedeutung. In sich gesammelt, gerichtet. Die Essenz gewissermaßen, die sich in der Unbegrenztheit des Festlandes so schmerzlich schnell verflüchtigt.

Schließlich: am Hafen stehen und zuschauen, wie Menschen ankommen, wie Menschen abreisen. Selbst schon ganz da sein, aber noch ohne Abschied des Herzens. Unermeßliche Tage im Windschatten des Lebens.

 

Gemessene Zeit hinter sich lassen für ein paar Tage. Dafür gelebte, erlebte Zeit spüren: mit Sonnenaufgang und -untergang, mit Ebbe und Flut entdeckst du auch Hunger, Durst, Müdigkeit, Herzschlag und Atem ganz neu.

o viele Rhythmen, die sich durchdringen, die nebeneinander, gegeneinander laufen. Melodien des Kosmos um mich herum und des Kosmos in dir. Harmonie der Sphären, im All, im Blut.

 

Die Brandung des Meeres. Die Brandung in deinem Inneren. Der Schrei der Möwe, dem sich der deine gesellt. Kreatur seid ihr beide, aber deine Sehnsucht ist eine andere, und auch dein Triumph. Unter den Füßen das Knirschen der Muscheln am Spülsaum: Botschaften voller Bedeutung, die du nicht mehr verstehst. Zu weit zurück schon liegt dir das Leben in den Meeren. Weiser geworden wirst du es einmal aufs neue begreifen.

 

Muschelglanz, hingestreut unter achtlose Füße, die ihn zu geheimnisvollen Mosaiken zertreten. Buntschillernde Gehäuse von Wesen, deren Geheimnisse du nie ergründen wirst. Von rätselvollen Schicksalen verwittertes Treibholz, angeschwemmt aus Märchenfernen. Federn und blanke Vogelgerippe, von denen die See alles abnagt, was weich und vergänglich war. Tauwerk und tote Fische und ein Kistenbrett, auf dem steht: Barbados. So viele Austern und nie eine Perle...Findlinge des Lebens.

 

Das Feriengeräusch par excellence ist das Klipp-Klapp der Pferdehufe. Die braven Braunen transportieren alles: Post und Müll, Klopapier und Apfelsinen. Und dann die Roßelenker! Denn das sind sie - nicht etwa Fahrer oder Kutscher -, wie sie auf dem Kutschbock stehen mit gespreizten Beinen, die Kreuzleinen lässig überm Arm. An kleinen Steigungen feuern sie ihre massiven Rösser zum Traben an mit Rufen, die klingen wie Möwenschrei. Und ihre Augen sind dabei so hell, daß du glaubst, durch sie hindurchsehen zu können in die leeren, sauberen Weiten ihrer Hirnschalen.

 

So klein ist die Insel, daß man von jeder Spur ihr Ziel finden kann und ihren Anfang. Und doch gelingt es mir nicht, den Läufer zu entdecken, der zwischen den Mustern geriffelter, genarbter, genoppter Stiefelsohlen den Abdruck seiner nackten Füße hinterließ. Schöne Füße müssen es sein - schmal, nicht sehr groß, und ohne jeden Makel. Das Bild des Läufers steht mir vor Augen, wie er dahineilt mit wehenden Haaren, der Bewegung hingegeben, ganz im Takt, ganz intakt. Kein gewöhnlicher Mensch kann das sein, der solche Fußabdrücke hinterläßt...Vergeblich suche ich den Strand ab und die Dünen. Schon tastet die Flut nach den köstlichen Spuren, bald werden sie fortgewaschen sein, vom Erdboden verschwunden. Stiefel und Strumpf lege ich ab, setze meine eigene nackte Sohle auf den kühlen Sand. Mit eisigen Prickeln überspült das Meer meinen Fuß, löscht alle Spuren, die fremden und meine. Auf der Promenade schaue ich nur auf die Füße. Leicht werde ich ihn erkennen, diesen einen, besonderen Fuß, an der geflügelten Ferse.

 

Zweimal täglich zum Festland und wieder retour. Eine Fahrt dauert immer genauso lange, wie er braucht, um seine Havanna zu rauchen. Das Gesicht freundlich rot unter grauem Haar, am Ärmel vier Streifen: ein Kapitän aus dem Bilderbuch und  - immerhin - auf seiner Fähre master next to God. Wer sein Nachfolger werden will, muß Geduld haben, am besten die Tochter heiraten, falls eine da ist - er sieht ganz aus wie einer, der Dynastie begründet. Über die Hellerwiesen führt eine Abkürzung vom Hafen direkt zu seinem Haus: Meyer Schlurpad - der einzige Weg dieser Insel, der einen Namen hat.

 

In Prozessionen wandeln sie über Strand und Promenade. Die gelben Kapuzenmäntel lassen sie als Angehörige der gleichen Bruderschaft erkennen. Was sie zu Hause hinter den warmen Ofen getrieben hätte - hier wird es zur Sensation. Geradezu mit Behagen bieten sie Sturm und Regen die Stirn, mit einem lachenden Leuchten in den Augen und dem kräftigen Geschmack von Salz und Kühnheit auf der Zunge. Das lüftet Hirn und Herz - sich so durchblasen zu lassen vom reinlichen Sturm! Und das Schauspiel der heranstürmenden Flut läßt auch die Brandung in ihrem Inneren höher gehen. Voller Begeisterung machen sie einander auf besonders hohe Brecher aufmerksam. Aus Zuschauern sind Teilhaber geworden an dem vor ihnen abrollenden Geschehen - bestes Kriterium für ein gelungenes Stück.

 

Es gibt sie wirklich - die weißmäheigen Rosse Poseidons! Mit jeder neuen Welle kommen sie herangejagt, brüllend und tosend. Von ihren starken gebogenen Hälsen flockt Schaum, der im Sturm zerstiebt. Du hältst Ausschau nach ihren Hütern, nach den lachenden, muschelhornblasenden Trittonen. Gleich müssen sie auftauchen aus der grünlichen Flut, gleich werden sie sich jauchzend auf die nassen Rücken schwingen. Da - Hufgetrappel den Strand entlang. Auf nackten Pferderücken drei Mädchen. Wehende Haare mischen sich wehenden Mähnen. Vorbeigestoben in donnerndem Galopp...War es Möwenschrei, was der Wind dir zutrug, oder war es der schrille Gesang des Muschelhorns?

 

Ohne Farben ist dein Gesicht ohne Schutz, denn schon auf den ersten Blick verrät es dich ganz. Hier aber kannst du dich nicht verstecken, unbarmherzig entkleidet der Wind dein Gesicht. In schwarzen Bächen zerrinnt, was die Augen größer erscheinen ließ und glänzender. Von Lippen und Wangen scheuert der Sand das kunstvolle Rot. Nur dein eigenes Gesicht trägst du jetzt noch. Das ist ganz preisgegeben dem Wind und dem Sand, der Sonne, dem Regen. Die waschen es, klopfen und kneten und streicheln es, wärmen es, färben es rosig und braun, geben den Augen Glanz und ein helles Leuchten. Und mit übermütigen Händen frisiert dir die Brise das Haar.       April 1988

 

 

 

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POLEN IST NICHT VERLOREN

- IMPRESSIONEN EINER REISE NACH DANZIG -

 

1.

FRAG MICH NACH POLEN...

Die Reise beginnt schon vor der Abfahrt. Sie führt ins Unbekannte: über Polen weiß ich weniger als über das Bermuda-Dreieck. Dabei sind wir Nachbarn seit neuestem.

Polens bekanntester Komponist ist Frédéric Chopin.

Er lebte in Frankreich.

Polens bekanntester Autor ist Joseph Conrad.

Er schrieb in Englisch.

Polens bekannteste Persönlichkeit unserer Zeit heißt Karol Wojtyla.

Er ist der Papst.

Die Polen scheinen Weltbürger zu sein. Aber ich höre von ihrem Nationalstolz.

Ihr Land wurde verteilt wie das Curée unter eine hungrige Meute. Aber sie sprechen in einer Sprache.

Der große Bruder war lange allgegenwärtig. Aber ihren Nacken haben sie nicht gebeugt.

Ein Zirkelschlag sagt mir: Danzig ist nicht weiter entfernt als Paris, London, die Alpen. Auf der Straßenkarte hat man mir einen dicken, zuverlässigen Strich gezeichnet. Ein hoffnungsfarbenes Leitseil, an dem entlang ich mich vortasten kann.

 

2.

OSTWÄRTS - WESTWÄRTS

Sechsundvierzig Jahre ist es her. Ich war damals noch nicht geboren. Aber ich kenne die Geschichte bis in alle Einzelheiten, so oft habe ich sie gehört. Noch nie zuvor war ich hier, aber ich kenne den Weg. Hier war es, wo russische Tiefflieger den Treck beschossen. Hier wurden verhungerte Kinder begraben. Hier gab ein mitleidiger Dorfbürgermeister mehr als seine Pflicht gewesen wäre.

Vor sechsundvierzig Jahren ging meine Mutter diesen Weg westwärts. Auf dem Pferdewagen meine Schwester und meine kranken Großeltern. Sie froren und hungerten und flohen vor den russischen Soldaten. Sie verließen ein geliebtes Land, das ihren Vorfahren über Jahrhunderte Zuflucht und Heimat gewesen war. Ein Land, dessen Schönheit mir ein Leben lang als ein Märchen gegenwärtig war.

Jetzt reise ich den selben Weg nach Osten. Im komfortablen Auto, mit ausreichenden Mitteln versehen, ohne Furcht. Überall suche ich nach den Schrecken der Vergangenheit. Aber die Gegenwart scheint heiter zu sein und nur belastet von ihren eigenen Problemen. Aber vielleicht findet Vergangenheit nur statt im Inneren der Menschen? Wem sehe ich seine Geschichte an? Und wer sieht meine?

 

3.

VON WEGEN POLNISCHE WIRTSCHAFT!

Die kleinen Äcker sind wohlbestellt. Wie in einem alten Lesebuch geht der Bauer hinter seinem Pflug, der von einem geduldigen Kaltblüter gezogen wird. Die Straßenränder werden von angepflockten Kühen abgeweidet. Zu jedem Haus gehören Enten, Gänse, Hühner. Keine kahlgeschorenen Rasenflächen, keine tristen Koniferenmauern. Dafür quellen die Gärten über von Margeriten, Lupinen, Pfingstrosen. Alte Leute verkaufen das im Garten gezogene Gemüse auf Märkten und an Straßenecken: drei Bund Radieschen, ein Bund Lauch, dazu einige Maiglöckchensträuße. Die Städte sind umgeben von riesigen Kleingartengebieten. In Danzig sehe ich Hochhäuser, um die herum die Bewohner winzig kleine Gärten angelegt haben.

 

4.

WAS DER MENSCH BRAUCHT

Polen ist voller Blumen. In den Gärten wachsen sie, üppig und ungebändigt. Die Wiesen sind bunt von ihnen. Mein Bestimmungsbuch kapituliert vor dieser Fülle. In den Wohnungen gedeihen sie in Töpfen und Vasen, jeder Pole scheint mit einem grünen Finger geboren zu sein. Und nie sah ich irgendwo anders so viele Menschen mit Blumensträußen. Was der Mensch braucht - in Polen scheint man es zu wissen.

 

5.

SOPOT

Mondän heißt: nach Art der großen Welt. Mondän sei Sopot einmal gewesen, heißt es im Lexikon. Aber die lange hölzerne Mole ist fast leer und die Geschäfte in Strandnähe sind bemüht.

Einzig das Grand Hotel hat sich den Charme der 30er Jahre bewahrt und auch das weitläufige Flair. Angeführt von einem Oberkellner, der eine Reinkarnation von Hans Moser sein muß, bedienen exzellent geschulte Ober. Drei Musiker in bunter Tracht singen und spielen Stücke aus dem alten Wien und aus der Taiga. Nostalgie pur, und zu meinem Glück fehlt mir nur der Liebste an meiner Seite.

Das Gästehaus der Wojwodschaft Danzig, in dem wir einquartiert sind und in dem auch Lech Walesa mitunter übernachtet, liegt in einem Teil Sopots, den Janina das Aquarium nennt - wegen der goldenen Fische, die hier wohnen. Die Erdgeschoßfenster der Villen sind vergittert, zu jedem Haus gehört mindestens ein Hund. Das Geschäft mit Alarmanlagen boomt. Die Goldfische wissen sich zu schützen.

 

6.

DIE WIEDERAUFERSTANDENE STADT

Der Seewind läßt Röcke und Haare flattern, kühlt Stirnen und Gemüter. Um mich herum lebt eine ganze Stadt der Renaissancezeit: die mit Treppengiebeln geschmückten Bürgerhäuser, die Beischläge mit ihren manieristischen Wasserspeiern, das Mottlau-Ufer mit Krantor und Speichern.

Man rühmt die Polen als begabte Restauratoren. Haben sie doch auch deutsche Kulturdenkmäler wiederhergestellt und retten just eben die Akropolis vor dem endgültigen Verfall. Aber ins rechte Licht gerückt wird das Bild der polnischen Restauratoren erst durch eine Ausstellung im Rathaus: Dort sieht man, daß sie nicht nur behutsam zu konservieren, zu ergänzen und hin und wieder zu erneuern hatten - die Fotos zeigen, daß in der Danziger Innenstadt nach dem Krieg buchstäblich kein Stein mehr auf dem anderen lag.

Und doch steht nun der ganze Stadtkern wieder so, wie wir ihn kennen von alten Stichen oder von den Gemälden des Canetto - fast eine Begegnung der surrealistischen Art. Ich gehe durch die Joppengasse, die Lange Gasse, die Mariacke wie durch ein Vineta, das - da die magischen hundert oder tausend Jahre um sind - wieder aufgetaucht ist. Und erwarte - besonders wenn zur vollen Stunde alle Glocken und Glockenspiele erklingen - jeden Augenblick, mitsamt dieser Märchenstadt wieder zu versinken.

 

7.

GLAUBENSSACHEN 1

An den Straßenrändern Kreuze und Madonnenstatuen, geschmückt mit Flitter und Wimpeln. Sehr bunt und sehr kitschig. Ganz substantiell scheint man hier das Heilige sich einverleibt zu haben. Später, in Danzig, werde ich in der Katherinenkirche einen Kreuzweg sehen in neorealistischer Manier. Die Menschen, die Christus auf diesem Weg begleiten, sind Menschen unserer Zeit: Soldaten im Stahlhelm, ein Fischer mit Südwester. Dem Menschen, der das Kreuz tragen hilft, hat man das Gesicht von Lech Walesa gegeben.

 

8.

GLAUBENSSACHE 2

In allen Kirchen große farbige Fotos von abgetriebenen Foeten. Dieselben Bilder, die in den Schulen Acht- und Neunjährigen gezeigt werden, wie die Lehrerin Bozena erzählt. Sie erzählt auch von den Kindern in ihrer Schule - oft vier, fünf, sechs Geschwister, unzureichend gekleidet, hungrig, der Vater Trinker. Wie kann man nur solche Bilder zeigen? Und warum den Kindern? "Das ist die Wahrheit!" sagt Andrzej, ein junger Fotograf, der für eine Kirchenzeitung arbeitet. Gerade hat er eine Bilderserie über den jüngsten Papstbesuch gemacht. "Das ist die Wahrheit!" Was ist die Wahrheit?

 

9.

GLAUBENSSACHEN 3

Andrzej zeigt uns eine Fotoserie über den Berg der Versöhnung: Der Berg liegt am Ende einer Pilgerreise nach Tschenstochau. Den Berg hinauf trägt jeder Pilger einen Stein so groß wie seine Sündenlast. Manche tragen einen von Faustgröße, andere schleppen Brocken, unter denen sie fast zusammenbrechen. Steine des Anstoßes... Steine, die vom Herzen fallen... Sagt man nicht, der größte Sünder sei Gott am nächsten? Vielleicht ist auch eine Pilgerfahrt eine Sache von Sehen und Gesehenwerden. Aber wer bin ich, den ersten Stein zu werfen?

 

10.

ZU GAST

Bozena und Jurek wohnen im achten Stock. Der Flur ist verwahrlost und riecht nach Urin. Der Fahrstuhl jammert und rumpelt, und es erscheint uns wunderbar, daß er auf der langen Fahrt nicht auseinanderbricht. Die Wohnung dann ist eine andere Welt: Bücher und Blumen und viel Licht. Auf achtundvierzig Quadratmetern leben Bozena und Jurek mit zwei Kindern. Das Wohnzimmer ist gleichzeitig ihr Eß-, Schlaf- und Arbeitszimmer, in dem Bozena Hefte korrigiert und Zeugnisse schreibt und Jurek seinen Schmuck herstellt. Sie teilen den Raum außerdem mit einem alten Klavier und einem jungen Hund. Und nun ist hier auch noch Platz für uns und im Laufe des Abends für immer mehr Menschen, die kommen, um uns zu begrüßen. Und wären wir nicht schließlich gegangen, spät am Abend, wer weiß, ob wir nicht die Lösung gefunden hätten zu dem Problem, wie viele Engel Platz finden auf einem Rosenblatt.

 

11.

CUISINE POLONAISE

Zum Frühstück gibt es - etwas erschreckend für unsere Mägen - heiße polnische Brühwurst. Ansonsten ist es schwer, in Polen polnische Gerichte zu bekommen. Wiener Schnitzel und Rinderrouladen schmecken hier wie überall. Die Freunde servieren Exotisches wie Curryhuhn mit Rosinen, oder sie treffen uns im Thai-Restaurant. Von Piroggen raten sie uns ab - wer weiß, was drin ist? Endlich, in Gniew, in einem Restaurant der II.Kategorie, bekomme ich "flaci", Kuttelsuppe. Sie erweist sich als alte Bekannte und zugleich eine meiner Leibspeisen: "Flaci" ist typisch polnisch - als "Königsberger Fleck" ist es das ostpreussische Nationalgericht. In den Kochtöpfen trifft sich die Welt.

 

12.

AMO POLONIAM

An der Lindenallee, die nach Pelplin führt, steht einer der vielen Bar-Kioske. Davor eine Gruppe von Männern, trinkend, rauchend. Am Straßenrand ein Fuhrwerk, das Pferd wartet mit geduldig gesenktem Kopf.

Der Dom von Pelplin: dreihundert Jahre wurde an ihm gebaut, er hat einen der höchsten Altäre Europas, im Bild von der Anbetung der Hirten wird Rembrandts Lichtführung vorweggenommen - lauter Kostbarkeiten der Kunst und der Architektur. Das Kostbarste aber ist der schwarzgewandete Cherub. Der ist Mitglied des angeschlossenen Priesterseminars und für eine halbe Stunde unser Führer durch die geheimnisvolle Dämmerung des Kirchenschiffes. Aber ich habe kein Auge für die Kunstschätze und kaum ein Ohr für Janinas Übersetzung. Zu herzergreifend hübsch ist dieser junge Seminarist mit den Grübchen und dem fröhlichen Lachen. Die Soutane hebt ihn heraus - und läßt ihn gleichzeitig noch rührender erscheinen. Ich suche und finde einen Vorwand, den Cherub ganz für mich zu haben. Ich spreche nicht Polnisch und er nicht Deutsch, nicht Englisch, nicht Französisch, nicht... nur Griechisch und Latein. Ein Vierteljahrhundert nach dem Großen Latinum stelle ich fest, daß Latein keine tote Sprache ist. "Scriptor librorum sum", sage ich. "Bremae et Gedanium urbes amicitiae sunt". Und vor allem "Amo Poloniam" ("et te autem"... und dich auch - aber das denke ich mir nur.) Für ein Foto lächelt er sein herzergreifendes Lächeln. Das trage ich nach Hause mit mir, Erinnerung an einen Cherub in schwarzer Soutane.

Wieder fahren wir durch die Lindenallee. Vor der Bar die trinkenden Männer. Am Straßenrand noch immer das selbe Fuhrwerk. Ist denn gar keine Zeit vergangen seit heute morgen? Aber was ist Zeit?

 

13.

KWIDZYN - MARIENWERDER

Der Blick vom Dansker über die Weichselniederung atemberaubend - für Touristen. Für die Ordensritter überlebensnotwendig. Schloß und Kirche eine einzige mächtige Verteidigungsanlage. Gegen Menschen, die sich nicht unterwerfen wollten - dem neuen Glauben nicht und nicht den fremden Rittern. Der Dom innen und außen streng, schmucklos, männlich. Ein feste Burg... Unter meinen Füßen die Quadern, die unter den schweren Schritten der Ordensmänner hallten. Unter meinen Fingern die Steine, auf denen ihre gepanzerten Hände ruhten. Ich kann sie sehen, wenn ich die Augen schließe: Unter den weißen Mänteln mit dem schwarzen Kreuz tragen sie die Rüstung. Ihre Hände, jetzt noch im Gebet gefaltet, sind bereit, im nächsten Augenblick das Schwert zu ziehen und zu töten. Ihr Christentum muß ein anderes gewesen sein als das meine.

 

14.

HEL

In der Bucht durchsichtig klares Wasser, in dem Schwärme von Stichlingen schwimmen. Das gegenüberliegende Ufer in einem schwebenden, ungewissen Abendlicht. Ein duftender Fichtenwald, dann die andere Seite der Nehrung: ein Traumstrand, endlos, weiß und ganz für uns alleine. Ich schreibe dem Meer ein Gedicht in den Sand, damit es meine Worte mit sich fortnehmen kann. Aber das baltische Meer hat keine Gezeiten wie meine Nordsee. So geb ich mein Lied dem Wind.

 

15.

VERGLEICHENDE PHILOLOGIE

Krystina spricht Polnisch und Französisch. Wladyslaw Polnisch und Englisch. Jurek ebenso. Inga spricht Deutsch. Ludvika spricht Polnisch. Anka und Bozena sprechen Polnisch und Englisch. Wolfgang spricht Deutsch und Griechisch, Antonia Deutsch, Griechisch und Englisch. Sonst gibt es keinen, der Griechisch kann. Max spricht Deutsch, Englisch und Französisch. Ich spreche Deutsch, Englisch und Russisch. Alle Polen können ebenfalls Russisch, sprechen es aber nicht - aus Prinzip. Wenn Inga etwas zu Krystina sagen will, sagt sie es mir in Deutsch, ich sage es Wladyslaw in Englisch, er sagt es Krystina in Polnisch. Oder Inga sagt es zu Max, Max sagt es dann Krystina auf Französisch - das geht schneller. Wenn Max sich mit Ludvika unterhält, sagt er es auf Englisch zu Wladyslaw, Jurek, Anka oder Bozena, die es dann auf Polnisch weitergeben. Linguistische Fehlgriffe tragen zur allgemeinen Erheiterung bei, ebenso Bozenas drei Worte Deutsch ("Oh mein Gott" - mit Emphase vorgetragen) und meine vier Worte Polnisch (Dzenkuie, Dzen dobre, Ratunku). In diesem Sprachgewirr versteht jeder jeden. Babylonisch wird es erst, wenn wir Deutschen Deutsch miteinander reden und die Polen Polnisch.

 

16.

PRIVATISIEREN, BITTE.

Die Lokalität, in der wir zum Kaffee einkehren, hat Ausmaß und Charme eines Bahnhofswartesaales III. Klasse, und wird staatlich bewirtschaftet. Der Boden abgetreten, die Resopaltische fleckig, es riecht nach Lysol. Das Geschirr ist schmutzig, aber da der Kaffee nach polnischer Art sehr stark ist, nehmen wir einfach an, daß er auch imstande ist, etwaige Bakterien zu erledigen. Unterhaltung ist wegen ohrenbetäubender Popmusik, die ausschließlich der Zerstreuung der Kellnerin dient, kaum möglich. Die großen Aussichtsfenster gehen auf den Parkplatz hinaus, der bis auf unsere Autos leer ist. Der herrliche Seeblick bleibt dem Küchenpersonal und Besuchern der Toilette vorbehalten. Ab sofort beklagen wir uns nicht mehr über die vielen Cafes und Restaurants, an denen ein Schild hängt: Wegen Privatisierung geschlossen!

 

17.

IM KASCHUBENLAND.

Zwei Dinge verband ich bisher mit der Kaschubei: Das Weihnachtslied "Wärst Du, Kindelein, im Kaschubenland geboren...", in dem geschildert wird, wie die kaschubischen Bauern das Jesuskind mit Butter, Honig und anderen guten Sachen verwöhnen würden.

Und die Sache mit dem gestohlenen Großvater. Das war auf der Flucht gewesen, damals im eisigen Winter 45. Der Treck hatte in einem kaschubischen Dorf haltgemacht. Mit begehrlichen Blicken betrachteten die Dorfleute die Habe der Flüchtenden - vor allem eine große Truhe, die mit besonderer Vorsicht abgeladen wurde und sicherlich einen besonders wertvollen Inhalt hatte. Während die Flüchtlinge beim Dorfvorsteher waren, um wegen Verpflegung und Pferdefutter zu verhandeln, verschwand die Truhe. Niemand verlor ein Wort darüber, es wurde auch keine Anzeige gemacht. Am nächsten Morgen stand die Truhe wieder an ihrem Platz - samt Inhalt. Sie enthielt den toten Großvater einer Flüchtlingsfamilie, den man wegen des hartgefrorenen Bodens noch nicht hatte beerdigen können.

Es scheinen die Kaschuben also zu sein wie die meisten anderen Menschen auch: gleichermaßen imstande, das arme Jesuskind zu verwöhnen und den toten Großvater zu kauen.

 

18.

IM MUSEUM.

Es begrüßt uns ein alter Mann mit pfiffigem Ledergesicht. Wir müssen gleich eine Prise aus seinem Schnupftabaksbeutel nehmen - so sei es Tradition hier. Findige Leute sind die Kaschuben, denn im Museum sehen wir Kinderbetten, die mitwachsen können - die ersten Vario-Möbel. Wir sehen ein Wiegenbutterfaß, das mit dem Fuß bedient werden kann - so hatte die Bäuerin die Hände frei zum Stricken. Und wir sehen die berühmten traditionellen Blumenstickereien, die Decken und Kleidung schmücken. Der Mann mit dem Tabak spielt uns zum Abschied ein Lied auf der Teufelsgeige. Die hat statt der Saiten ein Sägeblatt, und der Bogen sieht aus wie ein knotiger Spazierstock. Dzenkui, sagen wir. Und dann: Hatschi!

 

19.

DIE VERBRENNUNG DER KANIA.

Das ist ein kaschubischer Brauch, bei dem ein Raubvogel als Sündenbock verurteilt, hingerichtet und verbrannt wird. Heute ist der Vogel aus Federn, Stroh und bunten Bändern. Zuerst wird Gericht gehalten über ihn - man klagt ihn an wegen der Dürre oder wegen Hagelschlag oder auch dafür, daß die Zementlieferungen ausgeblieben sind. Der Henker köpft das Tier, dann wird es in einem großen Freudenfeuer verbrannt. Musikanten sind da, es wird gegessen, getrunken, gefeiert. Der Unglücksvogel ist tot - nun kann alles nur noch besser werden.

 

20.

REDEFREIHEIT.

Das Dach der Klosterkirche Kartuty - Karthaus - ist einem Sargdeckel nachgebildet. An der großen Sonnenuhr steht eingemeißelt: Memento mori. "Memento mori" - "gedenke deines Todes" war auch der Gruß, den die Mönche tauschten, wenn sie einander begegneten. Sonst herrschte Grabesstille im Kloster, denn mehr zu sagen war ihnen nicht erlaubt. Nur einige Male im Jahr, an hohen Feiertagen, wurde dieses Gebot aufgehoben. Was die Mönche einander dann wohl zu sagen hatten? "Memento mori" vielleicht? Im kleinen Führer durch die Klosterkirche von Karthaus jedoch werden diese Feiertage anders beschrieben: "Fröhlich wurde geplaudert, Erinnerungen ausgetauscht, diskutiert. Fischgerichte wurden serviert und jeder konnte zur Genüge essen. Es wurde gemütlich, wenn zum Schluß das herrlich gebraute Bier gereicht wurde."

 

21.

DANZIGER ROSENKRANZ.

Seine Perlen sind aus jenem leichten Stein, der kein Stein ist, sondern ein Harz, von Nadelbäumen ausgeweint vor Jahrmillionen: aus Bernstein. Ich kaufe ihn an einem sonnigen Sommertag in der Danziger Langgasse zur Erinnerung an diesen Tag, an diesen Ort. Erst als ich die leichten Perlen abends durch meine Finger gleiten lasse, weiß ich, daß ich mit diesem Souvenir einen alten Kindertraum nach Hause getragen habe. Ich erinnere mich, wie ich meine katholische Schulfreundin um ihre prächtige, duftende Kirche beneidete, um ihre vielen Heiligen und vor allem um ihren Rosenkranz. Jahrzehnte mußten vergehen, tausend Kilometer nach Osten mußte ich reisen, nun gehört diese Perlenschnur mir. Perlen aus dem Harz von Bäumen, die vor Jahrmillionen lebten...

 

22.

POLNISCHE KÜSSE.

In Polen wird sehr viel heftiger geküßt als bei uns. Die freundschaftlichen Küsse auf die Wange - links, rechts, links - sind nicht bloß so hingehaucht, Luftküsse gewissermaßen. Hier wird reell und hörbar geschmatzt, zumal beim Abschied, wenn man sich schon ein bißchen besser kennengelernt hat. Selbst die konventionellste Form, der Handkuß, hat etwas geradezu Besitzergreifendes: denn der Herr beugt sich nicht etwa über die Damenhand, sondern zieht sie mit festem Zugriff an seine Lippen und drückt diese fest und anhaltend darauf. Diese Form des Handkusses hat den Vorteil, daß man sich dabei in die Augen sehen kann. Wenn schon die freundschaftlichen Küsse in diesem Land so eindrucksvoll sind - wie müssen dann erst die Liebesküsse sein? Szcze'sliwa Polska - Glückliches Polen!

 

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HUNDERT GRAMM VODKA UND HUNDERT GRAMM HOFFNUNG

- Impressionen aus Novgorod -

 

LIEGT NOVGOROD IN RUSSLAND?

Im Prinzip ja. Und immerhin gibt es zwei Stunden Zeitdifferenz zwischen hier und dort. Trotzdem kommt mir Novgorod westlicher vor als etwa Lvov oder Riga. Ich kann hier ein Taxi nehmen oder in ein Restaurant gehen, ohne daß ich als Ausländerin den zehnfachen Preis zahlen muß - wie es z.B. in der Ukraine der Fall ist. Und noch niemand hat es für nötig gehalten, mich vor Taschendieben zu warnen. Die Menschen sind freundlich, aber hanseatisch zurückhaltend; niemand stellt neugierige Fragen. In vielem erinnert Novgorod mich an meine eigene Stadt, an Bremen. Eine angenehme Stadt: sauber, zivilisiert.

 

Nur eines irritiert mich. Wann immer ich "sto gram" - die in Rußland üblichen hundert Gramm Vodka - bestelle, sieht die Bedienung mich fragend an. Im Beresta Palace, dem Top-Hotel Novgorods, standen einmal sogar mehrere kleine Gläser vor mir statt des normalen Wasserglases, in dem der Vodka in anderen osteuropäischen Ländern serviert wird. "Tja", sagt mein russischer Kollege Ilja bedauernd, "das ist eben der westliche Einfluß." Igor schenkt mir daraufhin ein antikes Halbliter-Vodkaglas. Danke, Igor - aber sooo russisch muß es dann doch nicht gleich sein für mich!

 

RUSSISCHE SEELE I

In Rußland etwas zu bewegen, ist gar nicht so einfach. Natürlich ist da immer noch die allgegenwärtige Bürokratie. Beispiel: Um mein Visum gestempelt zu bekommen, brauche ich vorher Dokumente von drei oder vier verschiedenen Behörden - ein halber Sommertag geht damit hin.

Auch die Strukturen - oder vielmehr ihr Mangel - tragen dazu bei, die einfachsten Dinge zu komplizieren. Beispiel: Drei Freunde von Jurij haben sich bereit erklärt, mich mit dem Auto nach St. Petersburg zu bringen. Nacheinander gehen alle drei Fahrzeuge kaputt und können nicht rechtzeitig repariert werden - weil es keine Ersatzteile gibt. - Dann nehme ich eben einen Leihwagen, sage ich. - Gibt es hier nicht. - Und ein Taxi? - Zu teuer. - Gut, fahre ich halt mit dem Zug. - Es gibt nur einen Zug am Tag, und der ist schon weg. - Und wie kriege ich morgen früh mein Flugzeug? - Na ja, kommt es zögernd, es gibt einen Bus... - Wunderbar! Warum habt ihr das nicht gleich gesagt? - Wir dachten, du würdest vielleicht nicht gerne mit dem Bus fahren wollen...

Das größte Hindernis scheint allerdings das Bestreben zu sein, alles und jedes zu problematisieren. Beispiel: Auf Vorschlag der Bürgermeisterin bin ich mit dem Herausgeber der Wochenzeitung "Novgorod" verabredet. Es ist naheliegend, in einem Informationsaustausch zwischen den Hansestädten auch die Presse einzubeziehen. Und trotz der verschiedenen Idiome werden auch die russischen Kollegen - wie die Kollegen überall in der Welt - die gleiche Sprache sprechen wie ich, denke ich. Weit gefehlt! Drei sehr ernsthafte Herren Redakteure befragen mich inquisitorisch, wie denn so etwas zu bewerkstelligen sei, und was wir mit Zeitungen wollten, die doch dann gar nicht mehr aktuell seien, und überhaupt: wozu das Ganze denn gut sein solle. Ich gebe auf und denke: wenn die Zeitung so ist wie ihre Redakteure, ist sie bestimmt das reinste Schlafmittel.

"Ich hatte das Gefühl", sage ich zu Eduardu, dem Germanistikstudenten, "daß sie alles taten, um ein Problem zu schaffen, wo gar keines war."

"Totschno - genau so ist es", sagt er. "Russen lieben Probleme und können endlos darüber diskutieren. Deshalb werden hier ja auch so wenige Probleme gelöst."

 

RUSSISCHE SEELE II

Mit Freunden in einer russischen Küche zu sitzen, ist für mich der Inbegriff eines Festes. In Rußland Gast zu sein, bedeutet nämlich eine ernsthafte Verpflichtung. Die Menschen hier sind arm, aber für einen Gast ist das Beste gerade gut genug. Um dies zu würdigen, muß man als Gast von allem essen, was auf dem Tisch steht - und zwar möglichst reichlich davon. Nur gut, daß zwischendurch immer wieder Vodka getrunken wird. Das beugt wenigstens den schlimmsten Magenbeschwerden vor. Trotzdem ist mir immer noch nicht klar, ob die Russen bei solchen Gelegenheiten soviel Vodka trinken, um das schwere Essen besser verkraften zu können - oder ob sie so viel essen, um mehr Vodka trinken zu können...

 

Am schönsten sind die russischen Feste, die spontan entstehen - etwa, weil gerade ein paar Freunde vorbeikommen. Solche Feste finden grundsätzlich in der Küche statt, und es ist ganz erstaunlich, wie viele Menschen in so einen kleinen Raum hineinpassen. Für Tee und Vodka reicht es immer irgendwie, dazu ein bißchen Brot, etwas Käse, ein paar Salzgurken. Jemand spielt auf der Gitarre - alte Balladen, Lieder von Okudshawa und Wisotzkij. Es wird viel geredet, viel getrunken und noch mehr gelacht. Was macht es da aus, daß man kein Geld hat, vielleicht nicht einmal Arbeit und daß die politische Lage hoffnungslos zu sein scheint? Nitschewo! Rücken wir lieber enger zusammen, singen wir, trinken wir, lachen wir. In einer russischen Küche finden sich immer hundert Gramm Vodka und hundert Gramm Hoffnung.

 

WEISSE NÄCHTE

Der Kreml-Park ist voller Menschen.

Unten am Wolchow-Fluß spielt eine Pop-Gruppe, am Sadko-Denkmal tanzt die ältere Generation zu Harmonikaklängen.

Nachts um halb eins ist es noch so hell, daß die Kinder auf dem Spielplatz Tischtennis spielen können.

Irgendwann färbt sich der Himmel etwas dunkler, schimmert grünlich oder bläulich für kurze Zeit. Dann ist es Morgen.

Wer kann schlafen in solchen Nächten?

Nimm die Gitarre, Jurij, spiel bis zum Morgen.

Es sind Nächte, gemacht für die Liebe. Aber mein Liebster ist nicht hier. Spiel, Jurij, für ihn und für mich. Bringe mich zum Lachen und bring mich zum Weinen. Und du, Olga, sing für mich, sing.

Deine Lieder sagen, was in meinem Herzen ist, geben meiner Sehnsucht Worte, besänftigen den Schmerz.

Olga, Jurij, bleibt bei mir, bis der Morgen kommt und die Helligkeit der Nacht der Helligkeit des Tages weicht.

 

BUDJONOWSK UND DER LAUF DER WELT.

Krieg in Tschetschenien. In Budjonowsk haben Aufständische ein Krankenhaus besetzt und mehrere hundert Patienten als Geiseln genommen.

In Deutschland wird das Geschehen mit Spannung verfolgt.

In Novgorod weiß niemand etwas Genaueres über die weitere Entwicklung, niemand scheint sich sonderlich dafür zu interessieren.

Anders in St. Petersburg.

Die Sicherheitsmaßnahmen sind verschärft worden, weil auch hier Anschläge befürchtet werden. Überall in den Straßen Miliz. Autos und Personen werden angehalten und nach Waffen durchsucht. Gemeinsam mit Ilja und Ella verfolge ich die Fernsehnachrichten. Russische Soldaten haben einen Teil des Krankenhauses gestürmt, sodaß zahlreiche Patienten sich befreien können. Die Bilder der teilweise nur halb bekleideten Menschen, die sich unter dem Feuerschutz der Soldaten in Sicherheit bringen, sind erschütternd. Ilja schätzt die Lage als sehr bedenklich ein. Auf meine Einladung zu einem Besuch in Deutschland sagt er: "Wir können jetzt immer nur von einem Tag auf den anderen planen. Wer weiß schon, was in vier, fünf Tagen sein wird?" St. Petersburg - Novgorod. Die Städte liegen nur 180 Kilometer voneinander entfernt.

 

RUSSISCH LERNEN

Die russische Sprache ist schwerer zu lernen als alle anderen Sprachen, mit denen ich mich bisher beschäftigt habe. Nicht genug damit, daß Substantive und Adjektive unterschiedlich dekliniert werden, die Konjugation der Verben fast nur aus Ausnahmen zu bestehen scheint und die Lehre von den Aspekten eher einer Geheimwissenschaft gleicht als einem Teil der Grammatik - auch mit der Betonung ist das so eine Sache. Dasselbe Wort, unterschiedlich betont, kann ganz gegensätzliche Bedeutungen haben.

Trotzdem - nach einer Woche Rußland habe ich das Gefühl, tiefer in die Sprache eingedrungen zu sein als nach drei Semestern Studium.

"Eigentlich", sage ich zu Ilja, "komme ich mit zwei Ausdrücken zurecht: 'Kaschmar' (wörtlich: Alptraum) und 'wsjo porjadke' (alles in Ordnung)."

Ilja meint, in Rußland bedeutet das im Grunde das gleiche.

Die russische Befindlichkeit in der Nußschale.

 

RUSSISCHE FRAUEN

"Du bist eine russische Frau", sagt man mir immer wieder. Das ehrt mich. Aber um eine russische Frau zu sein, muß man mehr können als Gefühle zeigen und Vodka trinken.

So gut wie alle russischen Frauen arbeiten, versorgen daneben Haushalt und Familie, außerdem die Datscha, den Garten vor der Stadt. Ohne die Datscha würde der Küchenzettel in den meisten Familien noch schmaler aussehen. Russische Frauen haben - notgedrungen - eine wahre Meisterschaft im Konservieren entwickelt: Im Marmeladekochen, Kompotteinmachen, Kohleinstampfen, Gurkeneinlegen, Pilzetrocknen. Und fast so etwas wie Ehrfurcht schwingt in den Stimmen russischer Männer, wenn sie die Leistungen ihrer Frauen beschreiben.

Und hübsch sind diese Frauen! Sie verstehen sich zu kleiden und zurechtzumachen - und sie tun es, allen Widrigkeiten des russischen Alltags zum Trotz. Die Schwermut, der die Männer sich oft überlassen, ist ihre Sache nicht. Wie sollte das Leben auch sonst weitergehen? Mit Lippenstift und Lächeln setzen sie immer wieder Zeichen der Hoffnung. Seit Jahrhunderten sind übrigens einige der gebräuchlichsten Mädchennamen in Rußland: Vera, Ljubov, Nadeshda - Glaube, Liebe, Hoffnung.

 

UNTERWEGS

Meine russischen Freunde haben mir abgeraten, mit Aeroflot zu fliegen. Denn: "Schnell, bequem und ohne Sorge beerdigt dich "Aeroflot"."!

Aber Aeroflot ist nun einmal billiger als andere Fluglinien. Außerdem finde ich es nur angemessen, meine erste Reise nach Rußland in einem russischen Flugzeug anzutreten. Ich stelle fest, daß es in einer Tupolev nicht anders zugeht als in jedem anderen Flugzeug der Welt: Lächelnde Stewardessen, freundlicher Service, selbst der plastikverpackte Imbiß ist Lufthansa-, SAS-, KLM-identisch. Und sicher gelandet bin ich auch.

 

Das Fliegen war der komfortable Teil des Reisens. Anders sieht es da mit den Bussen aus. Sie fahren häufig und pünktlich. Und umfallen kann man in ihnen auch nicht, selbst wenn der Fahrer noch so heftig bremst: eine vollgepackte Sardinenbüchse ist ein einsamer Ort gegen einen russischen Bus. Wichtig ist allerdings, sich nicht in der Nähe des Ziehharmonika-Gelenks aufzuhalten: dieses ist oft so durchlöchert, daß man sich in einer Kurve mit einem Fuß auf der Straße wiederfinden kann.

 

Wirklich lebensgefährlich aber scheint das Autofahren zu sein. Sowohl in St. Petersburg als auch in Novgorod sind die Straßen unglaublich großzügig angelegt - aber sie sind in einem desolaten Zustand. Trotzdem fahren die Russen, als befänden sie sich auf einer Rennstrecke. Ob es irgendwelche Verkehrsregeln gibt, habe ich nicht ergründen können. Falls doch, hält sich jedenfalls niemand daran. Lediglich eine rote Ampel ist eine rote Ampel ist eine rote Ampel, vor der man grundsätzlich mit quietschenden Reifen zum Stehen kommt. Ein russisches Auto - wenn auch nicht im Vollbesitz meiner Sinne, aber doch immerhin lebend - zu verlassen, grenzt für mich jedesmal an ein Wunder.

 

Das größte Wunder ist es wohl, heil von St. Petersburg nach Novgorod zu gelangen - mit Ella am Steuer, die immer wieder schleudernd einem Schlagloch oder einem deckellosen Gully ausweicht, dabei fast in Kollision mit einem überholenden oder entgegenkommenden Fahrzeug gerät, das gerade ein ähnliches Manöver durchführt. Aber Ella bleibt gelassen und frühstückt sogar noch dabei - in einer Hand ein Stück Brot, in der anderen ein Stück Käse und zwischendurch immer mal wieder ein Schluck Tee aus dem Becher, den Ilja ihr hinhält.

 

Was haben meine russischen Freunde gegen Aeroflot - wo sie doch täglich Auto fahren?

 

RACHMANINOV UND EIN KÄMPE AUS AFGHANISTAN

Der Zweite Internationale Rachmaninov-Wettbewerb für junge Pianisten wird eröffnet. Auf der Bühne der Philharmonie ein Porträt Rachmaninovs, auf dem er aussieht wie Humphrey Bogart. Davor riesige Arrangements aus Plastikblumen. Musik findet zunächst nicht statt - erst müssen die Reden gehalten werden. Die Reden sind lang und es sind ihrer viele, wie immer in Rußland. Ich komme zu dem Schluß, daß die Russen einen Hang zum Masochismus haben müssen. Oder zum Sadismus. Oder zu beidem.

 

Als ich schon gar nicht mehr darauf zu hoffen wage, erscheint ein Dirigent und ich werde wieder munter. Das ist das Gute an Rachmaninov - man schläft bei ihm nicht ein, denn er kann ganz schön laut werden. Es ist ein sehr warmer Abend und der Dirigent arbeitet schwer. Schweiß rinnt ihm über Nacken und Frackrücken. Er sieht aus, als käme er aus dem Regen.

 

Rachmaninov hin oder her - auch mir ist es inzwischen heiß geworden. Statt mich in der Pause ins überfüllte Restaurant zu drängen, setze ich mich lieber draußen auf die Stufen. Ein Mann undefinierbaren Alters setzt sich zu mir. Er ist sehr hager, sein Gesicht ist zerfurcht.

"Ah, Rachmaninov", sagt er. "Wußtest du, daß er Leute wie dich nicht ausstehen konnte? Als auf seiner Amerika-Tournee ein Journalist ihn fotografieren wollte, hielt er beide Hände vors Gesicht. Das Bild war am nächsten Tag in der Zeitung mit der Schlagzeile: Für diese Hände haben wir eine Million Dollar bezahlt."

Der Mann hat in Afghanistan gekämpft, als Kapitan (Hauptmann). Er zeigt mir eine riesige Narbe, die quer über seinen Bauch geht. Als er mir das Ganze zum dritten Mal erzählt und mir zum dritten Mal seine Verwundung gezeigt hat, merke ich, daß der Krieg mehr als nur die Narbe bei ihm hinterlassen hat.

 

DIE KLEINEN PRINZESSINNEN

"Wir freuen uns, dich zu sehen, wir freuen uns, dich zu hören und wünschen dir Erfolg!" heißt es auf einem riesigen Spruchband gegenüber der Bühne. Auf der Bühne ein Steinway-Flügel, zu beiden Seiten die unvermeidlichen Plastikblumen-Arrangements, über allem das Rachmaninov-Porträt, auf dem man ihn für Humphrey Bogart halten könnte. Über vierzig Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren werden in den nächsten Tagen versuchen, den Zweiten Internationalen Klavierwettbewerb für sich zu entscheiden.

 

Die kleinen Virtuosen sind fast ausschließlich Mädchen. Mädchen? - Nein - kleine Prinzessinnen in Samt und Seide, Rüschen und Spitzen. In den glänzend gebürsteten Haaren tragen sie riesige Propellerschleifen. Sie knicksen, verneigen sich, lassen sich den Klavierhocker auf die richtige Höhe einstellen. Dann läßt man sie allein, die kleinen Mädchen auf der riesigen Bühne. Aber nicht eine von ihnen scheint nervös zu sein.

 

Aufgeregt sind nur die Lehrerinnen, die im seitlichen Bühneneingang stehen. Eine von ihnen sehe ich beim Auftritt ihres Schützlings beten. Die kleinen Prinzessinnen berührt dies nicht. Konzentriert und mit Hingabe tragen sie ihre Stücke vor, verbeugen sich artig für den Applaus, gehen gelassen ab.

Sie sind die Besten. Aber dies ist erst der erste Durchgang des Wettbewerbs. Und nur eine von ihnen kann gewinnen. Gut möglich, daß irgendwann auch Prinzessinnen weinen.

 

EIN RUSSISCHES GEBURTAGSFEST

Über eine Wendeltreppe gelangt man ins Obergeschoß eines der Türme in der Kreml-Mauer. Hier ist das Restaurant "Detinez" untergebracht, hier gibt es Musik, hier gibt es mein Lieblingsgericht - Pilze in Sahne - und hierher habe ich für heute Abend meine Freunde eingeladen, um mit ihnen meinen Geburtstag zu feiern.

 

Die Kerzen brennen, als wir kommen und die Kapelle spielt das Geburtstagslied: "Pecenka Krokodila Geni". Wir reden und lachen, die Vodka-Karaffe kreist, und ich versuche, nicht daran zu denken, daß ich bald abreisen muß. Nach Rußland zu kommen war wie nach Hause zu kommen. Ein Kollege schrieb einmal über mich, daß ich eine slawische Seele hätte. Daran liegt es wohl.

 

Aber jetzt will meine slawische Seele feiern! Also weg mit allen traurigen Gedanken! Die Musiker spielen alle meine Lieblingslieder, und bei der guten alten "Kalinka" hält mich nichts mehr. Die Schuhe fliegen zur Seite. Jetzt wird getanzt!

 

Ein schöner, ein unvergeßlicher Abend. Und reich beschenkt haben mich meine Freunde: Bücher, Schmuck, kunstvolle Kästchen aus Birkenrinde. Das schönste Geschenk aber macht mir Jurij: Als wir uns alle in Olgas Küche gedrängt haben, nimmt er seine Gitarre und singt. Ich spüre sie alle ganz nah - Ira und Igor, Olga, Tanja... Und durch das Fenster leuchtet die helle Nacht.

 

BEGEGNUNG MIT DER MILIZIJA

Zu welcher Reisegruppe ich gehöre, werde ich immer wieder gefragt, wenn ich mit Leuten ins Gespräch komme. Das Erstaunen ist groß, wenn ich sage, daß ich alleine reise und hier nicht im Hotel, sondern bei Freunden wohne. Daß Ausländer auf diese Art in Rußland reisen, scheint immer noch recht exotisch zu sein.

Das finden offensichtlich auch die Behörden. Während man im Hotel einfach seinen Paß abgibt und ihn dann mit allen erforderlichen Stempeln versehen zurückerhält, ist das Verfahren für den Einzelreisenden wesentlich komplizierter. Ginge es nach mir, würde ich auf diesen Stempel ganz verzichten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man mich beim Abflug von St. Petersburg deshalb zurückhalten würde. Und wenn - nun ja, das wäre dann das Problem der russischen Behörden und nicht meines. Aber da sind Olga und Jurij, die meinetwegen Schwierigkeiten bekommen könnten.

 

Also: auf zur Stadtverwaltung. Aber dort kann uns niemand sagen, wer für meinen Fall zuständig ist. Ziemlich vage verweist man uns von Zimmer zu Zimmer.

Bis es mir reicht.

In einem dieser Amtsräume setze ich mich auf einem Stuhl fest, wedele mit meinem Paß und rede auf den Sachbearbeiter ein.

Bis es auch dem reicht. Wahrscheinlich hat er nicht die Hälfte von meinem russisch-englisch-deutschen Wortschwall verstanden. Entnervt greift er zum Telefon und - siehe da - innerhalb kurzer Zeit sind die Zuständigkeiten geklärt. Ich lächle mein strahlendstes Lächeln und höre einen tiefen Seufzer der Erleichterung, als ich die Tür hinter mir schließe.

 

Aber noch habe ich meinen Stempel nicht. Den ganzen nächsten Vormittag ist die arme Olga unterwegs, denn vorher sind noch alle möglichen rätselhaften Dokumente von den verschiedensten Behörden zu beschaffen. Den ultimativen Stempel soll ich dann bei der Milizija, der Polizei, bekommen. Olga ist schon genug für mich herumgelaufen, deshalb bestehe ich darauf, allein dorthin zu gehen. Besorgt schütteln meine Freunde die Köpfe. Wer geht schon gern zur Milizija. Ach was, beruhige ich sie, sollen die sich doch an mir die Zähne ausbeißen.

 

Aber die Milizija hat keine Zähne. Jedenfalls zeigt sie sie mir nicht. Als ich nach zehn Minuten mit meinem frisch gestempelten Visum wieder vor der Tür stehe, empfinde ich das fast schon als eine Art Anti-Klimax. Da fällt mein Blick auf das Straßenschild. Die Polizeidienststelle befindet sich in der Kooperativnaja-Straße. Est nomen omen?

 

WIEDERSEHEN MIT DEM NIKOLAUS

Jedes Jahr Anfang Dezember steht eine Kunstpostkarte bei mir auf dem Eßtisch, auf der der heilige Nikolaus abgebildet ist. Seine Züge sind mir inzwischen so vertraut, daß ich verblüfft stehenbleibe und beinahe "Oh - hallo!" gesagt hätte, als ich ihm jetzt plötzlich, mitten im Sommer - im Original - begegne. Die amerikanischen Schüler, für die die Führung durch die Ikonensammlung eigentlich gedacht war, haben sich längst gähnend und kaugummikauend in den Kremlpark verkrümelt. So kann ich in Ruhe das gütige Gesicht mit den dunklen Augen betrachten. Die Archäologie-Studentin Tanja möchte mir auch all die übrigen Schätze des Museums zeigen. Aber ich will in mir das geheimnisvolle Dunkel und den Goldglanz der Ikonen aufbewahren. Und noch einmal zurückgehen zu dem Bild des Heiligen Nikolaus. Weise und gütig blickt er mir entgegen - so als hätte er mich schon erwartet. Ein Novgoroder Sprichwort fällt mir ein: "Wenn unserem Gott etwas passiert, haben wir immer noch den Heiligen Nikolaus."

 

Das Museum schließt, ich muß gehen. Aber morgen komme ich wieder. Und übermorgen. Und jeden Tag, den ich in Novgorod bin.

 

LÄNDLICHE IDYLLE

Die Große Moskowo-Straße ist eine breite, belebte Straße. Es gibt hier viele der kleinen "Magasini" - Läden, gerade türbreit, mit den unwahrscheinlichsten Warenzusammenstellungen: Schuhe und Schokolade, Kaffee und Korsetts, Vodka und Kinderspielzeug. Zwischen den Häusern stauen sich die Abgase der Lada, Volga, Moskvitch. Auf einmal Pferdegetrappel. Ich traue meinen Augen nicht: Ein kleines dickes Pferd im Kummetgeschirr zieht, gelenkt von einem kleinen dicken Bauern, gemächlich einen Leiterwagen. Der Wagen ist hoch mit frischem Gras beladen, obendrauf liegt ein Junge und kaut an einem Halm. Dicht neben mir kommt der Wagen zum Stehen. An einem Stand, wo Kwass, ein aus vergorenem Brot hergestelltes Erfrischungsgetränk, verkauft wird, hat der Bauer einen Bekannten entdeckt. Ein langes Gespräch entsteht. Die Autos fahren um das Gespann herum. Das kleine dicke Pferd senkt geduldig den Kopf und döst. Der Junge auf dem Leiterwagen kaut an seinem Grashalm.

 

NACH DER PRESTROIKA

Zu Mittag gibt es Kohlsuppe. Abends auch. Manchmal gibt es sie schon zum Frühstück, denn eine warme Suppe wärmt nicht nur den Magen, sondern auch die Seele, sagt Olga. Manchmal gibt es Borschtsch. Mehr ist nicht drin. Jurij ist arbeitslos und Olga verdient als Bibliotheksleiterin umgerechnet vierzig Dollar im Monat. Davon gehen achtzehn Dollar für die Miete ab.

Nach der Perestroika gibt es zwar keine Defizite mehr, der Markt ist mit Westwaren überschwemmt. Aber bezahlen kann diese kaum jemand. Gerade die Intellektuellen - Lehrer, Ärzte usw. - verdienen am wenigsten. Das war zwar schon zu sowjetischen Zeiten so, aber damals waren auch die Preise wesentlich niedriger. Das Paket Kaffee, das ich für fünf Dollar im Supermarkt gekauft habe, ist der absolute Luxus. Olga ist noch nie in diesem Laden gewesen - die Waren dort sind ja ohnehin unerreichbar für sie. Und Jurij, ein Bär von einem Mann, hat nur einen einzigen Traum: hin und wieder ein richtiges Stück Fleisch essen zu können - wie vor der Perestroika.

 

HERZSCHMERZ

Eduardu ist zweiundzwanzig, Student an der deutschen Fakultät und soll mir die Universität zeigen. Diese ist in einem ehemaligen Kloster am Ufer des Wolchow untergebracht. Das Semester ist schon zu Ende, es gibt also wenig zu sehen. Mir ist das ganz recht, so können wir schräg gegenüber ins Beresta-Palace-Hotel gehen, wo es kalten Vodka und köstliche Bärenfleischpastete gibt. Dort kann ich auch endlich meine Füße hochlegen, was zwar nicht fein, aber nötig ist. Da ich mich mit den Bussen nicht auskenne und vor elf Uhr morgens offensichtlich auch kein Taxi aufzutreiben ist, bin ich vom Karl-Marx-Prospekt bis zur Studentskaja-Straße zu Fuß gegangen. "Da bist du ja durch halb Novgorod getrampelt!" ruft Eduardu in seinem witzigen Deutsch aus.

Aber nur meine Füße sind müde. Und so stelle ich ihm hundert Fragen über Rußland und das Leben hier. Eduardu hat Vergleichsmöglichkeiten. Er war schon in Deutschland - in Bielefeld, der Partnerstadt Novgorods. Einmal hat er die Reise sogar mit dem Fahrrad gemacht - zweitausend Kilometer. Dagegen sieht mein Fußmarsch durch Novgorod jetzt nicht mehr so beeindruckend aus.

 

Ein hübscher Junge ist Eduardu, groß, schlank, mit schönen Augen - der Traum eines jeden Mädchens, denke ich. Aber das Mädchen, das er liebt, seit er sie vor fünf Jahren zum ersten Mal im Bus gesehen hat, will nichts von ihm wissen. Sie will einen Mann mit Geld, mit Aussichten. "Ich denke oft an Selbstmord", sagt er düster. Reinster Dostojewski denke ich. Aber dann korrigiere ich mich: Herzschmerz ist wohl auf der ganzen Welt der gleiche...

 

RESPEKTIERST DU MICH?

Mein letzter Tag in Novgorod. Am liebsten möchte ich sterben. Sicherlich, der Abschiedsschmerz ist groß. Dazu die Hitze, zu wenig Schlaf und - geben wir es zu - die Abschiedsparty gestern Abend, bei der die Männer schließlich aus der Küche flüchteten. Und nichts hilft - weder Baldrian noch Aspirin noch Kreislauftropfen. Ich glaube nicht, daß ich jemals nach St. Petersburg, geschweige denn nach Deutschland kommen werde. Novgorod sehen und sterben...

Kniezitterig wanke ich in die Küche und kann kaum meine Kaffeetasse festhalten. Jurij sieht mich besorgt an. "Minutku - einen Augenblick", sagt er und ist schon zur Tür hinaus. Ringa, die Boxerhündin legt mir den Kopf aufs Knie und sieht mich teilnahmsvoll an. Jurij kommt mit einer Flasche Vodka zurück. Ich schüttele den Kopf und versuche, ihm zu erklären, daß nicht einmal Aspirin geholfen hat. Er hält mir das Glas hin und sagt: "Trink".

Gehorsam leere ich das Glas.

"Noch eins", sagt er.

Dann ist mein Kopf klar, und meine Knie hören auf zu zittern.

Ringa begibt sich beruhigt auf ihre Schlafdecke. Das Leben hat mich wieder. "Dr. Jurij", sage ich dankbar.

Er strahlt.

"Tui menja uwajajesch?" frage ich. "Respektierst du mich?"

Er will sich ausschütten vor Lachen. Denn dies ist eine typisch russische Redensart - eine Frage, die die Russen immer dann stellen, wenn sie etwas zu heftig Vodka getrunken haben.

"Normalno", winkt er ab. "Alles ganz normal."

Als Olga nach Hause kommt, ist sie ziemlich weiß um die Nase, während Iras Gesicht eher ins Grünliche spielt. Aber wir versichern uns alle gegenseitig unseres Respekts - und kurieren alles übrige mit "Dr. Jurijs Wunderwasser".

 


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